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Laila und ihre Schlange Zain. (Bilder: Andrea Stalder)

Laila und ihre Schlange Zain. (Bilder: Andrea Stalder)

Reportage

Die Maske der Fröhlichkeit: Laila erzählt aus ihrem Alltag im Phönix-Heim Weinfelden

In der Wohngemeinschaft Phönix in Weinfelden leben 14 Jugendliche, die bei ihrer Familie kein Zuhause mehr haben. Eine Suche nach Gründen, weshalb ein junger Mensch in einem Heim für Schwererziehbare landet.
Janine Bollhalder

«Meine Eltern interessieren sich nicht für mich. Haben sie noch nie.» Die 15-jährige Laila* sitzt im Esszimmer der Wohngemeinschaft Phönix in Weinfelden. Sie ist eine der 14 Jugendlichen, die in diesem Altbau im Zentrum von Weinfelden ein Zuhause auf Zeit gefunden hat.

Es gibt nicht nur einen Grund, weshalb sie in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche gelandet ist, es gibt mehrere. Die alkoholkranke Mutter, die Schläge, die Nichtbeachtung, die Ablehnung.

Die ganze Familie väterlicherseits hat ihr an Weihnachten mitgeteilt, dass sie Laila nicht mehr sehen wollen. Da hat die Jugendliche Aufmunterung auf anderem Weg gesucht; konsumierte Drogen, trank Alkohol, rauchte Zigaretten.

Wenn die 15-jährige aus ihrem Leben erzählt, klingt sie gelassen und sachlich – als würde sie nur eben erklären, wie die Kaffeemaschine funktioniert. Als wäre es die Geschichte einer Drittperson, welche sie erzählt. Und dann lacht sie. «Das Lachen ist meine Maske», erzählt sie. Eine Maske der Fröhlichkeit gegen die Schwere in ihrem Inneren.

Impressionen aus der Wohngemeinschaft Phönix in Weinfelden.

Impressionen aus der Wohngemeinschaft Phönix in Weinfelden.

«Jugendliche werden in einem Heim platziert, wenn ihre seelische Unversehrtheit nicht mehr gewährleistet ist und die altersgerechte Entwicklung behindert wird. Aber trotz allen Schwierigkeiten: Ein Heim ist nie die erste Wahl», sagt Jacqueline Romann.

Sie ist die Leiterin der Wohngemeinschaft Phönix mit Standorten in Weinfelden und Frauenfeld. Erst kürzlich hat das Wohnheim für negative Schlagzeilen gesorgt: Finanzskandal, Mitarbeiterprobleme. Die Heimleitung wurde stark kritisiert, die Jugendlichen fürchteten um ihr Zuhause auf Zeit. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet, die Wohngemeinschaft wird als Verein weitergeführt.

Ungewohnter Luxus: Struktur und Geborgenheit

Ins Heim hat Laila nie gewollt. Und doch war sie schon in einigen – in wie vielen genau? Das weiss sie nicht. Einen Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie hat sie ebenfalls hinter sich. Auch aktuell trifft sie noch regelmässig eine Psychologin. «Ich habe ein gesteigertes Aggressionspotenzial», sagt sie.

Ihre Worte sind sehr gewählt, wirken reflektiert und bedacht. So, als hätte jemand diese für sie zurechtgelegt. «Wenn ich wütend bin, vergesse ich mich», erklärt die 15-Jährige. Die Maske falle dann ab, die Welt werde schwarz. Sie kann ihre Wut dann nicht mehr bremsen. Hat sogar einmal einen Tisch durchs Zimmer geworfen. Auf seiner Flugbahn habe dieser eine Betreuerin getroffen. «Das war nicht meine Absicht», beteuert Laila.

Heimleiterin Romann ergänzt: «Zwischenfälle wie diese können geschehen. Sie resultieren oftmals, weil die Mädchen und Jungen mit ihren Emotionen überfordert sind.» Deshalb sei es wichtig, dass die Betreuer einen kühlen Kopf bewahren, selbst wenn sich die Jugendlichen ausserhalb der Norm verhalten.

Geduld als Gegengift zur Gewalt.

«Im Thurgau werden aktuell 125 Minderjährige in 20 bewilligten Einrichtungen betreut», sagt Christian Schuppisser vom kantonalen Departement für Justiz und Sicherheit. Zuständig für die Zuweisung in ein Heim sind die Eltern, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) sowie Jugendanwälte.

Wie diesen anderen Kindern und Jugendlichen auch, bietet das Leben im Heim Laila Struktur, Geborgenheit und Unterstützung - etwas, was sie in ihrem Zuhause vermisste. Einen geregelten Alltag, am Morgen geweckt werden, zur Schule zu gehen, regelmässige Mahlzeiten, Freizeit.

Doch Laila geht davon aus, dass sie die einzige Bewohnerin sei, die einem Tagesablauf folgt: Viele hier in der Wohngemeinschaft Phönix machen nichts – weil sie es nicht können oder wollen. Inzwischen sitzt sie auf der Terrasse, eine Zigarette zwischen den Fingern. Ein junger Mann gesellt sich dazu, noch im Pyjama, unterbricht die Erzählungen der Jugendlichen.

Der Sitzplatz der Wohngemeinschaft Phönix.

Der Sitzplatz der Wohngemeinschaft Phönix.

Er nimmt ein paar Züge von ihrer Zigarette, wortlos, abwesend und verschwindet dann wieder im Haus. Das sei so einer, der keiner Arbeit nachgehe, sagt sie. Aber er sei ein guter Kumpel. Wenig später steht der junge Mann im Treppenhaus, hört laute, aggressive Musik, ahmt ein Maschinengewehr nach und richtet imaginäre Menschen hin.

Das Treppenhaus führt hinauf in den dritten Stock der Wohngemeinschaft Phönix. Hier befindet sich Lailas Zimmer, direkt unter dem Dach. Sie hat ein Einzelzimmer, wie alle Jugendlichen hier, eingerichtet mit Möbelstücken, die schon da waren.

Ihr Zimmer hat jedoch eine Besonderheit: ein Terrarium. Laila präsentiert eine kleine Würgeschlange, die sich kunstvoll um ihr Handgelenk ringelt. Sie hat ursprünglich den Namen ihrer besten Freundin getragen: Jana. Ein Schatten huscht über Lailas Gesicht. «Sie hat sich umgebracht.»

Der Name sei in ihrem Kopf herumgespukt, habe sie lange gequält. Mit der Schlange habe er wieder einen Platz gefunden. Allerdings habe Leila dann feststellen müssen, dass Jana ein Männchen ist. «Jetzt heisst er Zain.»

Gequält wird die 15-Jährige auch nachts - von Albträumen und dunklen Gedanken. Es sind die Zeiten, wenn sie wieder in ein Loch falle. «Ich mag dann nicht aufstehen, habe starke Bauchschmerzen und muss mich übergeben», sagt sie. Deswegen kann sie oft nicht zur Schule gehen und versäumt den Stoff, welchen sie dann nachholen muss.

Das fällt ihr aber schwer: «Der Alkohol und die Drogen haben mein Gehirn zerstört.» Dies sei keine faule Ausrede, sondern die Worte eines Ärzteteams. Ursprünglich wollte Laila jedoch Chemielaborantin werden. Doch die persönlichen sowie auch die schulischen Schwierigkeiten haben ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Jetzt wirkt sie traurig, beinahe frustriert. Doch dann lächelt sie wieder und berichtet, dass sie sich nun zum Ziel gesetzt hat, als Detailhandelsfachfrau ins Berufsleben einzusteigen. «Ich hoffe, das klappt.» Die Maske der Fröhlichkeit sitzt wieder.

Nachgefragt

Wie definiert man ein gesteigertes Aggressionspotenzial?

Markus Tedesco: Aggressivität ist nicht automatisch eine Krankheit. Sie kann allerdings unschöne Folgen haben, wenn sie sich tätlich gegen Dritte richtet oder mit Selbstverletzungen gegen die eigene Person einhergeht.

Wie wird Aggressivität behandelt?

Markus Tedesco, leitender Arzt beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst Weinfelden. (Bild: PD)

Markus Tedesco, leitender Arzt beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst Weinfelden. (Bild: PD)

Aggression ist ein unspezifisches Symptom. Um dieses zu bewältigen, muss der Auslöser definiert und ein adäquater Umgang damit gelernt werden.

Welche Auslöser gibt es?

Das ist schwierig zu sagen, da es sehr viele Gründe für Aggressivität geben kann. Anders als oftmals vermutet, können die Ursachen auch ausserhalb der Familie liegen.

Was steckt hinter Albträumen?

In einem Traum verarbeitet das Gehirn Informationen. In Albträumen werden erlebte Situationen oftmals dramatischer dargestellt. Auch hier gilt es, mögliche Auslöser zu finden, um das Symptom Albtraum verarbeiten zu können.

Ist es für psychisch kranke Personen schwierig, in den Berufsalltag einzusteigen?

Häufig leider ja. Allerdings halte ich eine Berufstätigkeit für sinnvoll, da es dem Alltag der kranken Person wieder Struktur gibt und eine Aufgabe darstellt. Es bietet sich an, stufenweise wieder ins Berufsleben einzusteigen – je nach Belastbarkeit des Betroffenen. So sind Entwicklungsmöglichkeiten gegeben und die Rückfallgefahr geringer. Ich rate dazu, realistische Ziele festzulegen. Diese gehören zu den Grundbausteinen eines zufriedenen Lebens.

Was steckt hinter einer Maske der Fröhlichkeit?

Wenn jemand immer lächelt, bedeutet das natürlich nicht, dass es dieser Person immer gut geht. Manche Menschen lernen, dass ein Lächeln den Mitmenschen suggeriert, dass alles in Ordnung ist und sie in Ruhe gelassen werden. Lächeln kann somit auch Distanz schaffen.

*Name geändert

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