Die Perle am Bodensee gehört zu den zwanzig schönsten Orten der Schweiz
Reportage

Die Perle am Bodensee gehört zu den zwanzig schönsten Orten der Schweiz

Das Bundesamt für Kultur und Schweiz Tourismus küren Ermatingen. Aus dem «langweiligsten Ferienort der Schweiz» wird ein «Ort zum Verlieben». Ein Besuch.

Bild: Andrea Stalder
Hana Mauder Wick
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Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Aber wie lassen sich die schönsten Seiten der kürzlich gekürten «Perle am Bodensee» am besten entdecken? Genau. Durch die Augen von Menschen, denen ihre Heimat am Herzen liegt. Einer von ihnen ist Hans Herzog. Im Dorf aufgewachsen war der ehemalige Kapitän und Bürger-Archivar 40 Jahre im Dienst der Untersee-Rhein Schifffahrt URh tätig. Heute begleitet er Besucher auf Touren kreuz und quer durchs Dorf. Dafür braucht es gutes Schuhwerk. Zeit. Und ein Faible für gute Geschichten.

Ermatingen Tourismus

Augenzwinkernd warb der örtliche Tourismusverein für Ermatingen als «langweiligster Ferienort der Schweiz». Das sehen Schweiz Tourismus und das Bundesamt für Kultur anders. Sie haben aus dem Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung 20 Orte ausgewählt, die mit dem Label «Verliebt in schöne Orte» vermarktet werden sollen. Sie liegen entlang der «Grand Tour Switzerland».

«Einst war die Gemeinde in die zwei Teile Stad und Dorf aufgeteilt», erzählt Hans Herzog. Das ehemalige Fischer- und Rebbauerndorf liegt auf einem Bachdelta direkt am Untersee. Es ist das erste urkundlich erwähnte Dorf im Kanton Thurgau. «Früher war es eines der bedeutendes Fischerei-Zentren am Bodensee», erklärt der 71-Jährige.

Die alten Riegelhäuser säumen sich dem Ufer entlang.

Die alten Riegelhäuser säumen sich dem Ufer entlang.

Bild: Andrea Stalder

Das Ziel des Tages ist deshalb die ehemalige Fischerei-Siedlung direkt am Untersee-Ufer. Der Weg führt vorbei an der historischen Schiffsgasse bis zum ersten Inne-Halten am Horn. Der ehemalige Kapitän deutet auf eine lange Wiese. An deren Rand schaukeln im kleinen Hafen die Boote im Takt des Windes. Aber es ist der Blick über den See bis nach Konstanz, der dem Betrachter den Atem verschlägt.

Hans Herzog, Bürger-Archivar

Hans Herzog, Bürger-Archivar

Bild: Hana Mauder

Dreht man die Uhr zurück und hört dem einstigen Seebären zu, steigt ein Bild vor dem inneren Auge auf. Von Fischernetzen, die hier früher zum Trocknen und Flicken hingen. Von langen Wintertagen, an denen das Wasser zwischen in den Einfassungen des Eisweihers gefror. «Aus dem Eis sägte man Blöcke für die Lagerung des Fangs in den Fischhandlungen», erzählt Hans Herzog. Der Weg durchs einstige Fischerdorf führt durch Ober- und Unterstad.

«Früher mussten die Hausbewohner bei Hochwasser das untere Stockwerk und damit die Stube räumen. Sie zogen dann ins Obergeschoss des Hauses ein.»

Am Ufer des Untersees stehen Häuser mit Geschichte

Beim Blick auf die historischen Gassen und schmucken Riegelhäuser ist eine fachliche Perspektive ein Glücksfall. Diesen Part übernimmt ein Ermatinger Urgestein: Ulrich Spreiter. «Ich bin in Ermatingen aufgewachsen», erzählt der 73-jährige Architekt. Eine stattliche Zahl von Bauten und Projekten im Dorf trägt seine Handschrift. «Die dichte Bebauung direkt am Seeufer bildet eine einheitliche Front», erklärt er. «Die Fernwirkung ist beachtlich.»

Das alte Zollhaus.

Das alte Zollhaus.

Bild: Andrea Stalder

Die beiden Ermatinger verbindet die Liebe zu historischen Episoden, die hinter den Fassaden stecken. Etwa vom «Hirschen» in Oberstad, in dem 1830 der kantonale Schützenverein gegründet wurde. Vom Haus «zum Schiff», welches als Sehenswürdikgeit gilt. Oder von der altehrwürdigen Fischhandlung Läubli, wo einst fleissige Hände den Fang für den Transport per Bahn bereit machten.

Eine besondere Erinnerung verbindet den Architekten mit dem alten Zollhaus direkt an der aktuellen Grossbaustelle bei der Stedi. «Die Renovation des Zollhause war mein erster Auftrag. Ich habe es gewagt, den Riegel in grauer Farbe zu gestalten. Dafür musste ich mir im Dorf einiges anhören…»

Die grosse Zeit der Fischerei ist Geschichte. Etwa ein halbes Dutzend Berufsfischer führen die Tradition weiter. Aber eine enge Verbindung zu den Wurzeln ist immer noch zu spüren. In einer Seitengasse stehen die Türen der Fischerei-Brutanstalt offen. Fischerei-Aufseher Roman Niedermann kontrolliert die noch leeren Bottiche. «Hier züchten wir Fischnachwuchs heran», sagt er.

Fischerei-Aufseher Roman Niedermann kontrolliert die Bottiche, in denen Jungfische nachgezüchtet werden.

Fischerei-Aufseher Roman Niedermann kontrolliert die Bottiche, in denen Jungfische nachgezüchtet werden.

Bild: Andrea Stalder

Der Fischerei-Meister weiss viel über das Leben im Untersee. Zum Beispiel, dass die Ermatinger Fasnacht ihren Namen einem Fisch mit breitem Maul – der Groppe – verdankt. Ein paar Schritte weiter erzählt Ulrich Spreiter: «Früher hing man die Fische an langen Stäben im Räucherofen auf. Weisst Du noch, was wir mit den Augen gemacht haben?» Hans Herzog nickt und lacht: «Wir haben sie in die Hosentaschen gesteckt und als Snack auf dem Schulhof gegessen.»

Ulrich Spreiter, Architekt.

Ulrich Spreiter, Architekt.

Bild: Andrea Stalder

Geschmack wandelt sich. Heute bevorzugen die beiden eine Rast in einer «Beiz mit Reiz»: Dem «Seegarten», geführt von Myrtha Graf und Luzia Graf Meier. «Hier verbindet sich Tradition mit Moderne», meint Ulrich Spreiter. «Hier kommt nur Fisch aus eigenem Fang auf den Tisch.» Die Gespräche in der Gaststube kreisen um längst vergangene Tage. Manche Traditionen wie das Gangfischschiessen leben bis heute weiter. Andere wie die einstige Patent-Vogeljagd – die Jagd des kleinen Mannes – wurden nach einer Volksinitiative 1985 verboten. «Ich habe die letzte Vogeljagd noch erlebt», erinnert sich Hans Herzog. «Sie brachte den Familien im Winter Fleisch auf den Tisch.»

Engagierte Bürger reissen die Leute im Dorf mit

Die Bogi-Brugg beim Stadgarten, ein beliebter Treffpunkt.

Die Bogi-Brugg beim Stadgarten, ein beliebter Treffpunkt.

Bild: Andrea Stalder

Gut aufgewärmt zieht es die beiden weiter in Richtung Stadgarten. Hier ticken die Uhren ganz in der Gegenwart. Mütter flanieren mit dem Kinderwagen unter hohen Kastanien. Unter der Bogi-Brücke plätschert der Dorfbach vor sich hin. Es ist ein Treffpunkt der Generationen. Für viele Einheimische – zum Beispiel für den Präsidenten des örtlichen Gewerbevereins – ist es ein Lieblingsplatz. «Der Sonnenuntergang und der Panoramablick sind spektakulär», meint er. Für ihn ist Ermatingen nicht nur einer der schönsten Orte der Schweiz. Sondern auch eine Gemeinde, in der es sich gut leben lässt. «Unser Glück ist sind einige sehr engagierte Bürgerinnen und Bürger. Sie reissen die Leute im Dorf mit.»

Nicht immer herrsche Einigkeit. «Eine Erwähnung in der Fasnachtszeitung ist fast so etwas wie ein Ritterschlag», meint der Ermatinger Uli Mack. Die «Perle am Bodensee» ist, so meint er, kein Museum. «Wir sind ein sehr lebendiges Dorf mit vielen Facetten.»

Eine Zeitreise mit einer lokalen Koch-Legende

Die Tour führt weiter einen schwach geneigten Hang hinauf. Hier stehen Fachwerkbauten und herrschaftliche Häuser. Im mehr als 300-jährigen Riegelhaus mit seltenen Butzenscheiben reinigt Mary Sauter die Fensterscheiben im Kehlhof. «Der Winter kommt bald», meint die 84-Jährige. Sie ist eine lokale Legende. Seit 64 Jahren lebt sie im Kehlhof. Mit Speck und Sauerkraut aus Eigenproduktion bewirtete sie früher die Gäste in die Besenbeiz im ersten Stock.

Die Justizia grüsst, im Kehlhof befindet sich die Richterstube.

Die Justizia grüsst, im Kehlhof befindet sich die Richterstube. 

Bild: Andrea Stalder

Ob man einen Blick in die Richtertube werfen dürfe? Mary Sauter nickt. Vierzehn knarrende Stufen später steht der Besucher in der historischen Gerichtsstube. «Zweimal pro Jahr liess sich der Abt von Reichenau nach Ermatingen rudern, um hier Gericht zu halten», erzählt Mary Sauter. Eine Zeitreise zwischen Kassetten-Decke, Holzboden und biblischen Motiven an den Wänden.

Nach einem letzten Winken geht die Reise weiter den Hang hinauf. Ulrich Spreiter und Hans Herzog erzählen von den ehemals drei Mühlen und von lokalen Perlen wie der Villa Lilienberg oder dem Landgut Ullmberg. Plötzlich steht man vor den – leider geschlossenen – Türen des Gasthofs Adler. Ulrich Spreiter sagt: «Das ist eines der ältesten Gasthäuser des Kantons. Die Malereien an der Fassade zeigen die Tradition der Gangfischerei.»

Es sind Ermatinger Erfolgsgeschichten

Die nächste Station steht für ein Stück Erfolgsgeschichte: Das «Relling’sche Schlössli». In diesem Haus aus dem späten Mittelalter nahm die Goldinger Möbelfabrik ihren Anfang. Jaques Goldinger gilt als Pionier der Möbelfabrikation. «1922 baute die Familie Goldinger die grosse Fabrik an der Bahnhofstrasse», erzählt Hans Herzog. Heute beherbergt jenes Gebäude moderne Loftwohnungen. Ulrich Spreiter sagt:

«In unserer Gemeinde haben sich immer wieder aus kleinen Betrieben richtige Grossunternehmen entwickelt.» 

«Es gäbe noch so vieles zu sehen und zu erzählen», sind sich die beiden Lokalkolorit-Kenner einig. Für heute aber lenken sie die Schritte zurück zum Bahnhof. Hier, in der kleinen Cafeteria, lassen sie den Tag ausklingen. Und ja: Der augenzwinkernde Slogan «langweiligster Ferienort am Bodensee» ist ein klares Understatement. Man kann durchaus sein Herz an das schmucke Dorf am Untersee verlieren.

Blick von der Stedi in Richtung Horn.

Blick von der Stedi in Richtung Horn.

Bild: Andrea Stalder

Gemeindepräsident Urs Tobler: «Ein Hype ist nicht zu erwarten»

Hat es Sie überrascht, dass ihre Gemeinde zu einem der schönsten Orte auf der «Grand Tour of Switzerland» gekürt wurde?

Urs Tobler: Ja, schon. Es sind ja zusätzlich 20 Orte für die «Grand Tour» ausgewählt worden. Tatsächlich habe ich bereits Mitte Oktober ein entsprechendes Mail vom Projektteam erhalten. Allerdings musste ich dann einige Zeit Stillschweigen bewahren…

Gemeindepräsident Urs Tobler.

Gemeindepräsident Urs Tobler.

Bild: Donato Caspari

Welcher Platz im Dorf gehört zu Ihren persönlichen Favoriten?

Für mich ist es die Stedi. Das ist der Ort, wo man von links bis rechts die schönen Häuserzeilen sieht. Der Sonnenuntergang an dieser Stelle ist atemberaubend. Es ist ein Platz voller Kultur aus meiner Sicht der Kern des Ortes.

Was macht Ermatingen zu einem Ort mit Lebensqualität?

Unser Erholungsraum, die ländliche Atmosphäre und die freundliche Art der Menschen. Jeder ist sehr willkommen. Hier kann man sich wohl- und zu Hause fühlen. Und das gilt nicht nur für die Einheimischen.

Das heisst?

Einheimische und Neuzuzüger leben hier einträchtig Seite an Seite. Unser Neuzuzügler-Apero ist jeweils ein sehr schöner Anlass.

Werden die Touristen jetzt in Scharen nach Ermatingen pilgern?

Bei weitem nicht. Ein Hype ist nicht zu erwarten. Allerdings: Beim Rathaus ist eine Bushaltestelle. Und wenn ich am Wochenende arbeite, sehe ich, wie die Leute mit ihren Rucksäcken aussteigen. Es scheinen also einige Tagestouristen unser Dorf zu erkunden.

Finden die sich vor Ort gut zurecht?

Die Verbesserung der Orientierungsmöglichkeiten werden überprüft. Ob mit mehr Infotafeln, per App oder Leitsystem – das wird sich zeigen.

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