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«Das Thurtal war eine Steppe»: Ein Zeitzeuge erzählt vom Jahrhundertsommer 1947

Der 95-jährige Eugen Alder kann sich noch gut an den Hitzesommer 1947 erinnern. Das Thurtal war eine Steppe, das Wasser knapp und findige Bauern ersannen eine List, um Wasser abzulassen.
Sabrina Bächi
Die Thur bei Pfyn ist 1947 nur noch ein Kiesbett. Kein einziger Tropfen Wasser fliesst mehr. (Bild: Photo Baumgartner, Thurgauer Zeitung vom 22. August 1947)

Die Thur bei Pfyn ist 1947 nur noch ein Kiesbett. Kein einziger Tropfen Wasser fliesst mehr. (Bild: Photo Baumgartner, Thurgauer Zeitung vom 22. August 1947)

Ein weiteres Mal darüber schreiben, dass im Thurgau derzeit alles zu trocken ist und alle unter der Hitze leiden, erübrigt sich. Wer es noch nicht gelesen hat, spürt es sich am eigenen Leibe. Es soll sogar der heisseste Sommer seit 100 Jahren sein. Der einzige Hitzesommer mit einer Dürre ist er aber bei weitem nicht. Ein Leserbriefschreiber in unserer Zeitung fragt sich, ob denn das Jahr 1947 vergessen gegangen sei. Gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz ging das ausgesprochen warme, wenn nicht heisse und vor allem trockene Jahr als sogenannter Jahrhundertsommer in die Annalen ein.

Einer, der sich ebenfalls gut an den Sommer 1947 erinnern kann, ist der Märstetter Eugen Alder. Der Leserbrief hat in ihm die Erinnerungen an die trockene Zeit hochkochen lassen. «1947 habe ich als Lehrer in Pfyn gearbeitet und bin ein paar Mal die Woche mit dem Velo in mein Elternhaus nach Istighofen gefahren», sagt der 95-Jährige. Mit eigenen Augen konnte er deshalb die dramatische Verwandlung des grünen Thurtals in eine ausgedörrte und braune Steppe mitverfolgen.

Fallobst als Futter für das Vieh

«Die Wiesen, die Felder, alles war braun und die Obstbäume stachen mit ihren grünen Blättern richtig hervor», sagt Alder. Doch auch die Obstbäume litten unter der Tröchne. «Es gab früh Fallobst und obwohl es immer hiess, dass man das nicht den Kühen zu futtern geben soll, hat man es 1947 gemacht – es gab einfach zu wenig Futter für das Vieh.» Mit der Zeit wandelten sich auch die letzten grünen Oasen in braune Flecken. Das Laub verlor bereits im Sommer die Farbe und fiel auf den Boden. «Es sah aus wie im Herbst.»

«Im Thurtal sah es aus wie in Griechenland.»

Eugen Alder, Zeitzeuge des Jahrhundertsommers 1947 (Bild: Mario Testa)

Eugen Alder, Zeitzeuge des Jahrhundertsommers 1947 (Bild: Mario Testa)

Als Lehrer musste er auch bei Hitzetemperaturen unterrichten. Von morgens um sieben bis um elf und dann von ein bis drei Uhr nochmals. «Danach mussten die Kinder zuhause auf dem Betrieb helfen», erzählt er. Die Hitze konnten sie mit geschlossenen Fensterläden vom Schulzimmer fernhalten. Das hiess aber, in einem abgedunkelten Raum zu unterrichten. An ein grosses Murren seiner Schüler wegen der Hitze mag er sich nicht mehr erinnern.

«Wir hatten den Krieg überstanden – das war entbehrungsreicher gewesen», erklärt Alder. Das Leben sei viel bescheidener gewesen. «Ich glaube, mit einer einfacher Lebensweise übersteht man eine Not auch besser.» Ein Feuerverbot traf die Menschen 1947 noch nicht so stark wie heute. «Dass man draussen grilliert ist erst in den vergangenen Jahren aktuell geworden. Früher kannte man das nicht.» Schwieriger war es für die Landwirtschaft. «Heu gab es beispielsweise keines. Die Hitze hat ja die Wiesen verbrannt.»

Ein Besenstiel gegen das Plätschern

Was die Menschen aber beschäftigte, war die Wasserknappheit. «Die Thur war stellenweise ganz ausgetrocknet, es floss kein Wasser mehr», sagt Alder. Gerade in Pfyn hatte unter anderem auch der Fabrikkanal dazu beigetragen, dass sich die Thur in eine Schotterpiste verwandelte. Ein Meer aus Kies, aber kein Tropfen Wasser, so weit das Auge reichte.

Auch für die Bauern hatte das eine Einschränkung in der Wassernutzung zur Folge. An das Wasserentnahmeverbot wollten sich aber scheinbar nicht alle halten. «Hinter vorgehaltener Hand sprach man über sogenannte ‹Lauscher›. Das waren Personen im Dorf, die lauschten, ob irgendwo Wasser plätscherte und den Verstoss dann meldeten.» Ob es die Lauscher wirklich gab, kann Eugen Alder nicht mit Sicherheit sagen. An findige Bauern, die sich gegen einen allfälligen ‹Lauschangriff› etwas einfallen liessen, jedoch schon: «Ich weiss, dass es Bauern gab, die das Wasser vom Hahn über einen Besenstiel rinnen liessen, damit es nicht plätscherte.»

Wie der 95-Jährige weiss, hatten die unkontrollierbare Wasserentnahme in Pfyn zumindest eine Auswirkung: Nach der Dürre von 1947 wurden in allen Pfyner Haushaltungen Wassermessgeräte installiert.

Das Wetter im Vergleich: 1947 und 2018

In den Annalen von Meteo Schweiz ist zu lesen, dass sich der Sommer 1947 besonders durch seine ungewöhnliche Wärme und Trockenheit auszeichnete. Dabei gab es nicht unbedingt extrem hohe Temperaturen, sondern vor allem eine lange Dauer der abnormen Verhältnisse. Die Trockenheit dauerte von April bis in den Oktober. Der Niederschlag April bis Juli betrug 1947 in Weinfelden 270 Millimeter. Im gesamten Jahr fiel in Weinfelden nur 815 Millimeter Regen. Im Vergleich sind das nur 70 bis 80 Prozent des normalen Niederschlags im tieferen Mittelland.

Auch 2018 schreibt Meteo Schweiz von einer sehr trockenen und heissen Periode von April bis Juli. Diesmal sind es gar nur 191 Millimeter Regen in Weinfelden, was weniger als der Hälfte des sonst üblichen Niederschlags entspricht.

1947 war seit Messbeginn das bis dahin wärmste Jahr. Die Temperatur lag über das ganze Jahr gesehen um einen Grad höher als der Normalwert. Genaue Messungen zu den Temperaturen im Thurgau gebe es jedoch nicht, schreibt Stephan Bader von Meteo Schweiz auf Anfrage. «Aufgrund der wenigen Messungen aus dem Mittelland ist in den tiefen Lagen des Kantons Thurgau von maximal 40 bis 50 Hitzetagen auszugehen.» (sba)

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