Egnach: Die Nacht nicht zum Tag machen

In Egnach berichtet der Flusskrebsforscher Rolf Schatz über die Folgen der Lichtverschmutzung und das Fischesterben im See.

Trudi Krieg 
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Auch Glühwürmchen sind von der Lichtverschmutzung betroffen. (Bild: PD)

Auch Glühwürmchen sind von der Lichtverschmutzung betroffen. (Bild: PD)

«Wer hat schon einmal ein Glühwürmchen gesehen? Es ist das Tier des Jahres 2019 und leuchtet erst, wenn es ganz dunkel ist», fragte Rolf Schatz in die Runde, welche vergangenen Freitag der Einladung von Naturschutz und Kleintiere und der Kommission Natur und Umwelt zu einem Vortrag über Lichtverschmutzung gefolgt war. Mit Feuer hätten unsere Vorfahren Licht in ihre Behausungen gebracht. Erst mit der Elektrifizierung sei die Menge an Kunstlicht gewachsen. Das nehme jetzt Dimensionen an, die sich gegen uns wenden würde. Astronomen hätten zuerst bemerkt, dass der Sternenhimmel nicht mehr klar sichtbar sei, weil es kaum mehr richtig dunkel werde.

«In der Schweiz gibt es keine absolute Dunkelheit mehr», sagte Schatz. Nachtaktive Tiere wie Flusskrebse oder Fledermäuse würden ihren Lebensraum verlassen, wenn die Nacht verschwinde. Insekten würden Lampen so lange umschwärmen, bis sie an Erschöpfung sterben. Aber auch Pflanzen seien lichtempfindliche Wesen. Die Blätter an den Bäumen würden nicht wegen der herbstlichen Kälte abfallen, sondern wegen der längeren Dunkelheit. Ein Baum, der immer hell angeleuchtet werde, trage länger ein grünes Blätterkleid. Und bei den Menschen würden Schlafstörungen zunehmen, weil bei Licht weniger Melatonin ausgeschüttet werde, ein Hormon, das den Rhythmus regelt.

Licht soll gezielt eingesetzt werden

Schatz wies auf die «Showbeleuchtung» hin, die auch bei Privathäusern oft gemacht werde und sagt: «Licht, das gegen den Himmel geht und nichts nützt, ist Lichtverschmutzung.» Laut einem Bundesgerichtsurteil dürfe Weihnachtsbeleuchtung erst ab dem ersten Advent und bis zum sechsten Januar in Betrieb sein und höchstens bis ein Uhr nachts eingestellt sein. Gemeinden, Bauleuten und Privatpersonen empfahl Schatz, sich an die Empfehlungen des Schweizerischen Ingenieur und Architektenvereins zu halten, welche die Anwendung von Licht im Aussenraum regeln: Wo beleuchtet werde, sollen wenn möglich Bewegungsmelder installiert werden. Das Licht soll gezielt dorthin geleitet werden, wo es gebraucht wird. Ausserdem sollen warme Farbtemperaturen gewählt werden.

Schatz erwähnte «die besondere Situation am Bodensee». Die Theorie, dass die Fische immer weniger werden würden, weil der See zu sauber sei, stimme so für ihn nicht: «Wenn man künstlich Phosphor beifügen würde, gäbe es vielleicht mehr Fische, aber die Artenvielfalt würde darunter leiden.» Körbchenmuscheln, Garnelen und andere Kleinstlebewesen, welche durch Schiffe aus aller Welt eingeschleppt worden seien, würden sich rasant vermehren und den einheimischen Fischen das Plankton wegfressen:

«Da sind viele Zusammenhänge noch nicht erforscht», schloss Schatz seinen Vortrag.

Lichtverschmutzung bedroht Fortpflanzung der Clownfische

Die weltweit wachsende Lichtverschmutzung gefährdet auch das Überleben von Meeresbewohnern. Das legt ein Experiment mit Clownfischen nahe. Demnach könnte die zunehmende Nachthelligkeit in den Meeresriffen die Fortpflanzungsraten stark beeinträchtigen.