Interview

«Die Entschleunigung ist positiv», findet Amriswils Stadtpräsident Gabriel Macedo

Stadtpräsident Gabriel Macedo spricht über die Ausnahmesituation und wie die Amriswiler damit umgehen.

Manuel Nagel
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Gabriel Macedo in seinem Büro im Stadthaus Amriswil.

Gabriel Macedo in seinem Büro im Stadthaus Amriswil.

Bild: Reto Martin (18. Dezember 2019)

Gabriel Macedo, Sie halten in Ihrem Büro die Stellung im Stadthaus. Fühlen Sie sich wie der Kapitän, der sein Schiff nicht verlässt?

Überhaupt nicht. Unser Personal gibt in dieser ausserordentlichen Situation das Beste so gut es geht und zum Wohl von Amriswil. Der Betrieb wird aufrechterhalten – aber wir haben das Verwaltungsteam in zwei Gruppen geteilt, um eine gegenseitige Ansteckung zu verhindern und um im Ansteckungsfall den Betrieb aufrechterhalten zu können. Ich bin also nicht alleine im Stadthaus.

Wie oft trifft sich die Amriswiler Exekutive im Moment? Oder kann der Stadtrat vieles auf digitalem Weg erledigen?

Der Stadtrat steht fast täglich im Kontakt und fasst bei besonderer Dringlichkeit Zirkularbeschlüsse auf dem digitalen Weg. Der ordentliche, 14-tägige Sitzungsrhythmus wird im Moment jedoch beibehalten. Vor jeder Sitzung wird aber geprüft, ob sie wirklich stattfinden muss, ob es nicht auch digital geht und ob weitere Sicherheitsmassnahmen ergriffen werden sollen. Schon sehr früh in der Krise haben wir unsere Sitzungen ins Pentorama verlegt, um die Sicherheitsabstände einzuhalten.

Der Stadtrat kann sich dank des Pentoramas weiterhin physisch treffen, doch die Kehrseite der Medaille ist, dass nun Einnahmen aus der Vermietung entgehen. Wie sehr trifft das die Stadt?

Klar werden uns Ende Jahr einige zehntausend Franken aus der Pentorama-Vermietung fehlen. Es trifft uns aber weit weniger hart als viele andere, in diesem Fall zum Beispiel die Veranstalter. Deshalb verzichten wir aus Solidarität auf die Stornierungsgebühren. Das war für uns selbstverständlich. Damit versuchen wir, die Direktbetroffenen zu unterstützen.

Ebenso entschied der Stadtrat, Gewerblern die Mieten aus städtischen Liegenschaften zu stunden. Wie viele Betriebe betrifft das?

Sechs Gewerbler. Zwei Coiffeusen, ein Kosmetiksalon, zwei Gastrobetriebe und ein Vereinslokal. Wir wollen uns mit diesem Entscheid solidarisch zeigen, helfen, die Liquidität der Unternehmen möglichst hochzuhalten, und auch eine Vorbildrolle einnehmen. Es ist uns völlig bewusst, dass uns das nicht jeder private Vermieter gleichtun kann. Als Stadt können wir das aber – und deshalb wäre es falsch, darauf zu verzichten.

Kann die Stadt auch andere Betriebe oder Bürger temporär finanziell entlasten? Gab es dazu Anfragen? Steuern stunden zum Beispiel?

Wir haben uns diesbezüglich ebenfalls schon viele Gedanken gemacht und auch Unterstützungsmöglichkeiten ausgearbeitet. Wir sind aber bewusst noch nicht in die Umsetzung gegangen, weil wir zuerst die Auswirkungen von den Hilfspaketen vom Bund und Kanton abwarten möchten. Diese beurteile ich aktuell bereits als sehr hilfreich. Sollten dann noch immer irgendwo Lücken entstehen, könnte ich mir weitergehende Massnahmen im Rahmen unserer Möglichkeiten vorstellen. Bisher haben wir ein Unterstützungsgesuch erhalten.

Was beschäftigt die Amriswiler in der aktuellen Situation? Welche Anliegen richten sie an die Stadtverwaltung oder auch an Sie direkt?

Die eingehenden Anfragen kann man mehrheitlich in zwei Kategorien teilen: Jene, die helfen wollen, und jene, die Informationen suchen. Eine grosse Aufgabe während der Krise ist es also zu koordinieren, organisieren und informieren. Am meisten beeindruckt hat mich aber, wie die Amriswiler Bevölkerung in dieser Ausnahmesituation füreinander da ist und sich gegenseitig unterstützt. Die Solidaritätswelle war und ist riesig.

Steht auch beim Stadtpräsidenten Kurzarbeit an, oder gibt es noch genug zu tun?

Es gibt definitiv noch genug zu tun. Der Alltag hat sich komplett verändert. Praktisch alle laufenden Geschäfte und Projekte inklusive deren Terminplanung wurden über den Haufen geworfen und vieles auf unbestimmte Zeit verschoben. Aktuell dreht sich noch sehr viel um die Krise und es kommen täglich neue Aufgaben auf mich zu. Ich erwarte in den kommenden Tagen aber schon eine gewisse Entspannung, wir haben unsere Hausaufgaben bisher gut gemacht. Sobald das der Fall ist, geht es bereits um die Wiederaufnahme der sistierten Projekte und die Organisation der weiteren Schritte.

Sie bewegen sich gerne und sind ein geselliger Mensch. Wie gehen Sie mit den Beschränkungen um? Für was finden Sie nun mehr Zeit?

Die Bewegung neben der Arbeit ist für mich sehr wichtig. Eine gute körperliche und geistige Verfassung steigert die Produktivität. Ich gehe deshalb auch in dieser Zeit noch Joggen, alleine oder mit meiner Partnerin. Mit Familie und Freunden treffe ich mich aktuell aber leider nicht mehr. Ich bin nun an den Abenden so oft zu Hause wie noch nie. Diese verordnete Entschleunigung ist einer der wenigen positiven Effekte der Krise.