Reportage

Ein Tag im Weinfelder Altersheim Bannau: «Mein Zuhause ist jetzt hier»

Der Pflegeberuf ist streng, viele wechseln den Job nach der Ausbildung. Ein Besuch im Altersheim Bannau zeigt die alltäglichen schönen Momente.

Larissa Flammer & Janine Bollhalder
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Beim Turnen: Tücher werfen fördert die Koordination der Bewohner des Altersheims Bannau in Weinfelden.

Beim Turnen: Tücher werfen fördert die Koordination der Bewohner des Altersheims Bannau in Weinfelden.

(Bild: Andrea Stalder)

Freitagnachmittag. Die nachmittäglichen Sonnenstrahlen wärmen das Werkzimmer des Altersheims Bannau. In einer Ecke sitzt Anna Kern*. Vor ihr, auf einem kniehohen Tisch, liegt ein buntes Wollknäuel. «Ich habe immer viel zu tun», sagt Kern. Aktuell arbeitet sie an Socken.

Kern ist eine von 20 Frauen im Weinfelder Altersheim. «Ich bin seit dreieinhalb Jahren hier.» Sie sei auf eigenen Wunsch ins Altersheim gekommen. «Seit der Pubertät habe ich Rücken- und Knieschmerzen», erzählt Kern. Diese Schmerzen haben es ihr beinahe unmöglich gemacht, sich zu bewegen, wodurch sie stark zugenommen habe. Zuletzt habe sie ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Anna Kern sagt mit einem zufriedenen Lächeln: 

«Hier bin ich jetzt zu Hause.»

«Hier esse ich richtig und bewege mich.» In ihren Fingern klimpern eifrig die Stricknadeln. Reihe um Reihe nimmt die Socke Form an. Die Strickarbeiten von Anna Kern können Passanten und Besucher kaufen – nebst anderen Bastelarbeiten der Bannau-Bewohner. Der Erlös kommt den Senioren in Form eines Ausflugs oder Kaffee und Kuchen zugute.

Anna Kern verbringt ihre Tage aber nicht nur mit Stricken. «Ich studiere jeden Abend das Fernsehprogramm und markiere die interessanten Sendungen des folgenden Tages.» So könne sie ohne Pause von den Tierdokumentationen zum Blaulichtreport und dann zur Spitalsoap zappen. Plötzlich ändert sich Kerns zufriedener Gesichtsausdruck: «Mist, ich habe mich vor lauter Erzählen verzählt.»

Fit im Alter: Yoga mit Aussicht

Zweimal in der Woche wird im Dachgeschoss des Altersheims Bannau geturnt. Durch das hohe Fenster des Raums sieht man bis zum Schloss Weinfelden. Am Morgen des TZ-Besuchs liegt noch weisser Tau auf den Wiesen und Reben – eine Aussicht, die so manchen Senior von der körperlichen Anstrengung ablenkt. Die Turnstunde findet bei Svetlana «Lana» Sinagra statt.

Lana Sinagra.

Lana Sinagra.

(Bild: Andrea Stalder)

«Sie ist ein Geschenk für uns», sagt Anna Kern über die lebendige Frau mit den kurzen, blonden Haaren. Sinagra wärmt die sechs bewegungswilligen Senioren mit Yoga-Elementen auf, die Finger werden bewegt, das Knie wird an die Brust gezogen. «Hoppla, der Bauch ist im Weg», sagt Sinagra lachend und erntet Zustimmung. Im Hintergrund dudelt Schlager, ab und zu erklingt ein röchelnder Husten von Marc Fehr*.

Nach den Übungen wird gespielt: Sinagra platziert eine Vorrichtung mit fünf senkrechten Stäben in der Mitte des Turner-Kreises. Bunte Ringe müssen über die Stäbe geworfen werden, wer die Mitte trifft, erntet die meisten Punkte. Die Senioren spielen eifrig mit – zwar ruhiger, aber mit dem gleichen Elan wie Schulkinder. Einer der beiden teilnehmenden Herren trifft Runde um Runde. Lana Sinagra sagt lachend: «Sie haben wohl geübt seit dem letzten Spiel.» Er schweigt, trifft weiterhin und erzielt mit einem zufriedenen Grinsen den höchsten Punktestand.

Spielen: Zum Spass und fürs Gedächtnis.

Spielen: Zum Spass und fürs Gedächtnis.

(Bild: Andrea Stalder)

Das Turnen soll den Bewohnern der Bannau nicht nur Spass machen und sie unterhalten, sondern gemäss Heimleiterin Beatrice Nufer auch:

«Die Bewegung erhalten, fördern und das Gedächtnis fit halten.»

Deshalb müssen sich die Senioren die beim Spiel erzielten Punkte selbst merken und auch wieder nennen können.

Heimleiterin Beatrice Nufer.

Heimleiterin Beatrice Nufer.

(Bild: Andrea Stalder)

Die Demenz ist ein unbeliebtes Thema. Bei manchen kommt sie schnell. Bei anderen schleichend, Tag für Tag. Wie man es bemerkt? «Wenn jemand wiederholt feststellt, dass er nicht mehr drauskommt», sagt Anna Kern. «Wenn die Augen leer werden», sagt Heimleiterin Nufer.

«Wenn die Leute nicht mehr gegen die innere Unruhe ankommen.»

Nufer hat in ihrer Zeit als Pflegerin erlebt, dass demente Personen wiederholt wegzulaufen versuchten. «Teilweise haben sie stundenlang eine geschlossene Tür öffnen wollen. Es ist dieser Drang zu gehen, der die Demenz offenbart.»

Arbeit erfordert Kreativität: Werken mit Fingerspitzengefühl

Während Anna Kern friedlich strickt, hat sich ein Grossteil der morgendlichen Turner zum Basteln im sonnendurchfluteten Raum der Bannau eingefunden. «Heute machen wir Weihnachtskarten», verkündet Lana Sinagra. Von den Damen erntet sie begeistertes Murmeln – «Schau mal die schönen Sterne» – und von Marc Fehr zaghaftes Unbehagen:

«Ich habe doch so ungeschickte Hände.»

Sinagra motiviert ihn geschickt: «Ich helfe Ihnen.» Genauso wie die Strickarbeiten von Anna Kern sind die Weihnachtskarten für den Verkauf bestimmt. Die Arbeiten schreiten gut voran, obwohl ab und zu ein Tannenbaum verkehrt herum aufgeklebt wird.

Um 15 Uhr gibt es Kaffee, mit jeweils drei Guetzli, Zucker und Rahm. Es scheint die Lieblingszeit der Dame zu sein, die neben Anna Kern und der TZ-Journalistin Platz genommen hat und bis zu der Kaffeepause regungslos aus dem Fenster schaute. Um 15 Uhr jedoch kommt Leben in die Bannau-Bewohnerin; sie verlässt ihren Platz und bringt ihren Mitbewohnern Kaffee, bevor sie wieder im Sessel Platz nimmt und sich in Schweigen hüllt. Kern verrät: «Sie ist schon seit zwanzig Jahren hier.» Sie hat auch miterlebt, als Beatrice Nufer vor sechs Jahren die Heimleitung der Bannau übernommen hat.

Das Altersheim Bannau in Weinfelden

Das Altersheim Bannau in Weinfelden

(Bild: Andrea Stalder)

Das Altersheim Bannau

Die Bannau gehört der Evangelischen Kirchgemeinde Weinfelden an, ist aber offen für Angehörige jeden Glaubens. Die Bewohner des Altersheims sind grösstenteils selbstständig, bedürfen aber leichter Pflege und Unterstützung in ihrem Alltag. Die Senioren wohnen in Einzelzimmern, es gibt aber auch Ehezimmer. Eine Gruppe Freiwilliger mit dem Namen «Plauschgruppe» unternimmt viermal im Jahr Ausflüge mit den Bewohnern.

Neben Nufer sind elf Pflegerinnen im Schichtbetrieb für die Bewohner zwischen 82 und 95 Jahren da. Sie sind auch da, wenn jemand geht. Beatrice Nufer weiss: «Der Pflegeberuf ist nicht einfach.» Sie erwarte von jungen Mädchen in Ausbildung nicht, schon mit dem Tod umgehen zu können. Er sei aber nicht unheimlich, sagt sie.

«Die Leute haben meistens einen zufriedenen Ausdruck im Gesicht, nachdem sie gegangen sind.»

Selten gäbe es jemanden, der einen harten Zug aufweise. «Dann weiss ich, dass er nicht alles nach seinen Wünschen hat abschliessen können.» Beatrice Nufer wünscht sich für die Zukunft, dass die Pflegemitarbeitenden mehr Zeit für die Bewohner des Altersheims haben. «Mehr Zeit für persönliche Gespräche und mehr Zeit für schöne Momente.»

* Namen geändert

Nachgefragt bei der Altersorganisation Pro Senectute: «Der Schritt des Heimeintritts wird oftmals als schwierig angesehen»

Schweizer leben heute durchschnittlich 890 Tage in einem Alters- oder Pflegeheim. Das schreibt das Bundesamt für Statistik auf seiner Website. Peter Burri Follath, Leiter Marketing und Kommunikation bei Pro Senectute Schweiz, fasst die Erfahrung der Organisation zum Heimeintritt zusammen.

Kommt die Initiative zu diesem Schritt eher von den älteren Menschen oder von Angehörigen?

Peter Burri Follath, Leiter Marketing und Kommunikation Pro Senectute.

Peter Burri Follath, Leiter Marketing und Kommunikation Pro Senectute.

(Bild: PD)

Dies ist sehr individuell. Es gibt ältere Menschen, die selber den Wunsch haben, in einem Heim zu wohnen. Sei es, weil sie sich einsam oder unsicher fühlen, sei es, weil sie zunehmend auf Betreuung oder Pflege angewiesen sind. Häufig jedoch machen sich Angehörige Sorgen und befürchten, dass die ältere Person nicht mehr alleine leben und für sich sorgen kann.

Ist dieser Schritt schwierig?

Er wird oftmals als schwierig angesehen. Zum einen gibt man teilweise seine Eigenständigkeit auf, man muss das vertraute Zuhause verlassen und einen Umzug organisieren.

«Zum andern wird vielen älteren Menschen bewusst, dass der Heimeintritt der letzte Teil des eigenen Lebens bedeutet.»

Wie können ältere Menschen von diesem Umzug profitieren?

Gerade bei einem frühzeitigen Eintritt in eine Institution, wenn jemand also noch teilweise selbstständig ist, können Freizeitangebote genutzt und soziale Kontakte neu geknüpft werden. Es kann auch eine Entlastung sein, wenn man sich nicht mehr um den Haushalt kümmern muss und man sich in guten Händen fühlt.

Treten Menschen heute immer später ins Altersheim ein?

Grundsätzlich sind Seniorinnen und Senioren heute im Durchschnitt älter beim Heimeintritt als noch vor 30 Jahren. Dies hat damit zu tun, dass sie länger fit und unabhängig sind. Wir sprechen von zusätzlichen zehn gesunden Lebensjahren nach der Pensionierung. Zudem können ältere Menschen dank des wachsenden Angebots von ambulanten Dienstleistungen wie Spitex länger zu Hause wohnen bleiben.

Wie können sich ältere Menschen über den Umzug in ein Altersheim informieren?

Ältere Menschen oder ihre Angehörigen informieren sich einerseits über Beratungsstellen wie Pro Senectute oder auch kommunale Anlaufstellen. In persönlichen Gesprächen werden die Bedürfnisse, die Anforderungen an ein Heim und auch die Finanzierung besprochen. Viele Altersinstitutionen haben bereits heute eine Website. Auch auf diesen sind umfassende Informationen zu finden.

www.tg.prosenectute.ch

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