Der Zapfen bleibt am Klöppel: Die Glocken der Kreuzlinger Stadtkirche läuten vorerst nicht leiser, nur weniger häufig

Die evangelischen Kirchbürger entscheiden sich für die Minimallösung im seit langem währenden Lärmstreit.

Urs Brüschweiler
Drucken
Teilen
Der Klöppel der Glocke in der evangelischen Stadtkirche bleibt unangetastet.

Der Klöppel der Glocke in der evangelischen Stadtkirche bleibt unangetastet.

Nana Do Carmo

Darum geht es:

  • Die evangelische Kirchgemeindeversammlung bewilligt 12000 Franken für die Abschaltung des nächtlichen Viertelstundenschlages der Kreuzlinger Stadtkirche.
  • Weitergehende Massnahmen zur Reduzierung des Lärms wurden von den Kirchbürgern abgelehnt.
  • Ob die Kläger und die Stadt Kreuzlingen sich damit zufriedengeben, ist unklar. Ein Lärmgutachten kam zum Schluss, die Glocken sind zu laut. Die Kirchgemeinde wurde zum Handeln verpflichtet. 
  • An der Kirchgemeindeversammlung am Dienstag gab es viele weitere Diskussionen und eine Überraschung: Die ehemalige Kirchenpräsidentin Susanne Dschulnigg ist nicht zufrieden mit ihrem Nachfolger Thomas Leuch und will ihn deshalb wieder ablösen. 

Der Zapfen wird nicht entfernt

Dieser Hammer ist für den Stundenschlag verantwortlich.

Dieser Hammer ist für den Stundenschlag verantwortlich.

Evangelische Kirchgemeinde/pd

Die Glocken der Stadtkirche werden künftig schweigen in der Nacht. Aber nur während jeweils 59 Minuten. Den Schlag zur vollen Stunde liessen sich die Kirchbürger nicht nehmen. Sie entschieden sich am Dienstagabend mit relativ knapper Mehrheit für die von der Vorsteherschaft vorgeschlagene Variante A. Heisst: Einzig die Viertelstundenschläge von 22 bis 7 Uhr werden aufgehoben. 12'000 Franken haben die 78 Kirchbürger für Umbauarbeiten am 130 Jahre alten Uhrwerk ins Budget genommen.

Rund 130 Jahre alt ist das mechanische Uhrwerk im Glockenturm.

Rund 130 Jahre alt ist das mechanische Uhrwerk im Glockenturm.

Evangelische Kirchgemeinde/pd

Chancenlos war hingegen eine weitere Investition von 122'000 Franken für den Umbau der Klöppel und der Aufhängung der Glocken. Mit der Entfernung des Zapfens vom Klöppel hätte das Klangbild der aktuell zu lauten Glocken verbessert werden können.

«Das ist kein Lärm, sondern Kultur»

Das sagte ein erboster Bürger während der Diskussion. Viele Kirchgemeindemitglieder zeigten wenig Verständnis für die Einsprecher, welche seit mehr als zwei Jahren für leisere Glocken kämpfen.

Die evangelische Stadtkirche in Kreuzlingen.

Die evangelische Stadtkirche in Kreuzlingen.

Reto Martin

Mit Erfolg: Im Oktober hatte der Kreuzlinger Stadtrat aufgrund eines in Auftrag gegebenen Lärmgutachtens festgestellt, dass die Grenzwerte überschritten werden und verfügt, dass die Kirchgemeinde handeln muss.

Ob das reicht, bleibt vorerst noch offen

Ob man sich mit der Abschaffung des Viertelstundenschlags zumindest dieser Sorgen endgültig entledigen kann, bleibt offen. Kirchenpräsident Thomas Leuch konnte nicht garantieren, dass sich die Kläger mit dieser Lösung zufriedengeben. Wie bekannt wurde, haben diese nämlich Rekurs eingelegt gegen die Verfügung des Stadtrates. Ihr Ziel sei, auch den Stundenschlag abzuschaffen und die Kirchgemeinde zu den baulichen Massnahmen betreffend des Klangbildes zu verpflichten.

Susanne Dschulnigg

Susanne Dschulnigg

PD

Angriff auf den Nachfolger: Dschulnigg kandidiert wieder

Susanne Dschulnigg war 2016 als Präsidentin der evangelischen Kirchgemeinde zurückgetreten. «Ich bin mit Freude gegangen, weil ich überzeugt war, eine gute Nachfolge zu haben», sagte sie gestern am Ende der Kirchgemeindeversammlung. Es habe in den letzten Jahren jedoch viele Situationen gegeben, die sie an dieser Überzeugung zweifeln liessen. Nichts weniger als mangelnde Führungskompetenz wirft sie ihrem Nachfolger Thomas Leuch vor. «Deshalb trete ich im März bei den Gesamterneuerungswahlen der Kirchenvorsteherschaft wieder an», sagte sie. Sie werde keinen Wahlkampf betreiben und überlasse es den Bürgern, die Leistungen der vergangenen Jahre zu bewerten. Sie erhielt für ihr überraschendes Votum Applaus von der Gemeinde. Von der Vorsteherschaft äusserte sich niemand dazu.

Der Steuerfuss wird erhöht

«Wir haben im Budget reduziert, wo wir können», sagte Pascale Wallroth, Mitglied der Kirchenvorsteherschaft zum Budget 2020. Trotz einer bereits eingeplanten Steuerfusserhöhung um zwei auf 16 Prozentpunkte sah es ein Defizit von knapp 130'000 Franken vor. Nach der Streichung eines Budgetpostens bleibt dennoch ein Minus von rund 80'000 Franken.

Besonders der Liegenschaftsunterhalt und die Unternehmenssteuerreform belasten die Kirchenrechnung, wie auch in der Diskussion ersichtlich wurde. Ein Antrag, nur um einen Prozentpunkt zu erhöhen, solange kein Finanzplan vorliegt, kam aber nicht durch. Das Budget und die Steuerfusserhöhung wurden von den Kirchbürgern letztlich klar genehmigt.

Kein Streaming der Gottesdienste

Im Budget enthalten war auch ein Kredit für die Anschaffung und den Unterhalt einer Infrastruktur für das Streaming, die Videoübertragung, von Gottesdiensten aus der Stadtkirche. Einmalig 34'000 Franken und jährlich wiederkehrend 14'000 Franken sollte das kosten. Bereits an der letzten Versammlung wurde das Thema hitzig diskutiert und letztlich um ein Jahr verschoben. Am Dienstag fand die Idee bei weitem keine Mehrheit. Ein Kirchbürger sagte:

«Das Streaming ist kein Bedürfnis und die budgetierte Summe ist nicht verhältnismässig.»

Er sprach von einer Luxuslösung, die man sich nicht leisten könne. Antragsteller Walter Studer sprach von einem Fehler im Hinblick auf die Zukunft, wenn man diese Chance nicht nutze.

Nachtragskredit für Planung des Kirchgemeindehauses bewilligt

Wie es mit dem veralteten Kirchgemeindehaus weitergeht, bleibt vorerst offen. Im Mai war ein Projekt für 8,5 Millionen Franken von den Kirchbürgern klar verworfen worden. Für die Planung desselben musste die Versammlung am Dienstag aber einen Nachtragskredit von gut 70'000 Franken bewilligen. Kirchbürger Arnold Baumann wies darauf hin, dass er der Vorsteherschaft gesagt hatte, dass die Kosten höher ausfallen würden. Er wollte das Geschäft deshalb zurückweisen und genauere Auskunft über die Positionen. Es gehe vorwiegend um das Honorar für Planer und Architekten, liess man ihn wissen. Und das Architekturbüro habe auf einen Teil des Geldes verzichtet. Baumanns Antrag wurde abgelehnt, der Nachtragskredit genehmigt.

Aktuelle Nachrichten