Serie
Die Adventskalender-Geschichte (21/24): Die Mutter, die im Gerichtssaal den Prozess um die Tötung ihrer Tochter verfolgte

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um eine Mutter, die den Prozess um die Tötung ihrer Tochter in Kreuzlingen mitverfolgte.

Ida Sandl
Drucken
Teilen
Wenn eine Mutter ihr Kind verliert, ist die Trauer grenzenlos.

Wenn eine Mutter ihr Kind verliert, ist die Trauer grenzenlos.

Bild: Getty

Warum tut sie sich das an? Die 75-jährige Frau mit dem bleichen Gesicht. Fast reglos sitzt sie im Kreuzlinger Gerichtssaal. Es ist Ende März, und zwei lange Albtraum-Tage erträgt sie, was keine Mutter erleiden sollte. Verhandelt wird der Mord an ihrer Tochter, ihrem einzigen Kind. Es ist viel geschrieben worden über «die Tote von der Seerhein-Badi», den Fund der Leiche, die Ermittlungen, den Verdächtigen, die Verhaftung.

Und jetzt der Prozess. Der Gerichtssaal ist voll wie selten, Freunde, Bekannte von früher, Betroffene und Neugierige. Die Tote war die langjährige Geliebte des Beschuldigten, er ist des Mordes angeklagt. An einem Abend Mitte Mai 2016 trafen sie sich im Restaurant Kuhhorn, dann soll er sie in der Tägerwiler Badi gewürgt und mit einem Stein erschlagen haben. Er streitet alles ab. Es ist die Geschichte einer verhängnisvollen Affäre, oder besser: einer fatalen Abhängigkeit.

Ida Sandl, Reporterin

Ida Sandl, Reporterin

Bild: Reto Martin

Die Tochter war blond und hübsch. Das Foto der Traueranzeige, die Arbeitskollegen aufgegeben haben, zeigt eine lachende junge Frau. Der Beschuldigte ist 21 Jahre älter, ein hinkender grauhaariger Mann, mit finanziellen Sorgen. Es habe Gefühle gegeben, sagt er zur Richterin, aber von Liebe würde er nicht sprechen. Die Frau war 38 Jahre, kein Alter, um zu sterben. Sie hätte ­– weiss Gott – andere Männer haben können. Dieser Gedanke schwirrt mir immer wieder im Kopf herum.

Wie oft mag die Mutter so gedacht haben? Ein Mordprozess ist kein Spaziergang, ein Indizienprozess noch viel weniger. Die Erkenntnisse der Gerichtsmediziner werden akkurat offengelegt: Wie ist sie gestorben und woran? Wie hält eine Mutter das aus, ohne zusammenzubrechen? Sie sei eine starke Frau, sagt der Opfer-Anwalt. Sie harre aus im Gericht, weil sie glaube, sie sei es der toten Tochter schuldig. Sie möchte ihr Kind sichtbar machen, ihm ein Gesicht geben.

Diese Worte beeindrucken mich, so wie mich diese stille Frau tief beeindruckt. Während des Prozesses muss ich immer wieder zu ihr hinsehen. Sie zeigt keine Regung, auch wenn Details ans Licht kommen, die besser verborgen geblieben wären. Die Mutter hat ausrichten lassen, dass sie nicht mit den Medien sprechen möchte, und wir respektieren diesen Wunsch.

Sie muss auch gar nichts sagen. Es reicht, dass sie da ist. Durch ihren Schmerz wird die Tochter lebendig. Sie ist nicht länger nur «die Tote vom Seerhein», sondern ein Mensch, der Träume hatte, geliebt und gelitten hat. Und auf grausame Weise aus dem Leben gerissen wurde.

Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie:

Aktuelle Nachrichten