Die Schnecken in der Tägerwiler Kastanien-Allee werden zum Juristenfutter

Die Gemeinde Tägerwilen möchte die Kastanien-Allee fällen und provoziert damit den WWF. Die winzigen geschützten Schnecken auf den Stämmen sollen sich andernorts wieder ansiedeln.

Urs Brüschweiler
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Die Gemeinde Tägerwilen möchte die Kastanien-Allee bei der Castellstrasse entfernen, da die Bäume morsch sind. Umweltschützer wehren sich dagegen.

Die Gemeinde Tägerwilen möchte die Kastanien-Allee bei der Castellstrasse entfernen, da die Bäume morsch sind. Umweltschützer wehren sich dagegen.

(Bild: Reto Martin)

«Eigentlich waren wir im Einvernehmen auf der Suche nach einem Kompromiss für die Kastanien-Allee», sagt WWF-Präsidentin Gabriele Aebli. Sie sei überrascht und irritiert gewesen, als sich der Gemeinderat Tägerwilen im Frühsommer für die «radikale Variante» entschieden hat.

Tatsächlich hat dieser am 22. November die «Fällung und Neubepflanzung geschützter Bäume» öffentlich aufgelegt. Mit rotem Filzstift durchgestrichen sind 26 der alten Bäume auf dem Plan, der im Gemeindehaus hängt.

Gemeindepräsident möchte das Thema vom Tisch haben

«Wir müssen jetzt handeln», erklärt sich Gemeindepräsident Markus Thalmann. Für ihn war klar, dass in absehbarer Zeit keine Konsenslösung zu Stande gekommen wäre. «Und ich will das Thema nicht meinem Nachfolger übergeben.»

Markus ThalmannGemeindepräsident Tägerwilen

Markus Thalmann
Gemeindepräsident Tägerwilen

Reto Martin
«Wir wollen das Leben der überalterten Allee nicht künstlich verlängern, sondern eine schöne, neue pflanzen.»

An der Gemeindeversammlung am 2. Dezember erklärte der Gemeinderat seinen Plan. Nach der Fällung der überalterten Bäume, plant man eine Neubepflanzung mit etwas grösserem Abstand zwischen den Bäumen. Eine Mischlösung mit Edelkastanien und Rosskastanien fasst man ins Auge. Und: Die Stämme der gefällten Bäume mit den Schnecken werden an einigen Standorten in Tägerwilen deponiert. In der Hoffnung, dass diese selber eine neue Heimat suchen. Klar ist für Thalmann: Die Tierchen von Hand abzulesen und umzusiedeln, ist für Tägerwilen keine Option.

Eine Zahnlose Schliessmundschnecke, welche die Tägerwiler Kastanienallee bewohnt.

Eine Zahnlose Schliessmundschnecke, welche die Tägerwiler Kastanienallee bewohnt.

(Bild: Thi My Lien Nguyen - 1.9.2017)

Kleine Schnecken sorgen für grossen Aufruhr

Der Streit um die Zukunft der Allee an der Castellstrasse Richtung Schloss dauert schon mehrere Jahre. Ein von kantonaler Stelle beigezogener Mollusken-Experte hatte im September 2017 festgestellt, dass fast alle Rosskastanien von der Zahnlosen Schliessmundschnecke (Balea perversa) oder der Geradmund-Schliessmundschnecke (Cochlodina orthostoma) besiedelt sind. Beide Arten sind nur wenige Millimeter gross und auf der roten Liste des Bundes für gefährdete Tierarten.

«Eigentlich kommt man gar nicht darum herum», sagt Gabriele Aebli. Das zu entscheiden liege gar nicht in der Hand der Gemeinde. Genauso wenig wie die Befugnis, nach kantonalem und eidgenössischem Recht geschützte Bäume zu fällen.

Gabriele AebliPräsidentin WWF Thurgau

Gabriele Aebli
Präsidentin WWF Thurgau

(Bild: Martina Eggenberger Lenz)
«Ein Pflegekonzept eines Fachmannes liegt vor. Man müsste es nur umsetzen. Die Allee ist auf jeden Fall erhaltenswert.»

Der WWF hat beim Gemeinderat Einsprache gegen die Fällung erhoben. «Auch wenn ein Rechtsstreit nicht unser Ziel war.»

Für Markus Thalmann hingegen war bereits bei der Auflage klar, dass die Sache juristisch entschieden werden wird.

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