Der scheidende Chef der Kreuzlinger Bauverwaltung findet: «Mittelmass gibt es zur genüge»

Heinz Theus hat die letzten 15 Jahre die Stadtentwicklung geprägt. Und sich dabei ab und zu auch ärgern müssen.

Martina Eggenberger Lenz
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Der langjährige Bauverwalter von Kreuzlingen, Heinz Theus, tritt in den Ruhestand.

Der langjährige Bauverwalter von Kreuzlingen, Heinz Theus, tritt in den Ruhestand.

(Bild: Reto Martin)

Herr Theus, Ihr Büro ist schon von Ihrem Nachfolger besetzt. Sie sind so gut wie pensioniert. Wie geht es Ihnen gerade?

Heinz Theus: Einerseits bin ich froh, dass ich nicht mehr in der Verantwortung bin. Andererseits weiss ich jetzt schon, dass ich unser gutes Klima auf der Bauverwaltung vermissen werde. Meine Mitarbeiter und ich sind fast so etwas wie Freunde geworden. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht witzige Sprüche fallen. Lachen wirkt befreiend. Das ist ganz wichtig für die engagierte Zusammenarbeit, wenn man in einem so belastenden Departement arbeitet – mit all den mühsamen Rechtsverfahren und besserwisserischen Querulanten.

Nebst dem Humor: Was war Ihnen in Ihrer Führungsposition wichtig?

Bedingungslose Rechtmässigkeit und permanente Gleichbehandlung! Bei mir konnten diejenigen, die sich etwas gleicher als andere vor dem Gesetz fühlten, noch so lange betteln: Ich habe nie jemanden bevorzugt behandelt. Bevor Sie nach Kreuzlingen kamen, lebten Sie viele Jahre in Basel.

Haben Sie den Wechsel nie bereut? Von der urbanen Gegend in die Provinz?

Nein, nie. Die Familie war zwar anfangs vom Umzug nicht so begeistert, Basel ist ja auch eine wunderbare Stadt. Aber ich habe eben seit meiner Kindheit einen starken Bezug zum Bodensee. Wir haben seit jeher in Kesswil ein Ferienhäuschen. Die Weite des Sees hatte für mich immer schon etwas ganz Faszinierendes. An das enge Thurgauer Korsett beim Bauen musste ich mich aber schon erst gewöhnen, auch an die sehr ländlich geprägten Gesetze.

Viele sagen ja, Kreuzlingen sei eine eher hässliche Stadt. Was finden Sie an Kreuzlingen schön?

Zuerst kommt einem da der schöne Seeburgpark in den Sinn. Der alte Egelshofer Ortskern, auch jener in Kurzrickenbach. Aber auch das Ensemble um das wohlproportionierte Hochhaus Sonnenhof mit der Kammbebauung an der Löwenstrasse ist ein hervorragender Zeitzeuge. Ich finde auch nach wie vor, dass der Boulevard eine schöne Zentrumsstrasse geworden ist. Und natürlich ist der Klosterbezirk eine Perle.

Und was ist aus Ihrer Sicht unschön?

Dass Autos direkt an der Kante des Schifffahrtshafens parkiert werden, ist für mich ebenso unverständlich wie der notdürftige Parkplatz neben der kostbaren Klosterkirche. Darum ist der Bau des neuen Stadthauses so wichtig. Es wäre tatsächlich der Schlussstein und würde die hässliche Zahnlücke beim Bärenplatz in einen verständlichen Stadtraum verwandeln. Generell ist das Zentrum Süd – mit der Brache im Löwenareal und dem verlassenen Bärenareal hinter dem Restaurant – planerisch zwar auf Kurs, aber baulich noch nicht fertig entwickelt.

In Basel haben Sie den Messeturm mitgeplant. In Kreuzlingen ist es schwierig mit höheren Bauten. Dabei sind Sie ein Verfechter von Hochhäusern.

Der Hochhausbau, wie ich ihn verstehe, dient nicht der zusätzlichen baulichen Verdichtung, sondern der Gestaltung der im Baureglement vorgegebenen Dichte. Denn wer konzentriert in die Höhe baut, generiert unten mehr Freiräume. Das Hochhauskonzept war für uns auch wichtig, um im gleichförmigen Stadtkörper künftig das Zentrum stärker abzubilden. Leider geht es mit der Umsetzung nicht so schnell vorwärts wie erhofft.

Sie haben die Stadtbildkommission ins Leben gerufen.

Ja, es war mir wichtig, eine Diskussion über gute Architektur anzuregen und die Empfehlungen von Preisrichtern in die Entscheide des Stadtrats einfliessen zu lassen. Diese wichtige Rolle soll nun auch im neuen Baureglement verankert werden.

In Kreuzlingen geht alles sehr langsam vorwärts, das muss Sie doch frustrieren.

Das stimmt, es hat oft einiges geklemmt, auch weil sich Grundeigentümer in grösseren Arealen nicht einig waren. Einige Gestaltungspläne konnten wir aber trotzdem rechtskräftig erlassen: Alp Nord, Alp West, «Schäfli», Sägestrasse, Wolfacker Südwest, Abendfrieden, «Bären» und jene beiden im Gebiet Bernrain, das im Zonenplan lange Zeit noch keiner Zone zugewiesen werden konnte.

Sie haben sich immer sehr für gute Architektur starkgemacht. Die Bauherrschaften haben die Pläne aber nicht immer nach Wunsch umgesetzt.

Das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbes über das Bellevue-Areal beispielsweise erweckte den Anschein, als wären transparente Bauten in einem schönen Freiraum gelandet, in deren Glasfassaden sich ein hochwertig gestalteter Park widerspiegeln würde. Leider haben wir nun Eternit verschalte massive Gebäude ohne die Eleganz der ursprünglichen Vision. Aus dem Ferrari wurde ein Lastwagen gemacht. Ähnliches ist bei der Überbauung Bernrain passiert. Das raffinierte Siegerprojekt aus dem Studienauftrag wurde zu einer gängigen Überbauung banalisiert. Oft tragen die Investoren das Beste aus den Wettbewerbsverfahren nicht mit. Das regt mich schon auf. Dabei haben wir in den Gestaltungsplanvorschriften eingeführt, dass wer nicht mit dem Autorenteam baut, eine happige Konventionalstrafe zu bezahlen hat.

Haben Sie kein Verständnis dafür, dass Investoren eine möglichst hohe Rendite erzielen wollen?

Das Problem ist: Wir laufen langsam in ein Überangebot an Wohnungen rein. Mittelmässige Wohnungen gibt es inzwischen zur Genüge. Mit Exzellenzen jedoch kann man sich im schärfer werdenden Wettbewerb eine gute Marktposition verschaffen.

Jetzt haben Sie viel über gute und schlechte Architektur gesprochen. Wie wohnen Sie eigentlich selber?

In einer Mietwohnung im Attika-Geschoss oberhalb der Gaissbergstrasse mit wunderbarer Weitsicht auf den Bodensee. Ich musste als Kind zu Hause sehr viel Rasen mähen. Da war für mich klar, dass ich nie ein Haus mit so grossem Garten will. Im Sommer werden meine Frau und ich das Dachgeschoss einer etwas zentraleren Alterswohnung beziehen.

Wenn Sie dann als pensionierter Mann durch die Stadt spazieren... Worüber würden Sie sich freuen?

Über eine Festwiese, die den Namen verdient. Über eine fertiggestellte Löwenüberbauung mit schöner Durchwegung. Über die neuen Wohnungen im Alterszentrum und auf dem Bärenareal. Ich konnte während meiner 15 Jahre bei der Stadt einiges einleiten, aber nicht alles umsetzen. Raumplanung ist halt ein träger Prozess. Die Fortsetzung dürfen nun andere machen.

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