Die Kreuzlinger Bodenseearena wird zum Live-Studio - mit fünf Kameras und Moderator

Der Verein Regioact überträgt zweimal die Woche Konzerte aus der Eishalle in die heimischen Stuben. So können Bands und Künstler zumindest online ihre Fans erreichen - und vielleicht neue dazugewinnen.

Stefan Böker
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Die Vereinsmitglieder von Regioact planen verschiedene Events.

Die Vereinsmitglieder von Regioact planen verschiedene Events.

Bild: PD

Antonio Campitelli kann einfach nicht aus seiner Haut. «Okay Chrüzlinge!», begrüsst der Frontmann der Midnight Screamers sein Publikum nach dem ersten Song enthusiastisch, ganz wie in echt. Der Applaus kommt allerdings virtuell, im Chat auf der Plattform Youtube.

Die Midnight Screamers treten in der Bodenseearena auf.

Die Midnight Screamers treten in der Bodenseearena auf.

Bild: PD

Dort sendet ein Zuhörer die Devilhorns, den Gruss der Rockerszene. «Schöni Musig», lautet ein anderer Beitrag, «whoop whoop» lautmalt ein weiterer Gast – Konzertatmosphäre in den Zeiten von Corona eben. Campitelli kann nur ahnen, wer gerade zuhört. Er nutzt die Pause, um einen Freund zu grüssen. «Der nächste Song geht raus an Paul, der gerade im Spital ist.»

Ebenfalls vor der Spezialkamera: Purple Cheetah aus Winterthur.

Ebenfalls vor der Spezialkamera: Purple Cheetah aus Winterthur.

Bild: PD

360-Grad Spezialkamera für den perfekten Auftritt

Die Thurgauer Band mit ihrem Italo-Bluesrock ist eine von dreien, die an diesem Montagabend auftritt. Bis 24. Juni findet der «Streaming Circle» zwei Mal wöchentlich in der Bodenseearena statt. Beim Abrocken werden die Musiker von mehreren ferngesteuerten Kameras gefilmt. Dabei stehen sie kreisförmig angeordnet um eine 360-Grad-Spezialkamera.

Die Bühne ist 144 Quadratmeter gross, die Lichter an den Traversen hängen in vier Metern Höhe, um den Aufnahmen der zentralen Kamera nicht in die Quere zu kommen. Das Ergebnis sind professionelle, stimmungsvoll ausgeleuchtete Bilder von allen Seiten. Auch der Klang ist glasklar, jedes Instrument wird abgemischt.

Janus Christus spielt auch in der Bodenseearena sein Streaming Konzert

Janus Christus spielt auch in der Bodenseearena sein Streaming Konzert

Bild: PD

«Es war gar nicht so einfach, einen Veranstaltungsort zu finden, der diesen Aufwand möglich macht», sagt Michel-Angelo Kiser. Der Güttinger Tontechniker ist Präsident des für das Vorhaben gegründeten Vereins regioact, in dem weitere Profis aus der Veranstaltungsbranche aktiv sind, beispielsweise Samuel und Claudio De Cataldo (Videotechnik), Nadine Keller (Co-Präsidentin Openair Bischofszell) und IT-Fachmann Raphael Paul.

Bands spielen umsonst

«Wegen Covid-19 finden keine öffentlichen Darbietungen statt und die Kulturbranche steht praktisch still.», erklärt Kiser.

«So kamen wir auf die Idee, unser Know-How ehrenamtlich einzusetzen.»

Irgendeine Türe öffne sich dadurch sicher. Auch die Bands und Künstler spielen umsonst. Sie bekommen die Einzelspuraufnahmen des Konzerts und Bildaufnahmen geschenkt. Zum Konzept gehört ebenfalls eine professionelle Moderation.

Die Genfer Sängerin Charlye kommt auch nach Kreuzlingen für Streaming-Auftritte

Die Genfer Sängerin Charlye kommt auch nach Kreuzlingen für Streaming-Auftritte

Bild: PD

An diesem Abend ist «Erlebnisarchitekt» Maurizio Tondolo aus Zürich angereist, der die Bands ankündigt und nach dem Auftritt den verschwitzten Bandleadern vor dem Bühnenvorhang auf den Zahn fühlt – ein Freundschaftsdienst, weil er das Projekt gut findet und so vielleicht die eine oder andere neue Band entdeckt.

Sie sind von den Bands fast überrannt worden

Die persönlichen Netzwerke der Beteiligten und das gemeinsame Ziel haben sicherlich geholfen, das Ganze auf die Beine zu stellen, erzählt Kiser.

«Wir wollen Künstler aus der Schweiz in sicherer Umgebung eine Plattform von bester Qualität bieten.»

Auch Theater, Akrobatik oder Kabarett wäre möglich. Auf die Ausschreibung hin seien sie von jedoch Bands quasi überrannt worden. Das Programm mit drei Gigs pro Abend war dementsprechend schnell gefüllt.

Ab Juli gehört die Arena wieder dem Eissport

Die Genres sind buntgemischt: Viel Rock und Pop, aber auch Blues, Metal, Punk, Elektro oder Hiphop. Ab Juli soll die Bodenseearena dann wieder dem Eissport zur Verfügung stehen. «Wir machen aber weiter, möglicherweise in einem kleineren Rahmen, die Location steht noch nicht fest», sagt Kiser.

Er glaubt nicht, dass es richtige Konzerte so schnell wieder geben wird. «Genug Bewerbungen haben wir jedenfalls bekommen und die Planung für nächste Projekte ist bereits im Gange.»

Gute Werbung als Event-Lokal

Die Bodenseearena stellt dem Verein die Halle nebst Nebenkosten fast kostenlos zur Verfügung. Für Geschäftsleiter Nico Seiler war das eine selbstredende Entscheidung. Er kennt regioact-Präsident Michael-Angelo Kiser von früheren Events. «Wir sind in derselben Branche zu Hause und versuchen das Beste aus der Situation zu machen.» Angesichts des ausgefallenen Eventsommers sei er froh, dass wenigstens etwas Leben in der Halle ist. Ab Juli soll hier wieder Eis produziert werden, wenn der Bundesrat Mannschaftssport erlaubt. (sb)

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