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Abschied vom Lebenswerk: Es bricht ihm fast das Herz – Richard Neururer hat nur noch drei Monate, um seine Brockenstube in Salmsach zu räumen

Bis Ende November hat der 89-Jährige Zeit, seine riesige Brockenstube zu räumen. Alleine schafft er es nicht. Aber auch mit Helfern ist es schwierig.
Markus Schoch
Richard Neururer mit einem Hut und Feder in seinem Reich, das er sich geschaffen hat. (Bild: Andrea Stalder).

Richard Neururer mit einem Hut und Feder in seinem Reich, das er sich geschaffen hat. (Bild: Andrea Stalder).

Es bricht ihm fast das Herz. Alles muss weg, was er in den letzten 40 Jahren gesammelt hat. «Es ist ein Lebenswerk», sagt Richard Neururer. Aber er weiss auch: «Alles geht irgendwann vorbei.» Wenn es nur nicht schon so bald wäre.

Bis Ende November lässt ihm die Gemeinde als Besitzerin der ehemaligen Fabrikhalle Zeit, die Brockenstube zu räumen. Sie will das Gebäude selber nutzen. Alleine würde es der 89-Jährige nicht schaffen. Aber auch seine Helfer sind der Verzweiflung zuweilen nahe. Sie wissen gar nicht recht, wo sie anfangen sollen, es ist so viel. Und Neururer möchte gerne noch das eine oder andere gute Stück verkaufen, was die Sache nicht einfacher macht.

Vom Kleister über Kreissäge bis zu Weisswein

Beispielsweise jenen Leiterwagen, den er erstand, als die Alkoholverwaltung das damalige Pflichtlager in Romanshorn 1998 auflöste. «Er wäre ideal für einen Bauern oder einen Ladenbesitzer als Präsentationsfläche», sagt Neururer. Dass bis jetzt noch niemand das hölzerne Gefährt gekauft hat, mag daran liegen, dass man es fast nicht sieht. Es verschwindet hinter all den Gegenständen, die auf und neben ihm stehen.

Pfannen, Deckel und eine Kreissäge. (Bild: Markus Schoch)

Pfannen, Deckel und eine Kreissäge. (Bild: Markus Schoch)

Es scheint nichts zu geben, was Neururer nicht genommen hätte: Kleister, eine Inca-Kreissäge, ein Rotkreuz-Kalender aus dem Jahr 1954, eine mechanische Torpedo-Schreibmaschine, eine Taucherbrille, eine Wasser-Mischbatterie fürs Bad, ein Brotbackautomat, ein Weisswein aus Dézaley mit Jahrgang 1999, ein Dachrinnenschutz, ein Spinnrad, Steine, Sonnenbrillen, Zirkel, Pfannen, Plattenspieler, Pokale, Schlüssel, Weihnachtsschmuck, Velos und Tausende Schallplatten, die so gut wie neu seien, sagt Neururer.

Tausende Schallplatten stehen zum Verkauf. (Bild: Markus Schoch)

Tausende Schallplatten stehen zum Verkauf. (Bild: Markus Schoch)

Der Gedanke, sie wegzuwerfen, ist für ihn absurd. Genauso, wie die «schönen Bücher» in die Kehrichtverbrennungsanlage zu geben, wo er sie und vieles andere in seiner umfangreichen Sammlung einst vor dem Feuer gerettet hat.

«Er ist jahrelang ausgenutzt und betrogen worden»

Neururer arbeitete 20 Jahre lang bei der KVA in Hefenhofen und sah dort fast täglich etwas, dessen Lebensdauer seiner Meinung nach noch nicht abgelaufen war. Da er einen kleinen Lastwagen besass, war es für ihn kein Problem, auch Stühle und Tische beiseitezuschaffen. Oder jene riesigen Kisten, die seine Helfer in diesen Tagen vom Dachboden des 40 Meter langen Gebäudes direkt an der Aach holen. «Ich habe sie von der ehemaligen Kammgarnspinnerei in Bürglen», sagt Neururer.

Zahllose Elektrogeräte hat Richard Neururer gesammelt. (Bild: Markus Schoch)

Zahllose Elektrogeräte hat Richard Neururer gesammelt. (Bild: Markus Schoch)

Doch längst nicht alles, was herumsteht, hat der gebürtige Österreicher gesucht und gefunden. Vieles haben ihm Unbekannte in der Nacht vor die Tür gestellt, um die Entsorgungskosten zu sparen. «Richard Neururer ist jahrelang hintergangen und ausgenutzt worden», sagt ein Helfer. Er habe es mit eigenen Augen gesehen. Und darum gehe er ihm jetzt zur Hand.

Nie Geld verdient

«Es ist auch wiederholt bei mir eingebrochen worden», sagt Neururer und öffnet einen Glasschrank, aus dem ihm Diebe Messer und das Objektiv eines alten Lichtmikroskops genommen haben. Vor ein paar Wochen ist ihm sogar wieder ein Schaf gestohlen worden aus der kleinen Herde, die er gleich nebenan hält. Immerhin hat jetzt die Gemeinde vor ein paar Tagen eine Überwachungskamera installiert.

Mit seinem Brockenhaus habe er nie Geld verdient, sagt Neururer. Die Miete sei immer höher gewesen als der Erlös aus dem Verkauf.

«Es war einfach mein Hobby.»

Und es sei ihm auch nicht ums Geld gegangen, als er eine Wand eingezogen, ein Heizgebläse installiert und den zweiten Raum dem Judoclub zur Verfügung gestellt habe. «Ich wollte einfach helfen.»

Seine zweite Heimat

Der Dachboden ist bereits mehr oder weniger geräumt. Vieles hat der Zivilschutz schon vor Jahren entsorgt. (Bild:Markus Schoch)

Der Dachboden ist bereits mehr oder weniger geräumt. Vieles hat der Zivilschutz schon vor Jahren entsorgt. (Bild:Markus Schoch)

Überall hat Neururer Teppiche verlegt, sogar unter dem Dach. Und er ist heute selber darüber erstaunt, wie er das alleine geschafft hat.

«Ich kann das gar nicht glauben.»

Es ist so irreal für ihn wie die Vorstellung, dass nichts mehr bleiben soll von all dem, was er zusammengetragen hat. In diesem Gebäude, das für ihn zur zweiten Heimat geworden ist und zwischen 1956 und 1976 sein Arbeitsplatz als Mechaniker bei der Maschinenbaufirma Hungerbühler war, die in der Salmsacher Bucht hydraulische Skipressen produzierte.

Jetzt steht Neururer da und weiss manchmal gar nicht, was er sagen soll, wenn ihn jemand fragt, ob er diesen oder jenen Gegenstand wegwerfen könne. Das Herz sagt Nein, der Verstand Ja.

Die Brockenstube ist täglich von 16 bis 20 Uhr geöffnet.

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