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Eine Thurgauerin gibt das Tempo an: Giulia Paggiola läuft und läuft und läuft

Die Thurgauerin Giulia Paggiola Sprunger ist Ultramarathonläuferin. Als Tempomacherin
hilft sie anderen Läufern dabei, über sich selbst hinaus zu wachsen.
Ida Sandl
Giulia Paggiola beim Training in Güttingen. (Bild: Andrea Stalder)

Giulia Paggiola beim Training in Güttingen. (Bild: Andrea Stalder)

Am Wochenende ist sie den legendären Bieler gelaufen. Die ganze Nacht, 100 Kilometer insgesamt. Giulia Paggiola Sprunger aus Güttingen kam als Dritte von insgesamt 900 Teilnehmern ins Ziel. 10 Stunden und 49 Minuten hat sie gebraucht. Damit war sie 27 Sekunden schneller als letztes Jahr.

Der Bieler ist hart, ein Drittel der Teilnehmer gibt vor dem Ziel auf. Wie haben Sie die 100 Kilometer geschafft?

Wir sind um 22 Uhr gestartet, bei starkem Wind und Regen. Nach 80 Kilometern kam die Krise. Der Körper möchte schlafen und du fragst dich warum, weshalb und wieso. Das ist der Moment, an dem meine Freundin Ursula einspringt. Sie fährt mit dem Velo neben mir her und coacht mich. Im Körbli hat sie alles, was ich brauche, Traubenzucker, Kägifret, Ragusa. Sie sagt dann: Du bist gut dran oder du läufst so schön locker. Sie weiss einfach, welche Worte mich motivieren. So gegen vier Uhr, etwa bei Bibern, ging langsam die Sonne auf. Ich habe die Vögel pfeifen und die Frösche quaken gehört. Eine ganz mystische Stimmung. Ab da war es nur noch schön.

Giulia Paggiola ist Ultramarathonläuferin. Ihre ersten Laufschuhe hat sie sich vor 22 Jahren gekauft, weil Ehemann Andreas Sprunger beim New-York-Marathon mitlaufen wollte und sie dachte: «Das kann ich auch». Der Ehemann ist inzwischen zu seiner Leidenschaft Tennis zurückgekehrt. Giulia Paggiola läuft weiter und weiter und weiter: 37 Marathons, 45 Halbmarathons. Im September hat sie den 24-Stunden-Lauf gewonnen. Sie wird kein weiteres Mal antreten. Es wäre enttäuschend, als Zweite oder weiter hinten ins Ziel zu kommen.

Das wichtigste Equipment der Ultramarathonläuferin: ihre Schuhe. (Bild: Andrea Stalder)

Das wichtigste Equipment der Ultramarathonläuferin: ihre Schuhe. (Bild: Andrea Stalder)

Was bedeutet Ihnen das Laufen?

Das Laufen ist meine Berufung. Wenn ich laufe, sind mein Körper und mein Geist im Reinen. Viele sagen, ich würde vor dem Alter oder vor meinen Problemen davon laufen. Aber ich laufe schon seit 22 Jahren, jetzt bin ich 49. Klar ist es eine Sucht, aber es macht mich glücklich. Ich bin so gerne in der Natur zu jeder Jahreszeit. Und ich bin unendlich dankbar, dass mein Körper das mitmacht, dass ich nicht verletzt und nie krank bin. Diese guten Gene habe ich wahrscheinlich von meinem Vater geerbt, er war auch ein Läufer und hat jahrzehntelang als Schiedsrichter Fussballspiele gepfiffen.

Sie ist ihr eigener Werbeträger, die grössten Erfolge hat sie sich auf ihre Haut tätowieren lassen. Die Lauf-Outfits sind bunt und die Sportschuhe – sie besitzt 16 Paare – werden farblich darauf abgestimmt. Sie fühle sich dann leichter, fröhlicher, sagt Giulia Paggiola und lacht ihr breites Lachen. Ihre Fröhlichkeit steckt an. Das ist vor allem dann gut, wenn sie – wie so oft – als Tempo- oder Pacemacherin unterwegs ist. Sie steht am Startblock, nicht zu übersehen mit der Flagge auf dem Rücken. Dann kommen die Läufer, die den Marathon nicht alleine durchstehen wollen, weil sie ihn zum ersten Mal laufen, lange pausiert haben oder weil sie eine bessere Zielzeit schaffen wollen. Giulia Paggiola schart die Läufergruppe um sich und läuft mit ihnen die ganze Marathonstrecke mit.

Ihre Erfolge hat sich Giulia Paggiola auf die Haut tätowieren lassen. (Bild: Andrea Stalder)

Ihre Erfolge hat sich Giulia Paggiola auf die Haut tätowieren lassen. (Bild: Andrea Stalder)

Wie muss man sich die Arbeit einer Pacemakerin vorstellen?

Ich laufe in der Mitte meiner Gruppe und bin die ganze Strecke über am Reden. Die Uhr ist dabei sehr wichtig, denn ich muss die Zeit im Griff haben. Es passiert immer wieder, dass man jemanden aus einem Tief herausholen muss. Ich weiss, welche Worte dann helfen. Traubenzucker habe ich auch stets dabei. Ausserdem geht von der Gruppe auch sehr viel Energie aus. Man darf aber nichts erzwingen. Es kann Situationen geben, da kommt der Körper an seine Grenzen. Dann muss man vielleicht ein langsameres Tempo einschlagen. Ich sehe es, wenn jemand keinen schönen Tritt mehr hat, dann steigt die Gefahr von Verletzungen.

Neulich hat sich ein Teilnehmer bei ihr bedankt und ihre positive Motivation gelobt. «Du warst die Pacemakerin bei meinem ersten Marathon im Leben», schrieb der Mann und weiter, «obwohl ich schon mit diesem Gedanken abgeschlossen hatte.» Das hat sie unglaublich gefreut. Das begeistert sie am Laufen. Dass es möglich ist, über sich selbst hinaus zu wachsen. Der Biss und die Ausdauer. Leider hätten viele Frauen zu wenig Selbstbewusstsein, fällt ihr auf. «Gerade Frauen können viel mehr, als sie selber denken.»

Facebook: Laufend glücklich

Medaillen zieren die Wände der Läuferin. (Bild: Andrea Stalder)

Medaillen zieren die Wände der Läuferin. (Bild: Andrea Stalder)

Giulia Paggiola

Nicht der erste Platz sei ihr wichtig, sondern, dass sie gesund bleibe. Bisher hält ihr Körper die Belastung durch die Marathonläufe gut aus. Giulia Paggiola Sprunger ist 49 Jahre alt und gebürtige Appenzellerin. An den Bodensee verschlagen hat es sie wegen des Berufes, wegen der Liebe ist sie geblieben. Ehemann Andreas stammt aus Kreuzlingen. In der Familie Paggiola Sprunger grassiert das Sport-Gen. Andreas Sprunger ebenso wie die zwölfeinhalbjährigen Zwillinge Jason und Jeremy sind begeisterte Tennisspieler. Mama Giulia läuft zudem seit 22 Jahren, viermal hat sie bereits am 100-Kilometer-Lauf von Biel teilgenommen. Jedes Mal war sie ein bisschen schneller.

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