Eisberge, «Scheissbollen» und die erste Fischerin vom Bodensee: Berichte aus 100 Jahren am und im Wasser

Im Seemuseum Kreuzlingen berichten Zeitzeugen über Seegfrörni, Hochwasser und anderen Extremereignisse am Bodensee.

Julia Christiane Hanauer
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Das Seeufer verwandelte sich in eine bizarre Eislandschaft, hier vor Langenargen. (Bild:PD/Rosgartenmuseum Konstanz)

Das Seeufer verwandelte sich in eine bizarre Eislandschaft, hier vor Langenargen. (Bild:PD/Rosgartenmuseum Konstanz)

Bei einem Oral-History-Abend in Zusammenarbeit mit dem Rosgarten-Museum berichteten Zeitzeugen im Seemuseum Kreuzlingen, wie sie Wetterextreme am See erlebten – allen voran die Seegfrörni 1963. Berge türmten sich in diesem Winter vor dem Konstanzer Trichter auf. Richtige Gebirge waren entstanden.

Der Fährbetrieb von Konstanz nach Meersburg war unterbrochen, dafür landeten vor dem Lindauer Hafen Flugzeuge. Menschen kurvten mit ihren Autos über den See, andere spazierten auf die gegenüberliegende Seeseite. Es waren eindrückliche Momente, von denen Volker Rauwolf aus Lindau und Volker Lerch aus Konstanz berichteten. Rauwolf erzählt:

«Es war ein Erlebnis, über das Eis in die Schweiz zu laufen.»

Dafür gab es sogar schulfrei.

Noch ein Bild mit Eisbergen. (Bild:PD/Rosgartenmuseum Konstanz)

Noch ein Bild mit Eisbergen. (Bild:PD/Rosgartenmuseum Konstanz)

Volker Lerch erinnerte sich an die «Schollenfähren» auf dem Wasser des Gondelhafens, als die Seegfrörni sich bereits wieder ihrem Ende zuneigte. Ähnlich eines Stocherkahns fuhren die Kinder darauf stehend in dem kleinen Hafenbecken hin und her.

Volker LerchZeitzeuge(Bild: Julia Hanauer)

Volker Lerch
Zeitzeuge
(Bild: Julia Hanauer)

«Wir standen im Stadtgarten und konnten den See nicht mehr sehen, so hoch türmten sich die Eisschollen.»

Aber das Naturphänomen war nicht nur reizvoll, es war auch lebensgefährlich. Denn draussen, vor dem Hafen, da gab es dickere Schollen, die wesentlich interessanter waren. Klar, dass Lerch und seinen Freund das reizte.

«Wir standen auf der Eisscholle – und dann kam plötzlich die Strömung.»

Sie schafften es noch an Land, doch zwei weitere Jungen trieben immer schneller am Ufer entlang. Wäre die Wasserschutzpolizei nicht gerade damit beschäftigt gewesen, die Pfeiler der Alten Rheinbrücke eisfrei zu halten, und hätte sie die beiden nicht aus dem eiskalten Wasser geangelt, es hätte schlimm ausgehen können.  

Die Johannes-Prozession. (Bild: Rosgartenmuseum Konstanz)

Die Johannes-Prozession. (Bild: Rosgartenmuseum Konstanz)

Ein ganzes Sägewerk in den See gespült

Von einer ganz besonderen Zusammenarbeit berichtete der ehemalige Seepolizist Wolfgang Bohner und erinnerte an das Hochwasser von 1987. «In Graubünden waren sintflutartige Regenfälle niedergegangen», erzählte er. Das hatte zur Folge, dass zig Bäume, sogar ein ganzes Sägewerk, davon gespült und mit dem Rhein in den See getrieben wurden. Auf diesem bildeten sich riesige Treibholzfelder, die den kompletten Schiffsverkehr lahmlegten.

«Das Holz floss mit der Strömung.»

Auf Schweizer und deutscher Seite wurde das Militär eingezogen, um zu helfen, die Stämme aus dem Wasser zu holen. Und so kam es, dass auf der Reichenau Schweizer Soldaten deutschen Boden betraten. Ein Ereignis, das zeigt, wie in Notsituationen im wahrsten Sinne des Wortes Grenzen überschritten wurden, um sich gegenseitig zu helfen.

Die Fäkalien schwammen auf dem Wasser

Von Hochwasser berichtete auch der Journalist und Historiker Stefan Keller in seiner vorgelesenen Bildergeschichte. Sie handelte von der Sozialistischen Bodensee-Internationalen, bei der 1965 bedeutende Politiker mit dem Schiff über den Hochwasser führenden See nach Arbon kamen. Dazu muss gesagt werden, dass damals noch die Kanalisation direkt in den See geleitet wurde – und auf dem Wasser Fäkalien schwammen.

Stefan Keller Journalist und Historiker(Bild: Julia Hanauer)

Stefan Keller
Journalist und Historiker
(Bild: Julia Hanauer)

«Wollte man im Bodensee schwimmen, musste man den ‹Scheissbollen› ausweichen.»

Heute unvorstellbar, war der See damals ein reiner Moloch. Das hatten auch die Teilnehmer der Sozialistischen Bodensee-Internationalen erkannt und beschlossen die Bodensee-Deklaration, in der sie sich für Umwelt- und Gewässerschutz aussprachen.

Die erste Fischerin vom Bodensee

Auf eine ganz andere Art und Weise lernte Frieda Meier, die einzige Frau der Runde, den See kennen. Sie war die erste Fischerin vom Bodensee. Die Fischerei war ihr in die Wiege gelegt worden, entstammt sie doch einer alten Konstanzer Fischerfamilie. Doch damals gab es noch keine Frauen, die diesen Beruf ausübten und auch Frieda Meier hätte wohl nicht diesen Weg eingeschlagen, wenn ihr Bruder nicht in Kriegsgefangenschaft gestorben wäre.

So kam es, dass sie mit dem Vater hinaus auf den See fuhr und half, den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Den Titel erste Fischerin vom Bodensee trägt sie auch heute noch mit Stolz.

Vier Frauen beim Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Bodensee von 1929. (Bild: PD/Rosgartenmuseum Konstanz)

Vier Frauen beim Schlittschuhlaufen auf dem zugefrorenen Bodensee von 1929. (Bild: PD/Rosgartenmuseum Konstanz)

Seemuseum Kreuzlingen: Startschuss für den Umbau

Mit optisch bescheidenen Eingriffen soll das Seemuseum in Kreuzlingen eine Anpassung an den immer grösser gewordenen Betrieb erfahren. Was mit zwei Freiwilligen vor 25 Jahren begann, wird nun an einen Betrieb mit mehreren Festangestellten und vielen freiwilligen Helfern adaptiert. Derzeit wird noch gepackt, im Januar 2019 geht es dann los mit den Umbauarbeiten.
Isabelle Merk

Noch dreimal «Seegfrörni»

MAMMERN. Von Klezmer bis Schlagerschnulze: «Seegfrörni», das erste Musical am Festival Mammernclassics, stammt aus der Feder des Mammerner Komponisten David Lang. Raffiniert eingespielte Bildprojektionen und Toneinspielungen verbinden sich zu einem stimmigen Szenario.