Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Ein Buch und eine Ausstellung in Konstanz erzählen von den gefährlichen Seiten des Bodensees

Liebliche Gestade und Leichen am Grund: Der Bodensee kann ganz schön gefährlich sein.
Dieter Langhart
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
Vernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias EngelsingVernichtete Ernte: Bauern auf einem Feld im Tägermoos. Bild: Archiv Tobias Engelsing
9 Bilder

Das grosse Wasser

Der Bodensee beginnt eigentlich im Bündnerland. Von da kommt all sein Wasser her. Und wenn von da richtig viel Wasser kommt, säuft das Rheintal ab und wird zum See und unser Bodensee läuft über. Früher häufig, heute geben sich Rhein und See zahm, Gott und den Ingenieuren sei Dank.

Aber von wegen lieblich – der Bodensee lädt zwar zum Bade, doch immer wieder spielt er Badenden und Bootsfahrern einen Streich, stürmt und tobt fast wie der Walensee. Dann rette sich ans Ufer, wer kann. Umgekehrt häufen sich die Sahel-Sommer; der Wasserspiegel sinkt, die Badis sehen grässlich aus, der Schlick stinkt, den Schwimmern stinkt es. Und sie denken an alles andere als an Dichter Emanuel von Bodman, der in Gottlieben wirkte, im heutigen Literaturhaus Thurgau, und 1946 starb. Er schrieb:

Der Bodensee

Weithin weht der Glockenklang
Von den Türmen nieder,
Und der See hallt süss und bang
Das Geläute wider—

Wie wenn die versunkene Zeit
In der blauen Tiefe
Angerührt zu Lust und Leid
Aus dem Schlafe riefe.

«... süss und bang ... Lust und Leid»: Der Dichter besingt das Gegensätzliche unseres grossen Sees, während die aktuelle Ausstellung im Rosgartenmuseum Konstanz sich auf das Bange und Leidvolle konzentriert. «Der gefährliche See» heisst sie und ist eine Wucht. Ebenso das reiche Begleitbuch, das auf 250 Seiten tausendundeine Geschichte erzählt. Geschichten von Hochwassern und Seuchen, Spitzgras und Schwarzbrennerei in Zeiten des Hungers, Geschichten vom Nationalbewusstsein und Katastrophentourismus, von Naturgewalten und Leichtsinn, von den Wracks, die am Seegrund vor sich hin rosten, und vom grossen Eis an der Oberfläche, wenn der See ganz zufriert. 1963 passierte das zum letzten Mal, doch dieses Spektakel wird der Klimawandel kaum mehr wiederholen wollen. Ihm widmet Tobias Engelsing das letzte Kapitel in seinem Buch, spricht Niedrigwasser und Extremstürme an.

Der Direktor der städtischen Museen Konstanz hat die Ausstellung «Der gefährliche See» konzipiert und ein hervorragendes Buch dazu verfasst, das im Südverlag erschienen ist. Alles ist fundiert erklärt und mit historischen Aufnahmen anschaulich bebildert – eine schaurig-schöne Zeitreise. Kommen Sie mit auf diese Reise, bevor das grosse Wasserloch namens Bodensee verlandet und verschwunden sein wird. In etwa 20'000 Jahren.

«Kinder in der Wiege bis in den Bodensee gekommen»

Lindauer Chronik 1762: «Der Rheinfluss wütete so stark, dass er in Graubünden 72 Häuser mit fortriss. Es sind Kinder in der Wiege bis in den Bodensee gekommen.» Wenn die Hochwasser des Alpenrheins in den vergangenen Jahrhunderten den Wasserstand des Bodensees ansteigen liessen, dann herrschte «Rheinnot». Was tun, damit das Flussbett die gewaltigen Wassermassen schlucken kann?

1892 vereinbarten die Nachbarstaaten Schweiz und Österreich-Ungarn einen Staatsvertrag, um den Überschwemmungskatastrophen zwischen Sargans und dem Bodensee Einhalt zu bieten. Der Rhein wurde begradigt und verkürzt – doch noch immer lagerte sich zu viel Geschiebe ab, sackten die Millionen Kubikmeter Schwebstoffe nicht auf den Grund, sondern liessen das Mündungsgebiet verlanden. Der Rhein musste also weiter gezähmt und korrigiert werden. Die schon damals auch kritisierte Kehrseite: Talmoore und Brutgebiete verschwanden, die Landschaft hatte sich radikal verändert. Der Rhein war banalisiert worden.

«Hülfe in der Not wird von Tag zu Tag dringender und die Eidgenossen stehen wieder vor einem Landesunglück», schrieb der Winterthurer «Landbote» im Oktober 1868. Das Wasser stand den Bodenseeanrainern wieder einmal bis zum Halse. Die Hochwasser (und auch die Niedrigwasser wie im Winter 1972) nehmen in Ausstellung und Begleitbuch am meisten Raum ein – die alten Fotografien sprechen Bände. Etwa alle hundert Jahre war es besonders schlimm: 1342, 1566, 1640, 1770, 1817, 1926.

Mit dem Wasser kamen die Seuchen

Die Kirche war rasch zur Stelle, wenn es um Erklärungsversuche ging: Kometen etwa waren schuld an Gottes Strafgericht. Im schneereichen Februar 1692 stürzten in Gottlieben drei Häuser in den Seerhein. Für den Pfarrer war die Lage klar: Ein derartiges Unglück konnte nur «von der Hauptursache unserer Sünden» herrühren.

Mit dem Wasser kamen oft die Seuchen, denn die Abwässer aus den Fäkaliengruben schwappten zurück in die Häuser; erst ab Ende des 19.Jahrhunderts gab es überhaupt eine richtige Wasserversorgung. Damals schon boten Fotografen Freilicht-Erinnerungsfotos von Naturereignissen an.

Die betroffenen Bewohner wussten sich zu helfen. In Steckborn, Gottlieben oder Ermatingen bauten sie Stege über die überfluteten Gassen. Der Bau solcher Hochwasserstege am Bodensee wird 1566 erstmals in einer Chronik erwähnt. Die betroffenen Bauern hingegen konnten von den überschwemmten Wiesen kein Heu mehr gewinnen, Gemüseernten wurden vernichtet, erzeugte Engpässe bei der Versorgung, trieben die Preise hoch. Im Hungerjahr 1817 hatte die eidgenössische Solidarität Grenzen: «Fruchtsperren» gegen die Ostschweiz wurden eingerichtet.

Mit zwei Fotografien vom Hochwasser 1999 zeigt Tobias Engelsing bewusst einen Kontrast auf: Isabelle Bieri-Hummel, Leiterin der Gottlieber «Drachenburg», posiert am aufgebockten Flügel – die Lokale am Hafen von Stein am Rhein haben wasserfeste Terrassen für Schaulustige eingerichtet.

Im Wollmatinger Ried Tanker be- und entladen?

Dem vor dem Ersten Weltkrieg aufkommenden Katastrophentourismus widmet Engelsing ein eigenes Kapitel. Das Hochwasser von 1877 wurde erstmals umfassend fotografiert; der See habe «ein imponierendes Aussehen», schrieben Zeitungen, das lockte Schaulustige an.

Dann, nach dem Ersten Weltkrieg, kam ein neuer Kampf gegen die Natur: Korrektionspläne für den Bodensee, initiiert von verschiedenen Industrieverbänden. Konstanz sollte Rotterdam Konkurrenz machen: Kräne sollten im heutigen Wollmatinger Ried – einem Naturschutzgebiet – die Tanker der Grossschifffahrt beladen und entladen, ein Flugplatz im Ried wurde angedacht, ein grosses Hafenbecken im Tägermoos. Breiter Widerstand regte sich dagegen, nicht nur aus Naturschutzkreisen, doch Konstanz wollte so richtig Grossstadt werden, Opfer müssten gebracht werden.

Das «Dritte Reich» aber setzte andere Prioritäten, die grossen Pläne fielen in sich zusammen – und 1938 stellte gar Hermann Göring das Wollmatinger Ried gönnerhaft unter Naturschutz. Bis 1967, bis zum «Maximalprojekt» der «Industrialisierungsschwärmer» (Engelsing), das Hochwasserregulierung mit Kraftwerkbau und Rheinschifffahrt verbinden wollte. Gescheitert sind die Pläne, den Bodensee zum zweiten Ruhrgebiet zu machen, an einer Besonderheit der Euregio: an der Internationalität des Gewässers. Der juristische Schlusspfiff für all die Planspiele und Projekte kam am 26. August 1973. Da beauftragte das Thurgauer Volk seine Regierung, einen Artikel in die Verfassung aufzunehmen, der ausdrücklich verbietet, an Bodensee und Rhein Schleusen, Kraftwerke und Frachthäfen zu bauen. Die Abstimmung war eindeutig: 39694 Ja gegen 5542 Nein. Dabei ist es bis heute geblieben. Engelsing zitiert den Dichter Kurt Marti zur ungebrochenen Kraft des Elements Wasser: «Einzig, was fliesst, hat Bestand.»

Tobias Engelsings Buch zur Ausstellung liest sich stellenweise wie ein Krimi. Er schreibt von den waghalsigen und saufenden Schiffern; er zeigt die Ermatingerin Hope Läubli, die als Vierjährige staunte, wie das Jahrhundertwasser 1999 an das Elternhaus heranrückte, wie sie sich fürchtete und später mit einem Nachbarbub «Achtung, das Hochwasser kommt!» spielte; er schreibt von den wettergegerbten Bodenseefischern, die genagelte Lederstiefel anhatten: «Wer darin über Bord ging, war rasch verloren.»

Nein, der Bodensee war nicht für alle ein Postkartensee: Seit 1958 sind zwischen 70 und 90 Verunglückte nicht mehr aus dem See aufgetaucht.

Verschwundene Schiffe, vermisste Leichen und die grosse Kälte

1860 begann das Unglücksjahrzehnt der Dampfschifffahrt. Der explodierte Kessel der «Rheinfall» steht als Mahnmal an der Hafenmole in Berlingen; der Maler Adolf Dietrich hatte das Unglück Jahrzehnte später, 1935, gemalt. Überhaupt ist der Bodensee voller Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg und voller Wracks: Dampfschiffe, vermisste Jachten, Flugzeuge aus Kriegs- und Friedenszeiten. Hinzu kommt der im See entsorgte Schrott des Industriezeitalters – ganze Schiffsrümpfe gehören dazu, so tief sind die Schrottpreise. Das älteste Wrack ist ein Einbaum aus der Bronzezeit, über 3000 Jahre alt; das berühmteste Wrack ist die «Jura», die 1864 nach der Kollision mit der berüchtigten «Stadt Zürich» untergegangen war. Und Leichen müssen da unten liegen.

Wenn es kalt ist, sehr kalt, macht der See auf Seegfrörni. Dann wandern und schlifern alle übers Eis. Sechsunddreissigmal zwischen 875, der ersten Erwähnung in einer Chronik, und der bislang letzten im Winter 1962/63.

«Der gefährliche See»: Kulturzentrum am Münster, Konstanz; bis 29.12.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.