Des Richters Geduld auf die Probe gestellt: Ein Beschuldigter verhält sich vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen trotzig

Ein 35-Jähriger steht wegen 25 Delikten vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen. Kurz vor Schluss will er einfach gehen.

Rahel Haag
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Das Bezirksgericht Kreuzlingen.

Das Bezirksgericht Kreuzlingen.

(Bild: Donato Caspari)

Mitten in der Urteilsverkündung steht der Beschuldigte auf und geht Richtung Tür. «Ich will hier raus», sagt er. Zwei Polizisten stellen sich ihm in den Weg. Der 35-Jährige zittert. «Setzen Sie sich wieder hin», sagt Vizegerichtspräsident Thomas Pleuler. Der Beschuldigte hat ihm den Rücken zugewandt und sagt nur:

«Sie sind nicht mein Vater.»

Der Beschuldigte muss sich am Dienstag vor dem Bezirksgericht Kreuzlingen wegen insgesamt 25 Delikten verantworten. Darunter Gehilfenschaft zu Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, eventualvorsätzliche versuchte schwere Körperverletzung und mehrfacher Hausfriedensbruch.

Die Verhandlung hätte bereits im vergangenen November stattfinden sollen. Damals war der Beschuldigte unentschuldigt ferngeblieben. Diesmal hatte das Gericht vorsorglich die Zuführung durch die Polizei veranlasst.

Seit sieben Wochen konsumiere er kein Heroin mehr. Sein Gesicht ist ausgemergelt. Der Beschuldigte wippt nervös mit den Füssen. Zu Beginn der Befragung murmelt er seine Antworten leise vor sich hin, bis er aufgefordert wird, lauter zu sprechen. Er lebt von Sozialhilfe.

Die Liste der Medikamente, die er nimmt, ist lang: Xanax, Dormicum, Mirtazapin, Rivotril und Temesta. «Ein paar Benzos halt», sagt er. Benzodiazepine sind Wirkstoffe mit angstlösenden, beruhigenden und schlaffördernden Eigenschaften. Pleuler fragt: «Schlafen Sie fast ein, oder geht’s?» «Es geht.»

Zwei Drogenhändlern ein Zimmer vermietet

Die Befragung verläuft schleppend. Dem Beschuldigten wird unter anderem vorgeworfen, zwischen Mitte Juli 2016 und Ende November 2016 zwei Drogenhändlern ein Zimmer in der Liegenschaft seiner damaligen Freundin, in der er ebenfalls wohnte, vermietet zu haben. Sie hätten dort Heroin gelagert und es verkauft. Der Beschuldigte soll auch selber bei ihnen Heroin gekauft haben. Trotzig sagt er: 

«Wir sind keine Detektive.»

Er und seine damalige Freundin hätten nicht gewusst, dass die beiden Drogen verkauften. Dann spricht er plötzlich über ein anderes Delikt. Der Vorsitzende Richter fordert ihn wiederholt auf, seine Fragen zu beantworten. Es sei schwierig für ihn, zuzuhören, sagt der Beschuldigte. Pleuler, der langsam die Geduld zu verlieren scheint, sagt:

«Für mich auch.»

Nach einer Unterbrechung läuft es besser. Am 14. Juli 2017 soll der Beschuldigte mit seiner Ex-Freundin Heroin geraucht haben. Dann soll es zu einem Streit gekommen sein, in dessen Folge er sie mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben soll. Danach musste sie ins Spital.

Zum Vorwurf der eventualvorsätzlichen versuchten schweren Körperverletzung sagt der Beschuldigte, dass er nicht mit der Faust, sondern der flachen Hand zugeschlagen habe.

«Es war einfach ein guter Treffer.»

Er murmelt etwas. Sein Anwalt flüstert ihm zu, er solle das Gesagte laut wiederholen. «Ich wollte sie nicht schwer verletzen.»

An jenem Abend soll er sich trotz eines Hausverbots bei seiner Ex-Freundin aufgehalten haben. Der Vorwurf: Hausfriedensbruch. Das sei doch ein Widerspruch, sagt der Beschuldigte. «Ich war mit ihr bei ihr zu Hause und wir haben gemeinsam geraucht.» Zwei weitere Hausfriedensbrüche bei seiner Ex-Freundin gibt er dagegen zu.

Die Frage nach der Schuldfähigkeit

Das Gericht fällt am Ende nur ein Teilurteil ohne Strafmass. Zuerst soll ein Gutachten erstellt werden, um abzuklären, ob und welche Massnahmen in Sachen Suchtbehandlung für den Beschuldigten sinnvoll wären. Zudem soll geklärt werden, inwiefern er schuldfähig ist, da er viele Delikte unter Drogeneinfluss begangen haben soll. Den Antrag für das Gutachten hatte sein Anwalt gestellt. Voraussetzung sei aber die unbedingte Kooperation des Beschuldigten.

Dieser gibt letztlich nach und setzt sich widerwillig hin. «Sollte mir noch irgendeine Verfehlung Ihrerseits zu Ohren kommen, werde ich unverzüglich Sicherheitshaft beantragen», sagt Pleuler.

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