Interview
Die designierte Präsidentin des Bezirksgerichts Arbon sagt: «Wir laufen schon am Limit»

Mirjam Trinkler von der SVP möchte im Juni die Nachfolge von Ralph Zanoni antreten. Gewisse Fälle gehen ihr nahe. «Ein Richter ohne Emotionen wäre aus meiner Sicht kein guter Richter», sagt die 40-Jährige.

Tanja von Arx
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 Mirjam Trinkler kandidiert als Präsidentin des Bezirksgericht Arbon.

Mirjam Trinkler kandidiert als Präsidentin des Bezirksgericht Arbon.

(Bild: Donato Caspari)

Sie kandidieren am 9. Februar als Gerichtspräsidentin im Bezirk Arbon. War das Ihr Karriereziel?

Mirjam Trinkler: Nein, aber nachdem der bisherige Gerichtspräsident Ralph Zanoni mitgeteilt hat, dass er kürzertreten und deshalb das Präsidium abgeben möchte, übernehme ich als bisherige Vizepräsidentin und als dienstälteste Richterin dieses Amt sehr gern. Dieser Schritt wird auch von allen meinen Berufsrichterkolleginnen und Berufsrichterkollegen unterstützt. Ralph Zanoni will weiterhin als Berufsrichter tätig sein, sodass ich noch von seiner langjährigen Präsidialerfahrung profitieren kann. Wir haben wirklich ein gutes Team, alle begegnen sich auf Augenhöhe.

Das klingt nach einer flachen Hierarchie. Wollen Sie die beibehalten?

Ja, unbedingt. Ich schätze es, Lösungen im gegenseitigen Gespräch zu finden. Als Präsidentin kommt die Administration und Personalführung hinzu. Bei der Verfahrensleitung möchte ich weiterhin den Menschen im Zentrum behalten. Eine gute Lösungsfindung für die Parteien ist mir wichtiger als die sture Durchsetzung von Verfahrensregeln.

Das klingt positiv und harmonisch. Gleichzeitig dürfte man in dem Beruf auf die eine oder andere Herausforderung stossen.

Natürlich gehen einem gewisse Fälle schon nah. Beispielsweise bei Gewaltdelikten oder wenn es um Sexualdelikte an Kindern geht, Kinder vernachlässigt oder als Spielball ihrer Eltern im Scheidungsprozess missbraucht werden. Auch wenn eine langjährige Freiheitsstrafe zu verhängen ist, lässt einem das nicht kalt.

Wie gehen Sie mit solchen sehr schwierigen Situationen um?

Schlussendlich muss man das selber bewältigen, aber der Austausch innerhalb des Gerichts und mit dem Gerichtsschreiber beziehungsweise der Gerichtsschreiberin tut gut, man wird so gegenseitig aufgefangen. Auch ein Richter ist ein Mensch wie jeder andere. Ein Richter ohne Emotionen wäre aus meiner Sicht kein guter Richter. Selbstverständlich darf dies aber nicht dazu führen, dass ein Urteil nicht mehr neutral ausfällt.

Was ist gegensätzlich dazu das Schöne an Ihrem Job?

Kein Tag ist wie der andere; ich habe mit sämtlichen Aspekten des Lebens, vielen unterschiedlichen Menschen und einer breiten Palette an Rechtsbereichen zu tun. Auch hat man einen guten Mix zwischen der Arbeit alleine im Büro bei der Verfahrensleitung und Bearbeitung der Fälle einerseits und der Arbeit mit Menschen bei Vergleichsgesprächen andererseits, wo ich versuche, zusammen eine für beide Seiten befriedigende Lösung des Konflikts zu suchen.

Zum Vergleichen: Wie viele Fälle münden tatsächlich in eine solche Lösung?

Relativ viele, ich würde sagen, etwa die Hälfte. Manchmal braucht es aber auch einen «Pflock» im Sinne eines Entscheids, der dann Klarheit schafft. Ich muss auch sagen, dass die Pendenzenlast ohne Vergleiche gar nicht zu bewältigen wäre. Unsere personellen Ressourcen sind im Verhältnis zur Anzahl der Rechtssuchenden zu knapp.

Wie viele Fälle bearbeiten Sie denn in der Regel?

Die Tage ohne Verhandlung sind rar. Wir laufen schon am Limit. Das tut mir leid für die Rechtssuchenden, da dieser Zustand unter Umständen mit längeren Wartezeiten verbunden ist. $

Warum ist dem so?

Seit der Bezirksreorganisation im Jahr 2011 wurden die Pensen nicht mehr angepasst, die damals auf Basis einer Schätzung der Fallzahlen für jedes Bezirksgericht festgelegt worden sind. Aufgrund des zwischenzeitlichen Anstiegs der Fallzahlen und der grösseren Komplexität der Fälle erweisen sich die Pensen heute als zu tief. Als Gerichtspräsidentin in Arbon möchte ich mich weiterhin für eine zeitnahe, verständliche und pragmatische Rechtsfindung einsetzen.

Wahl ins Bezirksgericht

Bei den Berufsrichtern kommt es zu einer kleinen Rochade

Die Berufsrichterinnen und Berufsrichter im Bezirk Arbon treten allesamt wieder an. Und dies ohne Konkurrenz. Änderungen gibt es deshalb voraussichtlich nur aus hierarchischer Sicht. Ralph Zanoni (parteilos) hat während 20 Jahren das Bezirksgericht präsidiert. Der 61-Jährige will zwar auch weiterhin als Berufsrichter tätig sein, allerdings mit einem geringeren Pensum von 60 Prozent. Vor diesem Hintergrund und seiner geplanten Pensionierung im Frühjahr/ Sommer 2023 sei es deshalb an der Zeit, das Amt in jüngere Hände, vorzugsweise in jene von Mirjam Trinkler (SVP), zu geben.

Trinkler ist laut Zanoni aufgrund ihrer Erfahrung prädestiniert für seinen Posten. Seit 2011 arbeitet sie als Richterin in Arbon, seit knapp vier Jahren als Vizepräsidentin des Bezirksgerichts. Dieser Aufgabe soll sich künftig Silke Sutter Heer (FDP) annehmen. Auf das Präsidium hat sie laut Zanoni ausdrücklich verzichtet. Zwischenzeitlich würde der Vierte und mit gerade einmal 36 Jahren auch Jüngste im Bunde, Marco Carletta (CVP), das Pensum Zanonis ausgleichen. Carletta soll fortan 90 statt 70 Prozent arbeiten. Mit Mirjam Trinkler, die 80 Prozent arbeitet, stehen dem Bezirksgericht 320 Stellenprozente zur Verfügung. (mlb)