Die Krise zeigt sich in Konstanz erst auf den zweiten Blick – noch

Den Einkaufstourismus gibt es noch, aber Shopping-Ausflüge in die deutsche Grenzstadt werden weniger. Besonders Lebensmittel sind gefragt, die Gastronomie darbt. Und die Unsicherheit zeigt sich auch an den Grenzübergängen zur Schweiz.

Urs Brüschweiler
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Die Konstanzer Innenstadt ist leergefegt: Momentaufnahme vom Freitagvormittag.

Die Konstanzer Innenstadt ist leergefegt: Momentaufnahme vom Freitagvormittag.

(Bild: Reto Martin)

Eine Stadt erscheint wie ausgestorben.

«Die Strassen sind leergefegt. In einem sonst gut besuchten Restaurant sind gerade drei Tische besetzt. In einem anderen lokal stuhlt der Kellner mangels Gästen schon früh am Abend auf.»

Dies berichtet eine Schweizerin, die sich am Donnerstagabend in der deutschen Grenzstadt amüsieren wollte.

Freitagvormittag: Das Nachrichtenmagazin «Spiegel» meldete am Vorabend, dass der deutsche Innenminister die Grenzkontrollen im ganzen Land intensivieren will – zum Schutz vor dem Corona-Virus. Im Thurgau gibt es zurzeit sechs bestätigte Fälle, im Landkreis Konstanz deren zehn (Stand Freitagvormittag).

Noch nichts zu spüren am Grenzübergang Kreuzlingen-Emmishofen am Freitag.

Noch nichts zu spüren am Grenzübergang Kreuzlingen-Emmishofen am Freitag.

(Bild: Reto Martin)

An den Grenzübergängen zwischen Konstanz und Kreuzlingen ist davon aber nichts zu spüren. Weder am Autobahnzoll, noch beim Emmishofer Grenzübergang oder am ehemaligen Hauptzoll werden Autofahrer oder Passanten behelligt beim Übertritt. Ein Blick ins Büro zeigt, die Beamten stempeln noch immer fröhlich die Ausfuhrscheine der Einkäufer.

Die Umsätze sind teilweise bis 80 Prozent eingebrochen

Ein Velofahrer hält für ein Schwätzchen an: «Ich hole jeden Tag für meine Frau Gipfeli beim Bäcker im Stadtteil Paradies», meint er gut gelaunt. Und schiebt gleich darauf erklärend nach:

«Sie gehört zur Risikogruppe und darf momentan nicht ausser Haus.»

Ausserdem habe er einen Gummihandschuh dabei, um die Backwaren nicht mit seinen Händen berühren zu müssen.

Auf den ersten Blick scheint alles normal zu sein. Es braucht derzeit immer den zweiten Blick hinter die Kulissen, um die aussergewöhnliche Situation zu begreifen.

Weiter ins Mekka der Einkaufstouristen, ins «Lago». Das Shoppingzentrum ist belebt, aber es waren schon deutlich mehr Menschen da. Darauf weisen schon die noch verfügbaren Parkplätze auf Schweizer Seite hin. Bei den Geschäften findet man aber keine Anzeichen für die besondere Lage, auch keine Plakate an den Ladentüren.

«Die Umsätze sind teilweise eingebrochen», sagt Lena Häsler von der Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee.

«Es gibt im Handel Verlierer und es gibt Profiteure»

«Es gibt aber Gewinner und Verlierer.» Den Einkaufstourismus gebe es schon noch, erklärt sie. Was deutlich abgenommen habe, seien die klassischen Shopping-Ausflüge mit anschliessender Einkehr. Die Branchen Kleidung und Gastronomie erlitten aktuell Umsatzeinbrüche von 30 bis 80 Prozent, schätzt Häsler. Profiteure gebe es aber auch:

«Lebensmittel werden verstärkt nachgefragt. Und alles, was man braucht, um sich längere Zeit zu Hause zu beschäftigen.»

Baumärkte, Spieleläden oder Stoffgeschäfte, nennt Häsler als Beispiele. «Denen läuft es aktuell sehr gut.»

In dieses Bild passt auch die Geschichte im «Blick» über den Konstanzer Apotheker, der einem Schweizer Kunden seine letzten zehn Flaschen Desinfektionsmittel verkauft hat.

Die Situation wandelt sich rasend schnell

Eine Grundbesorgnis sei überall spürbar, sagt Lena Häsler. «Die Unternehmer machen sich Gedanken, wie sie längere Zeit ohne Einnahmen auskommen können.» Aber es wandle sich eben momentan alles sehr schnell.

«Ein Unternehmer aus der Veranstaltungsbranche sagte mir noch gestern, nur einer seiner Events sei abgesagt worden. Heute berichtet er mir am Telefon, dass alles abgesagt wurde.»

Wer noch ins Kino will, sollte sich wohl sputen

Das Kino im «Lago» ist offen, auch im Fitnessstudio rennt am Freitagnachmittag ein Mann übers Laufband, andere stemmen Gewichte. Auch wenn aktuell nur Plakate mit dem Hinweis auf Hygienemassnahmen den Unterschied zum Alltag ausmachen. Es beschleicht einem das ungute Gefühl:

«Wenn ich den aktuellen Kinofilm noch sehen möchte, solle ich mich sputen.»

An den Grenzübergängen ist die Lage am Freitag noch unspektakulär. Die Anspannung ist jedoch allgegenwärtig. In der grössten Konstanzer Facebook-Gruppe forderte jüngst ein Benutzer die Schliessung der Grenzen, weil die Schweizer den Einheimischen alles wegkauften. Der Post wurde rasch gelöscht. Noch will sich solche Szenarien niemand vorstellen. Doch die aktuelle Entwicklung am Freitagnachmittag zeigt: Es kann ganz schnell gehen.

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