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«Der Unfall hat uns ruiniert, und jetzt stehen wir ohne Hilfe da»: Ein Konstanzer und seine Frau bangen nach Crash in Münsterlingen um Existenz

Wegen eines unverschuldeten Autounfalls in Münsterlingen muss ein Konstanzer Ehepaar nun zittern.
Andreas Schuler
Nikolai Zubar in seiner Wohnung in Konstanz. Nach dem Unfall musste sein Bein amputiert werden. (Bild: Andreas Schuler)

Nikolai Zubar in seiner Wohnung in Konstanz. Nach dem Unfall musste sein Bein amputiert werden. (Bild: Andreas Schuler)

Der 20. Mai 2018. Ein Sonntag wie gemalt zum Bergwandern; Mix aus Sonne und Wolken, Temperaturen um die 20 Grad. «Wir wollten wie so oft ins Appenzell», erzählt Nikolai Zubar. Zusammen mit seiner Frau Tatjana verlässt er nach dem Mittagessen die Wohnung in Konstanz.

Sie machen sich mit dem Auto auf den Weg um einen unbeschwerten Tag in der Natur zu geniessen. Doch sie kommen keine zehn Kilometer weit. In Münsterlingen verändert sich das Leben des Ehepaars grundlegend. Ein Auto schiesst mit einer Geschwindigkeit von 110 Stundenkilometern frontal auf sie zu. «Ich weiss nicht mehr, was dann passiert ist», sagt Tatjana Zubar. «Ich sah dieses Auto auf uns zufliegen und dann war ich weg.»

Zu spät bemerkt, dass Spur endete

Laut Bericht der Kantonspolizei Thurgau war ein 67-jähriger Fahrer in der Gegenrichtung in Richtung Kreuzlingen unterwegs gewesen. Laut Zeugen soll er bereits bei der Fahrt durch Scherzingen durch aggressive Fahrweise und zu hohes Tempo aufgefallen sein. Vor der Verzweigung Scheidweg wollte er auf der Abbiegespur ein anderes Fahrzeug überholen.

Die Polizei rekonstruierte, dass der Unfallverursacher auf der Linksabbiegerspur während des Überholens zu spät bemerkt habe, dass die Spur endete – das Auto wurde durch den Aufprall auf eine Laterne und auf einen Randstein in die Luft katapultiert, prallte so direkt auf das Auto der Zubars. Nikolai Zubar erinnert sich:

«Wir waren eingeklemmt, bekamen schnell keine Luft mehr, da Fenster und Türen verschlossen waren.»

«Meine Frau war sofort bewusstlos, ich tastete meinen Körper ab und dachte zunächst, dass ich nichts Schlimmes hätte.»

Schnell waren Ersthelfer am Ort, ebenfalls Polizei und Notarzt. Mit Schneidemaschinen wurde der hintere Teil des Autos entfernt, um an die Opfer zu gelangen. «Ich wurde von hinten gezogen», so Nicolai Zubar.

«Da bemerkte ich erst, dass mein linkes Bein voller Blut war und es nur noch so da hing.»

Er wurde mit dem Hubschrauber ins Spital nach Ravensburg gebracht, seine Frau nach St.Gallen. Noch in der Nacht wurden beide operiert. Er zehn Stunden am Bein, sie mehrere Stunden an zahlreichen inneren Organen – der Anfang eines OP-Marathons. Nicolai Zubar kam bis heute 23 Mal unters Messer, Tatjana Zubar dreimal. Nicolai Zubars Bein wurde zunächst unterhalb des Knies amputiert, aufgrund von Komplikationen später dann aber oberhalb des Knies.

Plötzliche Bewusstlosigkeit führte zum Unfall

Die Beifahrerin des Unfallfahrers verstarb an der Unfallstelle. Der Fahrer des Wagens wurde selbst schwer verletzt. Er sagt später, eine Bewusstlosigkeit sei der Grund für den Unfall gewesen. Er könne sich nicht mehr an den Unfall erinnern. Laut Polizeibericht stand er unter dem Einfluss von Schmerzmitteln.

Zeugen sagten aus, dass der Verursacher «sehr schnell und mit stark überhöhter Geschwindigkeit» unterwegs gewesen sein soll. Gegen ihn wird wegen des Verdachts des Verstosses gegen mehrere Gesetze ermittelt. Viele tausend Franken Anwaltskosten sind bereits aufgelaufen.

«Auch wir haben viel Geld für unseren Anwalt ausgegeben. Ungefähr 2500 Euro», sagt Nikolai Zubar, der seit dem Unfall arbeitsunfähig ist. 78 Wochen erhält er von der Krankenkasse 67 Prozent des Nettogehalts, im November läuft diese Zeit ab.

«Ich würde gerne wieder bei meinem alten Arbeitgeber anfangen.» Noch steht das nicht fest, er ist aber guter Dinge, zumindest wieder Teilzeit arbeiten zu dürfen. Tatjana Zubar kann wieder 50 Prozent arbeiten – mehr geht nicht. Sie ist zu 50 Prozent behindert, er zu 70 Prozent. Sie sagt:

«Der Unfall hat uns ruiniert, und jetzt stehen wir ohne Hilfe da.»

«Wir haben 10000 Franken und dann noch einmal 5000 Franken erhalten, doch das Geld war sofort weg für Anwalt, Rettungsdienste und ein neues Auto.»

Familie wartet noch immer auf Prozess

Die monatlichen Fixkosten: 1100 Euro. «Ich muss täglich viele Tabletten schlucken, habe schreckliche Phantomschmerzen wegen des amputierten Beines und die Prothese macht grosse Probleme, die Schmerzen sind unerträglich. Es ist schrecklich», sagt Nikolai Zubar.

Das Auto des Verursachers wird untersucht. «Unser Anwalt sagt, dass das drei Jahre dauern kann. Bevor diese Ergebnisse nicht da sind, können wir nichts unternehmen.»

Die Akten mit Berichten, Zeugenaussagen, Anwaltsschreiben und Gutachten ergeben viele hundert Seiten. Ein Termin für den Prozess steht noch nicht fest. Das Warten zermürbt die Familie. Bis zum Prozess müssen die Zubars von der Hand in den Mund leben. Die zwei Töchter und ihre Familien helfen nach Kräften. Der Mut hat die Familie noch nicht verlassen, wohl aber der Glaube an Gerechtigkeit. Tatjana Zubar sagt:

«Wir konnten doch nichts dafür und jetzt stehen wir so da. Unglaublich.»

Irgendwann aber, sind sich die Zubars sicher, wollen sie nach Appenzell fahren, für einen unbeschwerten Tag in der Natur.

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