Egnacher Baumriese von Efeu befreit

Die Gemeinde stellt einen der mächtigsten Birnbäume der Schweiz unter Schutz. Dafür greift sie tief in die Tasche. Es handelt sich ja auch um ihr Wappenlogo.

Michel Brunner, Baumpfleger und unterwegs für diese Zeitung
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Baumpfleger entfernen spätabends den Efeu. Das Licht kommt vom Traktor. Bild: Michel Brunner

Baumpfleger entfernen spätabends den Efeu. Das Licht kommt vom Traktor. Bild: Michel Brunner

Im Täschliberg tragen sie von Sommer bis Herbst noch Schale und Fliege. Die Rede ist nicht von übertrieben gekleideten Männern, sondern von Birnen. Als «Fliege» bezeichnet man denn die vertrockneten Blütenkelchblätter auf der Fruchtunterseite. Die Birnen im Täschliberg gehören zur verbreiteten Sorte «Wasserbirne», die bei Möhl jährlich zu Most verarbeitet werden. Die Mostbirnen wären also kaum die Rede wert, wäre da nicht der Baum, der diese trägt.

Rund zwanzig Meter hoch und breit

Also jetzt im Winter trägt der Birnbaum natürlich gar nichts; auch kein Laub. Vor kurzem aber bekleidete ihn noch ein dicker Mantel aus Efeu, der nicht nur den Stamm gefährlich einhüllte, sondern auch seine hochgestreckten Hauptäste. Im Vergleich zur Sorte ist der Baum nämlich alles andere als gewöhnlich. Nebst dem rekordverdächtigen Stammumfang von vier Meter dreissig verfügt der Baum über zwanzig Meter Kronenbreite und ist mindestens so hoch. Um das einmalige Exemplar zu erhalten, wurde deshalb der Efeu sachgemäss entfernt.

Den Baum besuchte ich erstmals im Herbst 2018 im Zuge einer Meldung der Bauernfamilie Schär, die stolze Besitzer sind. «Früher sind mein Vater und ich noch in den Wipfel hochgeklettert, um die Mostbirnen herunter zu schütteln», sagt Ernst Schär. Als er vor rund dreissig Jahren nach einem Herbststurm einen Riss im Stamm entdeckte, war er ebenfalls nicht aufzuhalten. Mit kühner Kletterei von einem Stämmling zum anderen zog Schär ein Stahlseil rund um die Hauptäste der Baumes und zurrte dieses mit Hilfe des Traktors an. Dank dieser – wenn auch nicht mehr ganz fachgerechten – Methode verdanken wir heute noch die unverblühte Schönheit des Birnbaumes, der vor allem im Frühling weit und breit das grösste Blumenbouquet und eine eigene Bienenweide stellt. «Vermutlich hat ihn seinerzeit mein Urgrossvater Abraham gepflanzt», sagt Schär. In guten Jahren wirft der etwa 150jährige Baum zweieinhalb Tonnen Ernte ab.

Die Gemeinde zahlt 1500 Franken

Dieser Rekordbaum macht der Gemeinde jedenfalls alle Ehre, denn man findet einen stilisierten Birnbaum sogar im Wappen von Egnach. Um ihn möglichst lange zu erhalten, hat die Gemeinde entschieden, aufgrund meiner Empfehlung eine fachgerechte Baumpflege mit einem Beitrag von 1500 Franken zu unterstützen und ihn unter Schutz zu stellen. Nochmals Tausend Franken stammen aus dem Portemonnaie der Familie Schär und mit dem finanziellen Entgegenkommen der Firma Baumpflege Dietrich GmbH, die auf solch alte Bäume spezialisiert ist.

Mit meiner ehrenamtlichen Hilfe nahm das Unternehmen schliesslich Formen an. So waren es kürzlich mit mir vier Mann, die ganztags über damit beschäftigt waren, den gross gewordenen und eingewachsenen Efeu vom Baum zu entfernen. Dieser musste dringend weg, da er als immergrünes Gewächs Windböen eine viel zu grosse Angriffsfläche bot und besonders auch bei Nassschnee zusätzlich ein enormes Gewicht erhielt.

Michel Brunner, Baumexperte.

Michel Brunner, Baumexperte.

Nachdem dieser entfernt wurde und Hohltau-Seile in die Kronenäste eingezogen wurden, musste man noch die alten Stahlseile mit einem Winkelschleifer kappen, damit die Krone in die neue Verankerung fiel. An diesem Tag sprühten die Funken jedenfalls feierlich bis gegen 20 Uhr. Es mussten auch eingewachsene Isolatoren eines ehemaligen Viehzaunes und gleich drei Hufeisen, welche einst als Kletterhilfe dienten, in kräfteraubender Arbeit durchtrennt werden. Ein Baumpfleger nahm das Stück des Hufeisens als Glücksbringer und Erinnerung mit. Die Pflege des zukünftigen «Wappenbaums» wurde damit erfolgreich abgeschlossen.