«Diese Leute müssen sehr verzweifelt sein»: Unbekannte beschmieren die Fenster einer Kreuzlinger Künstlerin mit Hakenkreuzen und Hundekot

Am Wochenende waren unbekannte Täter in Kreuzlingen unterwegs. Nicht zum ersten Mal wurden die Fenster der Künstlerin Micha Stuhlmann beschmiert. Die Polizei ermittelt. 

Judith Schuck
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Micha Stuhlmann vor ihrem Haus in Kreuzlingen.

Micha Stuhlmann vor ihrem Haus in Kreuzlingen.  

Bild: Judith Schuck

Als Micha Stuhlmann am 27. Dezember aus den Weihnachtsferien zurückkehrt und aus dem Fenster schaut, ist sie perplex. Zunächst dachte sie, Freunde hätten ihr eine nette Botschaft auf die Scheibe gemalt – doch dann stellt sie fest, dass zwei ihrer Fenster mit Hundekot beschmiert worden sind. Die Kotbeutel seien noch auf dem Boden gelegen. «Bisher habe ich mich in meinem Zuhause immer sehr sicher gefühlt; aber das habe ich als einen Übertritt in meinen Schutzraum empfunden.» Darum informierte sie die Polizei. Nachdem die erste Aufregung verflogen war, sagte sich Stuhlmann, dass es vielleicht auch nur ein «blöder Bubenstreich» gewesen sei.

In der Nacht auf den letzten Sonntag erneut ein Vorfall: «Im ersten Moment glaubte ich, falsch zu sehen.» Jemand hatte ihr mehrere Hakenkreuze auf drei Fensterscheiben und die Hauswand geschmiert. Wieder hatte der oder die Täter Hundekotbeutel und dieses Mal auch Einweghandschuhe zurückgelassen. Die Polizei identifizierte die Farbe als ein Lack-Betongemisch.

So sahen die Hakenkreuz-Schmierereien aus.

So sahen die Hakenkreuz-Schmierereien aus.  

Bild: PD

Während Hundekot zwar auch eine unschöne Botschaft übermittelt, wurde nun aber ein politisches Zeichen gesetzt. Ursprünglich war die Swastika ein Glückssymbol; die Nationalsozialisten missbrauchten das Hakenkreuz aber als Parteisymbol der NSdAP und als Hoheitszeichen des Dritten Reiches. Was möchte der Täter damit sagen?

So etwas passiere eher selten, sagt der Polizeisprecher

Matthias Graf, Mediensprecher Kantonspolizei Thurgau.

Matthias Graf, Mediensprecher Kantonspolizei Thurgau.

Bild: Andrea Stalder

Matthias Graf, Mediensprecher bei der Kantonspolizei Thurgau, bestätigt die beiden Sachbeschädigungen in Kreuzlingen. Es werde derzeit gegen eine unbekannte Täterschaft ermittelt. Farbschmierereien gebe es zwar immer wieder; aber sowohl Hakenkreuze als auch der Einsatz von Kot komme in der Region selten vor.

«Ich kann das Zeichen nicht deuten», sagt die betroffene Künstlerin, die 2018 den Förderpreis für Kulturschaffende des Kantons Thurgau für ihr Projekt «Laboratorium für Artenschutz» bekommen hat. «Ist es ein Missverständnis von extrem linker Seite, dass jemand das Wort ‹Artenschutz› falsch versteht und mich als Nazi bezeichnet?» Oder hat der Vorfall gar einen rechtsradikalen Ursprung, überlegt sie: «Soll es heissen ‹Wir wollen so jemanden wie dich hier nicht, wir wollen keinen Schutz für Behinderte oder Homosexuelle› – vielleicht gefällt ihnen meine Grundhaltung nicht? Aber ich will das verstehen.»

Sie hat keine Idee, wer das gewesen sein könnte

Wenn Leute zu solchen Mitteln greifen, müssten sie sehr verzweifelt sein, meint Micha Stuhlmann. Dass sich die Aussagen gegen sie persönlich richten, davon ist sie inzwischen überzeugt. «Ich wohne etwas abgelegen, hierhin verirrt sich niemand einfach so.» Zum gegenwärtigen Zeitpunkt habe sie «absolut keine Idee», wer das sein könnte: «Meine Einstellung ist doch so anders», sagt Micha Stuhlmann.

«Eigentlich würde ich gerne mal mit dieser Person reden. Leute, die mit Gewalt aufwachsen, tragen diese auch weiter.»

In ihrer Kunst setzt sie sich mit dem Thema Mensch als Individuum auseinander. Ihr Theaterensemble besteht ebenso aus Menschen mit körperlicher oder psychischer Beeinträchtigung, wie aus Menschen ohne Behinderung. Zudem arbeitet sie in der Förderschule Fischingen als Therapeutin.

«Was wirft man mir vor? Wenn eine Person gezielt zu mir hierher kommt, muss ich mich mit ihr auseinandersetzen.» Während die ersten Schmierereien an der Seite zum Nachbarhaus hin gewesen seien, sei der Täter dieses Mal noch ein Stückchen mehr ins Privatgelände eingedrungen. Ausserdem war Stuhlmann beim zweiten Vorfall zur Tatzeit zu Hause. Dieses Wissen lasse ihr Sicherheitsgefühl noch stärker schwinden.