Die Sulger bekamen dank Elektrizität einen Ort der Begegnung

Dass General Henri Guisan einmal in Sulgen zu Gast war, dürften viele Einwohner nicht mehr wissen. Chronist Erich Hungerbühler hält durch seine Erzählungen auch die Geschichte der «Helvetia» am Leben.

Monika Wick
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Heute sind in der "Helvetia" ein Restaurant und mehrere Wohnungen untergebracht. (Bild: Monika Wick)

Heute sind in der "Helvetia" ein Restaurant und mehrere Wohnungen untergebracht. (Bild: Monika Wick)

Wenn jemand von der «Helvetia» spricht, weiss fast jeder in Sulgen, was damit gemeint ist. Heute befinden sich in dem Gebäude an der Weinmoosstrasse 1 ein Restaurant und mehrere Wohnungen. Das war nicht immer so. «Viele ältere Mitbürger wissen, dass die ‹Helvetia› früher eine eigene kleine Welt war. Man darf sogar behaupten, dass sie vor Jahrzehnten das Kulturzentrum von Sulgen war», erinnert Dorfchronist Erich Hungerbühler.

Erbaut wurde das Hotel Helvetia 1875 von einem Mann namens Germann. Damals war es ein einfacher Gastgewerbebetrieb und verfügte noch nicht über das heutige Ausmass. Als eine von Germanns fünf Töchtern 1895 Albert Isler heiratete, führte das junge Paar die «Helvetia» weiter. Mit dem Aufkommen der Elektrizität im Jahr 1907 vergrösserte Albert Isler das Gebäude um einen grossen Saal und erfüllte damit den Wunsch der Bevölkerung nach einem Ort der Begegnung.

Wirt, Bauer, Obst- und Kohlenhändler

Erst in den Achtzigerjahren wich der Saal Wohnungen. Im Gegensatz zum Türmchen, das noch heute die Südseite des Gebäudes ziert, sind die Ornamente durch Renovationsarbeiten verschwunden.
1932 heiratete Paul Isler, ein Enkel von Germann, die Berger Käserstochter Anni Eggimann. 38 Jahre lang wirtete das Paar, das im «Isler Block» an der Kradolfstrasse wohnte, in der «Helvetia». Neben dem Gastgewerbebetrieb betrieben sie die angrenzende Brückenwaage. «Paul Germann war zudem noch als Bauer, sowie Obst- und Kohlenhändler tätig», erzählt Erich Hungerbühler.

Der Herzlichkeit von Anni Isler und der kaufmännischen Gewandtheit ihres Mannes war es zu verdanken, dass das Hotel glanzvolle Jahre erlebte. Es genoss weit über die Gemeindegrenzen hinaus einen guten Ruf und bot Platz für Tagungen, Sitzungen, Vereinsanlässe, Theater und Konzerte. Da es damals noch keine Unterführung gab, führte die Strasse direkt an der «Helvetia» vorbei.

Kreuzlingen nach Sulgen evakuieren

Die Jahre des Zweiten Weltkriegs waren für alle hart. Auch in der «Helvetia» kehrten entbehrungsreiche Zeiten ein. Im Mai 1940 machte General Henri Guisan ein erstes Mal in Sulgen Station und hielt den Ortsbehörden einen Vortrag über die Lage in und um Sulgen. «Einige Sulger können sich heute noch an ihre Begegnung mit dem General erinnern», sagt Erich Hungerbühler.

1944 besuchte der General Sulgen erneut. Die Kriegslage war sehr ernst geworden und man befürchtete, dass Kreuzlingen evakuiert werden müsste. Im Ernstfall wären Kreuzlinger Flüchtlinge im Saal der «Helvetia» untergebracht worden.

Gravensteiner geopfert für Kirchenbau


1959 hatte Paul Isler eine schwere Entscheidung zu treffen. Die Katholische Kirchgemeinde plante, am Hang hinter der «Helvetia» eine neue Kirche zu errichten. Das bedeutete, dass dafür die grösste Gravensteiner-Kultur im Kanton weichen musste. In Anbetracht seines Alters entschied er sich Isler für den Verkauf der Anlage. Noch im gleichen Jahr verstarb er.

Die «Helvetia» führte seine Frau Anni bis 1970 weiter. «Dann musste sie den Betrieb, der ihr so am Herzen lag, verkaufen», erklärt Erich Hungerbühler in seiner Chronik. Nachdem Anni Isler das Wirten aufgab, wechselte der Besitzer der «Helvetia» mehrmals.