Einsamer Tod einer Politikerin: Sie findet in Dozwil die letzte Ruhe

Sie wurde nicht vermisst und ihre Urne ging vergessen: Am Dienstag wird die im Sommer 2017 in Baden bei Wien verstorbene Europapolitikerin und Publizistin Johanna-Christine Grund auf dem Friedhof in der kleinen Oberthurgauer Gemeinde beigesetzt.

Bruno Oetterli
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Johanna Grund an einer Sitzung des Europaparlamentes. (PD)

Johanna Grund an einer Sitzung des Europaparlamentes. (PD)

Nach einem bewegten und engagierten Leben war die 1934 in Breslau geborene Johanna Grund am 13. Juli 2017 in Baden bei Wien verstorben. Zu mancher Tragik ihres Lebens – Kindheit und frühe Jugend unter den Nazis, Jahre der Adoleszenz unter der Herrschaft der Sowjetrussen – kam ihr einsamer Tod.

Sie wurde erst Ende Juli 2017 in ihrer Badener Wohnung aufgefunden und musste sofort kremiert werden. Die Urne wurde von einem Bestattungsunternehmer sozusagen im Depot vergessen. Johanna Grund hatte die lokalen Behörden nicht darüber orientiert, dass ihr Hauptwohnsitz in der Schweiz lag. Offenbar vermied sie dies, weil sie ihre existentiellen Kontakte als Journalistin zu den österreichischen Medien nicht beeinträchtigen wollte. So dauerte es, bis das Notariat Arbon tätig werden und den Erbenaufruf im Thurgauer Amtsblatt veröffentlichen konnte.

Hinterlassenschaft im Staatsarchiv des Kantons

Grunds Hinterlassenschaft besteht aus beträchtlichen Aktenbeständen, die sie selber feinsäuberlich in Ordnern ablegte. Diese Bestände, die das thurgauische Staatsarchiv übernommen hat, dokumentieren ihre Aktivitäten als Europa-Parlamentarierin und ihre fast lebenslange Tätigkeit als Publizistin. Im europäischen Parlament in Strassburg vertrat sie zunächst die Republikanische Partei Bayerns, pflegte gute Kontakte mit dem Front National und etablierte sich als eine Abgeordnete, deren Wort Gehör fand.

Als Folge davon wurde sie in diverse Ausschüsse und Delegationen gewählt, in denen sie in den Jahren von 1989 bis 1994 wirkte: in der Delegation für die Beziehungen zu Schweden, Finnland, Island und dem Nordischen Rat, im Ausschuss für Recht und Bürgerrechte, im Ausschuss für die Rechte der Frau; sie war Mitglied in der Delegation im Gemischten Parlamentarischen Ausschuss EG-Finnland und dann im Gemischten Parlamentarischen Ausschuss EU-Finnland.

Sie schrieb Hunderte von Artikeln

Die zahlreichen Termine und Reisen führten dazu, dass Johanna Grund zeitweilig einen Privatchauffeur engagieren musste, um überall ihren Verpflichtungen nachkommen zu können. Trotz der Belastung durch ihr Europa-Mandat schrieb sie weiterhin Hunderte von Artikeln, in denen sie ihr politisches Credo verbreitete. Ihre zahlreichen Voten und Reden sind im Europäischen Parlament archiviert.

Da sie sich mit den Republikanern überwarf und diese Partei zusammenbrach, beschloss sie ihre Europa-Zeit als parteiloses Mitglied und distanzierte sich vom zunehmenden Rechtsdrall gewisser Parteien. Schon früh erschien ihr die EG und dann die EU als eine diktatorische Gemeinschaft, gegen deren Auswüchse sie sich vehement zur Wehr setzte. Ihr Buch «Ich war Europa-Abgeordnete. Sieben Jahre Tanz auf dem Vulkan» (1995) ist eine flammende Abrechnung mit den von ihr so empfundenen Fehlentwicklungen in Brüssel und Strassburg.

Die St. Michaelsvereinigung und die SVP zogen sie an

Energisch versuchte sie, Österreich vom Beitritt zur EU abzuhalten. Der Misserfolg schmerzte sie, und desillusioniert suchte sie den Kontakt mit schweizerischen Gesinnungsfreunden. Johanna Grunds Übersiedlung in den Thurgau entsprach ihrer lebenslangen Suche nach besseren und freiheitlicheren gesellschaftlichen Verhältnissen.

Es war die St. Michaelsvereinigung, die sie anzog; es war die SVP unter Christoph Blocher und dann auch die Auns. Sie nahm ab 2009 an deren Mitgliederversammlungen in Bern teil und führte bis kurz vor ihrem Tod eine Art Journal, in dem sie deren Verhandlungen und die eidgenössischen Volksabstimmungen und die Bundesratswahlen vermerkte. Zu ihrer neuen Heimat wollte sie ganz gehören, schloss sich der katholischen Pfarrei Sommeri an und erwarb das Dozwiler Bürgerrecht. Das erklärt diesen Akt von Pietät durch die Gemeinde Dozwil, die ihr nun einen Platz auf ihrem Friedhof gewährt.

Eine Geschichte voller Wunder

Vor 50 Jahren legte Paul Kuhn die Grundlage für die St. Michaelsvereinigung in Dozwil. Der 2002 verstorbene Gemüsegärtner hat die Gemeinde zu einem Gnadenort gemacht, der vor 25 Jahren nach Krawallen traurige Berühmtheit erlangte. Heute ist das Dorf in gewisser Hinsicht ein Paradies.
Markus Schoch