Energie
«Die ARA Morgental ist ein Kraftwerk»: Diesen Titel will der Abwasserverband mit einer weiteren Innovation festigen

Ab Mitte Juli soll in Steinach sogar die Fläche über den Klärbecken für die Stromproduktion hinhalten. Ein Solarfaltdach für 1,5 Millionen Franken wird die Anlage überdecken und grünen Strom für 150 Haushalte in der Region produzieren.

Diego Müggler
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So ähnlich wie hier über der ARA Glarnerland werden die Klärbecken der ARA Morgental in einigen Monaten aussehen.

So ähnlich wie hier über der ARA Glarnerland werden die Klärbecken der ARA Morgental in einigen Monaten aussehen.

Bild: Michael Alan Brooks

Selbst der Geschäftsführer Roland Boller beschreibt die Abwasserreinigungsanlage (ARA) zwischen Steinach und Arbon als Kraftwerk. Kein Wunder, denn neben der Hauptaufgabe, der Abwasseraufbereitung, produziert der Abwasserverband Morgental (AVM) jede Menge Energie. Im vergangenen Jahr waren es 4,5 Gigawattstunden – mehr als der jährliche Stromverbrauch von tausend durchschnittlichen Haushalten.

Doch anscheinend genügt dies nicht. So lässt der AVM momentan für 1,5 Millionen Franken ein Solarfaltdach über die Klärbecken der Anlage bauen – eine Innovation des jungen Bündner Unternehmens dhp technology. Die Überdachung aus Fotovoltaikpanels wird ab Juli Strom für weitere 150 Haushalte in der Bodenseeregion liefern.

Das ist ein Solarfaltdach

Dank der Leichtbauweise und der Seilbahntechnologie benötigt das Solarfaltdach nur wenige Stützen. Hier in Flums auf der ARA Seez.

Dank der Leichtbauweise und der Seilbahntechnologie benötigt das Solarfaltdach nur wenige Stützen. Hier in Flums auf der ARA Seez.

Bild: Michael Alan Brooks

Ein Solarfaltdach ist eine Überdachung auf mehreren Stützen. Dabei bilden Solarmodule, welche mittels Seilbahntechnologie fixiert sind, das eigentliche Dach. Da sich dieses in einer Höhe von mehreren Metern über dem Boden befindet, wird der Betrieb darunter nicht eingeschränkt. Dies erlaubt eine doppelte Nutzung der Fläche. Ein Solarfaltdach eignet sich speziell für Abwasserreinigungsanlagen und Parkflächen. Auch für Logistikflächen ist die stromerzeugende Überdachung gedacht. Eine weitere Spezialität ist der patentierte Faltmechanismus, der die Fotovoltaikpanels automatisch in eine Schutzposition fährt, falls dies die Witterung erfordert.

Kunden begeistert von Innovation

Neben Strom spendet ein Solarfaltdach viel Schatten. Bei einer ARA zeigt sich dieser Vorteil neben dem angenehmeren Arbeitsklima während heisser Tage in der verringerten Algenbildung in den Klärbecken. Noch stärker davon profitieren Autofahrer, wenn die Parkierfläche mit Solarpanels überdacht ist, sagt Andreas Hügli, Geschäftsführer von dhp technology. Den ersten solchen Parkplatz gibt es seit einem Jahr bei der Luftseilbahn Kronberg (AI). Hügli sagt dazu:

«Es ist sehr komfortabel, wenn die Gäste nach einer Wanderung in ein kühles Auto steigen können.»
Das Solarfaltdach über dem Parkplatz der Jakobsbad-Kronbergbahn liefert nicht nur Strom für die parkierten Elektroautos, sondern spendet ihnen auch jede Menge Schatten.

Das Solarfaltdach über dem Parkplatz der Jakobsbad-Kronbergbahn liefert nicht nur Strom für die parkierten Elektroautos, sondern spendet ihnen auch jede Menge Schatten.

Bild: PD

Das Ziel von Solarfaltdächern sei die doppelte Nutzung von Flächen zur dezentralen Stromproduktion, erklärt Hügli. So kann eine ARA den produzierten Strom zu einem grossen Teil selbst verwenden. «Dasselbe wird in Zukunft für Parkierflächen gelten, denn die vermehrt auftretenden Elektroautos müssen geladen werden.»

Das Solarfaltdach in Steinach wird nicht das erste seiner Art in der Region sein. Die ARA Rietwiesen in Münsterlingen nahm im Sommer 2020 das erste Solarfaltdach im Thurgau in Betrieb. Ebenfalls seit letztem September produziert die ARA Romanshorn – mit einer dreimal kleineren Überdachung als in Steinach im Bau – einen grossen Teil der benötigten Energie selbst. Geschäftsleiterin Stefanie Weihrater kann bereits ein positives Fazit zur 650'000-Franken-Investition ziehen:

«Es läuft alles automatisch. Wir sind sehr zufrieden und können das Solarfaltdach nur weiterempfehlen.»
Auch die ARA Romanshorn ist seit einem Jahr mit einer Fotovoltaikanlage überdacht.

Auch die ARA Romanshorn ist seit einem Jahr mit einer Fotovoltaikanlage überdacht.

Bild: PD

Sonne am Tag, Gas in der Nacht

Die positiven Erfahrungen in der Hafenstadt waren aber nicht der Grund für das Solarfaltdach im Morgental. Vor zwei Jahren hat der AVM die Energiestrategie angepasst mit dem Ziel, breiter aufgestellt zu sein, sagt Roland Boller. «Momentan produzieren wir einen grossen Teil der Energie durch das Verbrennen von Gas, das bei der Abwasserklärung entsteht.» Falls das Klärgas in Zukunft abnehmen sollte, wolle der AVM mit anderen Mitteln genügend Strom produzieren, sagt der Geschäftsführer. Fotovoltaik eigne sich bestens dafür, da sie sich mit der Stromproduktion durch das Klärgas ergänzt.

Roland Bollder, Geschäftsführer der ARA Morgental.

Roland Bollder, Geschäftsführer der ARA Morgental.

Bild: PD
«Wenn die Sonne scheint, haben wir Solarstrom und können das Gas für schlechtes Wetter oder die Nacht sparen.»

Ein weiterer Grund für die Investition sei der zukünftige Kapazitätsausbau der Abwasserreinigung sowie eine weitere Reinigungsstufe, welche Hormone und Medikamente aus dem Wasser reinigt, sagt der Geschäftsführer. «Dadurch wird sich der momentane Stromverbrauch von 1,8 Gigawattstunden pro Jahr fast verdoppeln.»

Die Klärgastanks der ARA-Morgental sind wichtig für eine ausgeglichene Stromproduktion.

Die Klärgastanks der ARA-Morgental sind wichtig für eine ausgeglichene Stromproduktion.

Bild: PD

Von den Gesamtkosten von 1,5 Millionen Franken entfallen 250'000 Franken auf Fördergelder. Die übrigen Kosten trägt der AVM selbst. Jedoch wird sich das Solarfaltdach planmässig über die 25 Jahre Lebenszeit amortisieren. Dies hänge auch von der Entwicklung der Stromkosten ab, sagt Boller. «Wir rechnen mit einer schwarzen Null.»

Dhp Technology – Energie für die Menschheit

Dhp Technology ist ein 2015 gegründetes Start-up-Unternehmen im Kanton Graubünden. Unter dem Motto «Energy for mankind» zu Deutsch «Energie für die Menschheit» entwickelte die Firma das Solarfaltdach Horizon. Nach einem Pilotprojekt bei der ARA Chur 2017 baute die Firma eine automatisierte Produktion auf, welche bisher über zehn Solarfaltdächer herstellte. Dies ist ein erster Schritt der Unternehmensvision «Eine zeitgemässe Energieversorgung, welche die Anforderungen von Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft gleichermassen erfüllt». Das Unternehmen gewann kürzlich den Schweizer Zukunftpreis.