Die Adventskalender-Geschichte (11/24): Wenn eine Mutter ihr Kind verliert – beim Schreiben kamen die Tränen

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um eine Mutter. Sie erzählte uns, wie es ist, nach dem Tod ihres Kindes weiterzuleben und viele Jahre später wieder Freude zu empfinden.

Annina Flaig
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Ein ehemaliges Kindergrab auf dem Friedhof in Arbon.

Ein ehemaliges Kindergrab auf dem Friedhof in Arbon.

Bild: Donato Caspari

Ich sass bei dieser älteren Frau im Wohnzimmer. Ihr rollten Tränen über die Wangen. Mir auch, als ich später den Artikel schrieb. Es gibt wenige Geschichten, die mich als Journalistin und Mutter so mitgenommen haben wie das Gespräch mit dieser bald 80-jährigen Frau. Ihre Tochter war gerade mal vier Jahre alt, als sie starb. Das ist 45 Jahre her. Und diese Mutter stand in all den Jahren jede Woche am Grab ihres Kindes.

Annina Flaig, Redaktorin.

Annina Flaig, Redaktorin.

Bild: Reto Martin

Kindergräber haben bei Eltern eine hohe emotionale Bedeutung. Das weiss auch die Stadt Arbon. Normalerweise hebt sie Gräber nach 20 Jahren wieder auf. Bei Kindergräbern verzichtet sie auf diese reglementarische Räumung. Deshalb gab es auf dem Friedhof Arbon bis vor Kurzem Kindergräber, die seit fast 50 Jahren da sind. Dieses Jahr wandten sich einige der unterdessen betagten Eltern an die Stadt. Daraufhin erhielt die Redaktion eine Medienmitteilung. Darin stand geschrieben:

«Die Kraft zur Pflege der Gräber lässt nach. Deshalb sind diese Eltern im fortgeschrittenen Alter bereit für einen endgültigen Abschied.»

Was bedeutet dieser endgültige Abschied für die Hinterbliebenen? Die Frage beschäftigte mich. Doch sollte ich darüber wirklich einen Artikel schreiben? «Ja, bitte machen Sie das.» Das sagte eine Mutter, die selbst ein Kind verloren hat, zu mir. «Viele sind hilflos und wissen nicht, wie man jemandem begegnen kann, der um sein Kind trauert.»

Dieses Kindergrab auf dem Friedhof Arbon wurde im Frühling 2019 aufgehoben.

Dieses Kindergrab auf dem Friedhof Arbon wurde im Frühling 2019 aufgehoben.

Bild: Donato Caspari

Mit Hilfe der Stadt gelang es mir, eine der betagten Mütter ausfindig zu machen. Ich rief sie an. Eine Woche später empfing sie mich mit offenen Armen bei sich zu Hause. Es gab keinen Smalltalk, keine Floskeln, kein peinliches Schweigen.

Vor mir sass eine Frau, die seit 45 Jahren trauert. Sie erinnerte sich an alles, was war – vor und nach dem tragischen Unfall. Daran, wie ihr totes Kind auf der Strasse gelegen hatte, und an das, was die Leute danach zu ihr sagten. Die meisten wussten nicht, wie sie ihr begegnen sollten. Manche wüssten es noch heute nicht, sagt sie.

Eine herzliche Frau, die viel nachdenkt, bevor sie spricht und die an diesem Morgen mehrmals lacht und weint. Und die weise wirkt auf eine Art, wie sie mir vorher fremd gewesen war.

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