Echte Bereicherung statt Unruheherd

In diesem Jahr feierte die Genossenschaft des Gasthofes Löwen in Sommeri ihr 40-jähriges Bestehen. Karin Sauter ist schon seit über 30 Jahren dabei und engagierte sich auch politisch. Nun macht sie sich Gedanken um ihre Nachfolge.

Manuel Nagel
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Isabelle Rey, Daniel Stoll und Karin Sauter sind die letzten drei verbliebenen Genossenschaftsmitglieder des «Löwen». (Bild: Manuel Nagel)

Isabelle Rey, Daniel Stoll und Karin Sauter sind die letzten drei verbliebenen Genossenschaftsmitglieder des «Löwen». (Bild: Manuel Nagel)

Mehr als ihr halbes Leben ist Karin Sauter bereits als Genossenschafterin im «Löwen» dabei. 1988 stiess die 58-Jährige zum Kollektiv, welches den Gasthof zehn Jahre zuvor gekauft hatte.

250000 Franken betrug der Kaufpreis, «mit 2 Scheunen und 29 Aren Umschwung, inkl. Wirtschaftsinventar», stand im Inserat, welches am 7. Oktober 1977 in der «Wirtezeitung» erschien.

Sechs junge Leute fühlten sich dadurch angesprochen und beschlossen, auf dem Lande das Experiment einer «Alternativ-Beiz» zu wagen. Drei von ihnen, Andreas Blaser, Walter Dahinden und Urs Schenk, stammten aus Bischofszell und bauten dort das Jugendzentrum auf.

Neun Personen umfasste das «Löwen»-Kollektiv 1981, darunter die Gründungsgenossenschafter Susanne Spring (2.v.l.), Andreas Blaser (3.v.l.), Walter «Wali» Dahinden (3.v.r.) und Walter «Walo» Good (2.v.r.). (Bild: PD)

Neun Personen umfasste das «Löwen»-Kollektiv 1981, darunter die Gründungsgenossenschafter Susanne Spring (2.v.l.), Andreas Blaser (3.v.l.), Walter «Wali» Dahinden (3.v.r.) und Walter «Walo» Good (2.v.r.). (Bild: PD)

Das Sextett komplettierte Walters Frau Marianne, Susanne Spring aus Eschlikon und Walter Good aus Appenzell, der als gelernter Koch das Wirtepatent hatte und in der Küche das Zepter schwang. Die übrigen teilten sich die anderen Arbeiten auf und machten alles, vom Service bis zur Buchhaltung.

Idealistische Strukturen sind aufgeweicht

Heute gibt Karin Sauter in der Küche den Ton an, obwohl auch sie keine gelernte Köchin ist – und nebst kulinarischen noch viele administrative Aufgaben zu erledigen hat. «Ich kann nicht kochen», sagt Daniel Stoll, nebst Isabelle Rey drittes Mitglied der Genossenschaft. Er fühlt sich im Service wohl und kommt auch aus diesem Metier.

Genossenschafter renovieren die Nordfassade des «Löwen». Alle halfen mit, wenn es etwas zu tun gab. (Bild: PD)

Genossenschafter renovieren die Nordfassade des «Löwen». Alle halfen mit, wenn es etwas zu tun gab. (Bild: PD)

Als Genossenschafter muss man im «Löwen» mitarbeiten. Das gilt schon seit der Eröffnung am 14. Januar 1978, und so ist es noch heute – eigentlich. Denn Isabelle Rey ist und isst zwar noch jede Woche im «Löwen», aus familiären Gründen ist sie jedoch vor allem im Hintergrund und weniger im Tagesgeschäft tätig.

Die idealistischen Strukturen von einst habe man etwas aufweichen müssen, sagt Karin Sauter, jedoch ohne Bedauern. Das sei der Wandel der Zeit, und der «Löwen» könne es sich nicht leisten, gute Leute zu verlieren – zumal Daniel Stoll und sie dann nur noch zu zweit gewesen wären.

Aber nun, wenige Jahre vor ihrer Pensionierung, macht sie sich Gedanken um die Nachfolgeregelung, damit der Gasthof Löwen auch in Zukunft «Nicht irgend eine Beiz» sein wird, wie der «Amriswiler Anzeiger» am 12. Januar 1978 titelte. Denn das war das Restaurant die letzten 40 Jahre definitiv nicht.

Anständiges und korrektes Verhalten

Die Genossenschafter steckten viel Zeit und Mühe in den Umbau des Restaurants. (Bild:PD)

Die Genossenschafter steckten viel Zeit und Mühe in den Umbau des Restaurants. (Bild:PD)

Anfänglich gab es Skepsis gegenüber «diesen Linken», die dort nicht nur arbeiteten, sondern auch noch gemeinsam wohnten. Das führte oft auch zu Konflikten im Kollektiv.

Hinzu kam, dass – obwohl der damalige Gemeindeammann Oswald den jungen Leuten «Anständigkeit und korrektes Verhalten» attestierte – die Einheimischen eher selten im «Löwen» einkehrten. Diese seien sich halt gewohnt, dass immer derselbe Wirt sie bediene, meinte der Gemeindeammann. Im dritten Jahr verbesserte sich jedoch die Situation und der Kontakt zum Dorf.

«Heute gehört der ‹Löwen› untrennbar zu Sommeri, und die Sommerer sind gern gesehene Gäste. Die ‹Alternativ-Beiz› brachte nicht die Unruhe, wie es einige Unkenrufer befürchtet haben, sondern eine echte Bereicherung.»
Restaurantumbau. (Bild: PD)

Restaurantumbau. (Bild: PD)

Das schrieb der «Amriswiler Anzeiger» bereits zum Zweijährigen am 12. Januar 1980, obschon nur wenige Tage zuvor eine Hausdurchsuchung (siehe Kasten) hohe politische Wellen im ganzen Kanton schlug.

Als fünf Polizisten den «Löwen» auf den Kopf stellten

Am 28. Dezember 1979 suchten fünf Beamte nach Beweisen für ein anonymes Flugblatt gegen einen rechtsextremen Zahnarzt aus Müllheim, der sich in einem Leserbrief in einem militanten deutschen Naziblatt über die Opfer von Auschwitz lustig machte. Als der eingebürgerte Dr. Lorenz Peisl als Nationalrat für die «Nationale Aktion» kandidierte, machte Löwen-Mitwirt Walter Dahinden dies auch in Leserbriefen publik. Das reichte dem Statthalter von Steckborn, bei dem Peisl Klage einreichte, hinter dem Flugblatt ebenfalls Dahinden zu vermuten und den Befehl zur Hausdurchsuchung zu erteilen. Doch «obwohl die Polizisten den ‹Löwen› zwei Stunden lang auf den Kopf stellten, blieb der erhoffte Fahndungserfolg aus» («Thurgauer Zeitung», 7. Januar 1980). (man)

Aus dem baufälligen Gebäude...

Aus dem baufälligen Gebäude...

Während die einen – darunter auch die meisten Medien – dieses Überfallkommando als unverhältnismässig erachteten, «äusserte ein kantonaler Departementssekretär damals öffentlich sein Bedauern, dass die Gewerbefreiheit die Regierung hindere, etwas gegen diese linke Beiz zu unternehmen», schrieb Stefan Keller in seiner Laudatio, als die Löwenarena im Jahr 2003 den Thurgauer Kulturpreis erhielt. Denn seit der Gründung der Genossenschaft gehörten kulturelle Veranstaltungen im Löwen zum Konzept. Viele Künstler traten in Sommeri auf, bevor sie berühmt wurden – so etwa Züri West oder Ursus und Nadeschkin.

... haben die Genossenschafter des «Löwen» ein Schmuckstück gemacht. (Bilder: PD)

... haben die Genossenschafter des «Löwen» ein Schmuckstück gemacht. (Bilder: PD)

Koch Walter «Walo» Good kandidierte einst als Ständerat für einen «anderen Thurgau», Uniformierte ignorierte man und bediente sie einfach nicht in den frühen 80ern, und im Februar 1981 lieferten sich in der «Schweizerischen Bodensee Zeitung» zwei spätere Arboner Politgrössen ein Duell der spitzen Federn.

Arboner Stadtrat serviert hin und wieder

Peter Gubser (SP) war damals noch Lehrer und Andrea Vonlanthen (SVP) arbeitete als Chefredaktor bei der «SBZ». Weil die Schützen des Bezirks Arbon ihre Delegiertenversammlung ausgerechnet im «Löwen» abhielten, schrieb Vonlanthen eine Glosse, die von Gubser mit einem Leserbrief gekontert, und dieser wiederum von Vonlanthen erwidert wurde. Selbst als Stadtrat von Arbon hat Peter Gubser noch hie und da in Sommeri serviert.

Im Garten hinter dem «Löwen» bauten Genossenschafter früher Gemüse an. Auch heute stehen dort noch Hochbeete, in welchen Kräuter für die Küche wachsen. (Bild: PD)

Im Garten hinter dem «Löwen» bauten Genossenschafter früher Gemüse an. Auch heute stehen dort noch Hochbeete, in welchen Kräuter für die Küche wachsen. (Bild: PD)

39 Jahre später geht’s im «Löwen» nicht mehr um Politik und es werden schon gar keine Flugblätter mehr gedruckt. Köchin Karin Sauter will den Gästen ein gutes Essen vorsetzen. Die linke Gesinnung drückt insofern noch durch, dass ausschliesslich Bioprodukte verwendet werden.

Und doch erinnert sich Karin Sauter mit einem Lächeln an den Herbst 1989. Damals hing sie an die Südfassade des «Löwen» ein grosses Spruchband, auf das sie «Ja, schaffen wir die Armee ab» geschrieben hatte. Heute werden sowohl Soldaten, Absolventen der Polizeischule, die ab und zu bei ihr im «Löwen» einkehren, und andere Uniformierte selbstverständlich und herzlich bedient und bekommen ihre Cola – halt einfach eine Bio-Cola.