Die erstaunliche Geschichte des Amriswiler Arbeitsheims für Behinderte 

Im Ortsmuseum Amriswil erzählte Hansueli Bartholdi, wie sein Grossvater die Institution vor neun Jahrzehnten gegründet hatte. 

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Hansueli Bartholdi mit Ehefrau Rosmarie; links von ihm: Enkelin Ena Bartholdi; rechts: Tochter Marianne Bartholdi und Enkelin Jara Bartholdi (mit der Taschenuhr von Rudolf Lüscher) sowie seine Schwester Ursula Rutz-Bartholdi. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Hansueli Bartholdi mit Ehefrau Rosmarie; links von ihm: Enkelin Ena Bartholdi; rechts: Tochter Marianne Bartholdi und Enkelin Jara Bartholdi (mit der Taschenuhr von Rudolf Lüscher) sowie seine Schwester Ursula Rutz-Bartholdi. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Der blinde Rudolf Lüscher gründete 1928 die Genossenschaft Arbeitsheim für Behinderte Amriswil (ABA). Was im Kleinen begann, umfasst heute 150 Arbeits- und 20 Ausbildungsplätze, 100 Wohnplätze sowie eine moderne Infrastruktur mit zahlreichen Gebäuden und einer grosszügigen Aussenanlage.

Grosses Interesse am ABA

Zweck der Genossenschaft ist es, Menschen mit Behinderung beruflich auszubilden, zu beschäftigen und zu betreuen. Im Ortsmuseum Amriswil erzählte Lüscher-Enkel Hansueli Bartholdi vom Grossvater, den Eltern und seiner Kindheit im Arbeitsheim. Unterstützt wurde er bei der Powerpoint-Präsentation von seiner Enkelin Ena Bartholdi.

Über 100 Interessierte waren zur sonntäglichen Erzählstunde gekommen – unter ihnen die Familie Bartholdi sowie zahlreiche ABA-Mitarbeiter und -Bewohner.

Rasch abnehmende Sehkraft

Rudolf Lüscher erblickte im Jahr 1888 das Licht der Welt. Er wuchs mit zwei Brüdern in einer Bauernfamilie auf. Nach dem frühen Tod des Vaters übersiedelte die Mutter mit ihren Kindern nach Dozwil.

«Einst war Amriswil eine Textilhochburg, und alle drei Söhne fanden eine Anstellung in einer Weberei – so auch Rudolf Lüscher», erzählte Hansueli Bartholdi. Während dieser Zeit habe Lüschers Sehkraft jedoch rapid abgenommen.

Als er nur noch hell und dunkel unterscheiden konnte, reiste die Familie voller Hoffnung zu einem Spezialisten nach München. Der Augenarzt versuchte, die abgelöste Netzhaut anzunähen. Das Ergebnis war verheerend: «Mein Grossvater war von diesem Zeitpunkt an völlig blind.»

Arbeitsplätze für Gebrechliche

Im Blindenheim St. Gallen lernte Rudolf Lüscher mit professioneller Schulung und passenden Hilfsmitteln, sein Leben selbständig zu bewältigen. Hansueli Bartholdi zeigte die Taschenuhr seines Grossvaters – die Zahlen sind in Blindenschrift.

Hansueli Bartholdi, Enkel des ABA-Gründers: «Wir brauchten als Kinder keinen Robinson-Spielplatz. Das Arbeitsheim mit der Fabrik, dem Holzlager, der Gärtnerei und dem Umschwung war ein riesiger Erlebnisraum.»

Sein Grossvater sei ein ehrgeiziger und geschickter Arbeiter gewesen, sagte Bartholdi. Er habe gelernt, Bürsten von Hand herzustellen und dabei den Entschluss gefasst, ein eigenes Geschäft aufzubauen. «Mit seiner Ehefrau ist er dann an die Winkelriedstrasse in Amriswil gezogen und hat sich in der Werkstatt eine Bürstenmacherei eingerichtet.» Dort beschäftigte er gebrechliche Menschen.

Wiederaufbau nach Brand

1928 konnte Rudolf Lüscher an der Arbonerstrasse die Produktionshalle von der damaligen Textil-Firma Hess übernehmen. Lüscher gründete die Genossenschaft Arbeitsheim für Behinderte Amriswil – unterstützt von Beiträgen und Spenden. Nach einem Brand fünf Jahre später erfolgte der Wiederaufbau. Die Produktion von Bürsten ging aber langsam zurück, neue Erzeugnisse mussten entwickelt werden.

Von da an wurden hauptsächlich Kindermöbel, Klappstühle und Spielsachen produziert. 1947 haben Hansueli Bartholdis Eltern, Erwin und Elsi Bartholdi-Lüscher, die Heimleitung übernommen und dort auch eine Wohnung bezogen. Hansueli Bartholdi betonte, dass seine Kindheit schön und spannend gewesen sei.

Fest und Reise zum Jubiläum

In der Schule wurde er aber manchmal als «Arbeitsheimler» betitelt, was er nicht gern gehabt habe. Doch zu Hause habe er ganz selbstverständlich gelernt, mit behinderten Menschen umzugehen. Zum 25-Jahr-Jubiläum 1953 gab es ein grosses Fest und eine Jubiläumsreise. Musikalisch umrahmt wurde damals der Anlass von einem Chor.

Hansueli Bartholdi stimmte die geselligen Lieder von anno dazumal an, und die Anwesenden im Ortsmuseum sangen mit grosser Begeisterung mit. «Ich bin sicher, mein Grossvater würde staunen und sich mächtig freuen über die Entwicklung des ABA», sagte Bartholdi abschliessend.