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Egnach geht bei der Integration neue Wege und macht mit Sozialhilfebezügern «Eine harte, aber faire Schule»

Die Gemeinde Egnach arbeitet bei der Integration von Sozialhilfebezügern mit der Firma ORS zusammen. Die Erfahrungen in einem Pilotprojekt sind nach Aussagen der Beteiligten sehr gut.
Markus Schoch
Egnach geht in der Integration neue Wege. Das Pilotprojekt soll im ganzen Oberthurgau Schule machen. Vlnr: Leiter sozialer Dienste Egnach Pius Schenker, VerenaDrachsler, Ponnampalam Ponsivasothy und von der Firma ORS Roman Sturzenegger.

Egnach geht in der Integration neue Wege. Das Pilotprojekt soll im ganzen Oberthurgau Schule machen. Vlnr: Leiter sozialer Dienste Egnach Pius Schenker, VerenaDrachsler, Ponnampalam Ponsivasothy und von der Firma ORS Roman Sturzenegger.

Die Gemeinde Egnach ist mit der heutigen Situation nicht ganz glücklich. Sie hat zwar den gesetzlichen Auftrag, Sozialhilfebezügern nach Möglichkeit zu helfen, eine Arbeit zu finden. Doch die Realität sehe anders aus, sagt Pius Schenker, der Leiter der Sozialen Dienste. Die diversen Beschäftigungsprogramme würden den Teilnehmern vor allem eine Tagesstruktur und damit Stabilität bieten. Das sei in vielen Fällen wichtig und richtig, sagt Schenker. Aber eben nicht in allen Fällen. Es gebe auch Klienten, die alles oder fast alles mitbringen würden, um in einem Büro oder an einer Werkbank ihr eigenes Geld für den Lebensunterhalt verdienen zu können. Für sie brauche es andere Modelle.

Auf der Suche danach ist Schenker bei der Firma ORS fündig geworden, die keine Unbekannte in Egnach ist. Sie führte lange Jahre das Restaurant Traube, wo Asylsuchende und Sozialhilfebezüger mit geringer Vermittlungschance eine Beschäftigung erhielten. «Die Erfahrungen in der Zusammenarbeit waren sehr gut», sagt Schenker.

Drei Stufen auf dem Weg zu einem neuen Job

Der privatwirtschaftlich organisierte Integrationsdienstleister hat unlängst ein neues Konzept entwickelt, das den Fokus auf die berufliche Wiedereingliederung von Fürsorge-Empfängern richtet und in drei Phasen gegliedert ist: Die erste nennt sich Flying Assessment und ist eine zweitägige Standortabklärung. Danach folgt eine mindestens vierwöchige sogenannte Aufbau- und Stabilisierungsphase in einem eigenen Betrieb – im konkreten Fall dem Restaurant Egnacherhof. Roman Sturzenegger, der Leiter Arbeitsintegration bei der ORS sagt:

«In dieser Zeit lernen wir den Menschen kennen. Wie er sich ins Team integriert oder auf Druck reagiert».

In einem geschützten Bereich können so Defizite aufgearbeitet werden. Gleichzeitig erhalten die Teilnehmer eine interne Schulung und werden mit Bewerbungscoaching unterstützt. Im dritten Teil des Programms arbeiten sie während zweier bis fünf Monate jeweils für ein paar wenige Tage in einem externen Unternehmen. Dabei sammeln sie Berufserfahrung unter realen Bedingungen und erhalten eine qualifizierte Rückmeldung von einer Fachperson aus der Wirtschaft. Parallel dazu läuft die Jobsuche weiter.

«Die Erwartungen sind erfüllt worden»

Für den Egnacher Gemeinderat tönte das alles vielversprechend. Er bewilligte im letzten August einen Kredit von rund 100000 Franken für ein Pilotprojekt, das vor kurzem abgeschlossen worden ist. Mit den Ergebnissen sind die Beteiligten sehr zufrieden. «Die Erwartungen sind erfüllt worden», sagt Schenker.

Die Hälfte der zehn Teilnehmer – mehr oder weniger alle in Frage kommenden Personen im Dorf – sollte am Schluss finanziell auf eigenen Füssen stehen, womit die Investition gemäss Modellrechnung nach neun Monaten amortisiert gewesen wäre. Tatsächlich musste die Gemeinde per Ende April fünf Personen keine Sozialhilfe mehr zahlen, was monatliche Einsparungen von rund 7600 Franken bedeutet. Und dabei war die Ausgangslage keine einfache. Rund die Hälfte der Teilnehmer verfügt über keine berufliche Ausbildung.

Einer fand nach sechs Jahren plötzlich eine Stelle

Die Entlastung der Gemeinderechnung hat allerdings nicht in allen Fällen damit zu tun, dass die betreffende Person den Sprung in die finanzielle Unabhängigkeit geschafft hat. Ein Mann verweigerte sich dem Programm grundsätzlich und erschien gar nicht erst zum Gespräch, was für ihn nicht ohne Folgen blieb. Ein anderer tat es ihm gleich, suchte aber selber erfolgreich eine Stelle, nachdem er zuvor sechs Jahre lang Sozialhilfe bezogen hatte. Ein Dritter tauchte ganz ab und verliess möglicherweise die Schweiz. Ein Vierter klinkte sich im Verlauf des Programms aus und liess nichts mehr von sich hören, was Sanktionen nach sich zog. Ein Fünfter fand einen Job, musste den Betrieb während der Probezeit aber wieder verlassen und suchte dann selber etwas Neues. Ein 45-Jähriger aus Sri Lanka bekam einen Arbeitsvertrag für eine 50-Prozent-Stelle als Küchengehilfe in einem Restaurant; davor war er über zwei Jahre in einem Beschäftigungsprogramm.

Doch es gab auch solche, die zwar motiviert an die Sache gingen, aber doch nicht ins Ziel kamen. Eine Frau brach in einem Praxisbetrieb zusammen, weil ihr der Druck zu gross war. Eine 59-Jährige erhielt zwar gute Noten für ihren Einsatz während der Fachabklärungen in zwei Pflegebetrieben, für eine Festanstellung reichte es ihr aber nicht. Immerhin hat sie ihr Selbstwertgefühl zurück und glaubt an ihre Chance, wie sie selber sagt. «Wir unterstützen die Frau deshalb weiter», sagt Sturzenegger. Zuletzt arbeitete sie als Pflegehelferin in einer Demenzstation. Zwei Personen fielen gleich zu Beginn aus dem Programm. Ausschlusskriterien sind ein Suchtproblem oder psychische Schwierigkeiten.

«Fast jeder findet so eine Stelle»

Gemeindepräsident Stephan Tobler hofft, dass andere Gemeinden und Städte in der Region aufgrund der Erfahrungen in Egnach ebenfalls die Zusammenarbeit mit der ORS suchen. Auch diejenigen, die dem Programm bis jetzt kritisch gegenüberstanden. Das Angebot sei vor allem deshalb attraktiv, weil man nur für konkrete Leistungen bezahlen müsse, sagt Gilbert Piaser, der Geschäftsführer der Regio Oberthurgau, in der alle Gemeinden und Städte zusammengeschlossen sind.

«Ich bin überzeugt, dass über kurz oder lang alle mitmachen.»

Der Egnacher Sozialdienst-Leiter Pius Schenker würde es sich wünschen: «Fast jeder Sozialhilfe-Empfänger sollte in diese wirtschaftliche Schule gehen.» Das Programm sei hart, aber fair. Wer motiviert sei und eine gewisse Flexibilität zeige, finde so auch bei relativ schlechten Kenntnissen der deutschen Sprache mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Stelle. Profitieren würden alle, sagt Sturzenegger. «Denn wer keine Arbeit hat, wird krank.»

Aktuell betreut die ORS 20 Personen im Egnacherhof, sie wurden ihr von verschiedenen Gemeinden in der Region Oberthurgau zugewiesen.

ORS

Die Firma ORS mit Sitz in Zürich wurde 1992 gegründet und arbeitet im Bereich der Betreuung und Integration von Asylbewerben und Flüchtlingen. Das Unternehmen hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, geflüchtete Menschen während ihres Auf­enthalts in unserem Land und ­gemäss ihrem Verfahrensstand bestmöglich zu unterstützen und professionell zu begleiten. In der Schweiz beschäftigt ORS 800 Mitarbeiter. Aktiv ist die Firma auch in Deutschland, Österreich und Italien. Angebote hat sie auch für Sozialhilfe-Empfänger, beispielsweise ein Job-Coaching oder ein neues Arbeitsintegrationsprogramm, das Egnach getestet hat. ORS arbeitet anders als die meisten anderen Organisationen in der Branche gewinnorientiert, weshalb die Firma immer wieder in der Kritik steht. (mso)

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