Eines der grössten Seewasser-Kraftwerke am Bodensee und rund 700 neue Wohnungen: Die Gemeinde Egnach hat Grosses vor

Rund um den Bahnhof Egnach sind Überbauungen mit gegen 700 Wohnungen geplant. Diese sollen durch im Seewasser gespeicherte Wärmeenergie im Winter geheizt und im Sommer gekühlt werden.

Markus Schoch
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Der Bahnhof Egnach ist in der Bildmitte. Links davon befindet sich das Thurella-Areal, rechts des Geleises das Luxburgerfeld.

Der Bahnhof Egnach ist in der Bildmitte. Links davon befindet sich das Thurella-Areal, rechts des Geleises das Luxburgerfeld.

Bild: Manuel Nagel

Egnach mit seinen rund 4700 Einwohnern schafft in den nächsten Jahren enorm viele neue Wohnungen auf engstem Raum. Geplant sind zwischen 640 und 680 Stück an drei Orten rund um den Bahnhof. Allein 450 bis 480 werden es auf dem 6,5 Hektaren grossen Luxburgerfeld gegenüber der ehemaligen Zinctec sein. Hinter der Zinctec auf der Aachwiesen (1,2 Hektaren) sind es rund 50, und auf der anderen Seite der Gleise auf dem Thurella-Areal (2,2 Hektaren) kommen nochmals etwa 140 bis 150 dazu.

Die entsprechenden Gestaltungspläne sind bereits aufgelegen (Aachwiesen) oder in Arbeit. In etwa ein bis zwei Jahren dürften die Baubewilligungsverfahren anlaufen.

Das Luxburgerfeld und das Thurella-Areal sollen Teil eines Verbundes werden, der die im Seewasser gespeicherte Wärmeenergie nutzt, um die angeschlossenen Wohnungen und Gewerberäumlichkeiten im Winter zu heizen beziehungsweise im Sommer zu kühlen. Sie soll jährlich Energie im Umfang von 4000 MWh bereitstellen.

Eines der grössten Projekte dieser Art am Bodensee

Das Projekt ist eines der grössten dieser Art am Bodensee. Die Federführung hat die St.Gallisch-Appenzellische Kraftwerke AG (SAK), die wahrscheinlich auch Betreiberin der gesamten Anlage sein wird. Peter Bischoff, Senior Projektleiter Produktion, sagt:

«Wir sind im Moment an einer Machbarkeitsstudie, die Ende Jahr vorliegen sollte.»

Es geht dabei unter anderem auch um die Quagga Muschel, die sich im Bodensee seit ein paar Jahren massenhaft verbreitet und den Wasserversorgern Sorge bereitet, weil sie sich in den Anlagen festsetzt und Schäden verursacht. Geklärt sein soll bis dahin auch, wie viel das Projekt kosten wird. Im Moment könne er dazu noch nichts Genaues sagen, erklärt Bischoff.

Stephan Tobler,Gemeindepräsident Egnach.

Stephan Tobler,
Gemeindepräsident Egnach.

Bild: Donato Caspari

Billig wird es auf jeden Fall nicht. Der Egnacher Gemeindepräsident Stephan Tobler spricht von Millionen, ohne die genaue Summe zu kennen. Weil sie im Bau teuer sind, stehen thermische Seewasserwerke beispielsweise in Baden-Württemberg tief im Kurs. Bischoff sagt:

«Ja, es stimmt, die Investitionskosten sind relativ hoch.»

Aber der Bodensee sei eine sehr ergiebige und noch wenig genutzte Quelle für thermische Energie, die eine echte Alternative zur Wärmesonde darstelle. Gemeindepräsident Tobler geht davon aus, dass sich die Gemeinde finanziell beteiligen wird und auch in der Trägerschaft der Anlage vertreten ist. Er sei «sehr zuversichtlich», dass das Projekt zum Fliegen komme. Auch der Kanton sei stark interessiert daran.

Kantonsschule Romanshorn war eine Pionierin

In Romanshorn gibt es schon seit über 30 Jahren einen grossen Wärmeverbund, der Seewasser zum Heizen beziehungsweise Kühlen nutzt. 1982 schlossen sich die Kantonsschule, die Sekundarschulgemeinde und die politische Gemeinde zusammen, um die Schulhäuser der beteiligen Körperschaften beziehungsweise das Mehrzweckgebäude mit thermischer Energie aus dem Bodensee zu versorgen.

Die Anlage kann 460 Kubikmeter Wasser pro Stunde fördern und ging Ende der 1980er-Jahre in Betrieb. Der Ansaugstutzen befindet sich etwa 350 Meter vom Ufer entfernt 15 Meter unter dem Minimalpegelstand. Andreas Szalatnay vom Ingenieurbüro usic in Romanshorn hat die Anlage bis vor kurzem als Koordinator betreut. Und er war es auch, der 1996 die Firma Zeller beziehungsweise 2014/15 die Investoren der Überbauung Witenzelg mit 165 Wohnungen dafür gewinnen konnte, sich ans Netz anzuschliessen. «Die Reserven sind damit so ziemlich ausgeschöpft», sagt Szalatnay, der vor kurzem in Pension gegangen ist.

Vom Wärmeverbund profitiert auch die Fischbrutanlage. Das Wasser fliesst durch die Becken dort, bevor es wieder in den See zurückgeleitet wird. Zudem gibt es die Möglichkeit, die Sportplätze mit Wasser aus den Leitungen des Wärmeverbundes zu nässen. «Die zentrale Wärmeversorgung erspart über 80 Tonnen Heizöl pro Jahr im Campusgebiet», sagt Szalatnay. Insgesamt belaufe sich die Wärmeabgabe im Winterhalbjahr in die Schulgebäude auf rund 1000 MWh.

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