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Der Mann, der den Krieg verhindern wollte – oder wie Georg Elser 20 Meter vor der sicheren Schweiz geschnappt wurde

Ein Schreiner will den Zweiten Weltkrieg verhindern. Er baut eine Bombe, die den Führer töten soll. Der Anschlag misslingt – und ebenso seine Flucht über die Grenze in die Schweiz.
Sabrina Bächi
Georg Elser verübte ein Attentat auf Adolf Hitler. (Bild: PD)

Georg Elser verübte ein Attentat auf Adolf Hitler. (Bild: PD)

Konstanz. 8. November 1939. Es ist schon lange dunkel: 20.45 Uhr. Die Beleuchtung in der Strasse Schwedenschanze leuchtet schwach. Nur wenige Meter trennen Georg Elser von der Schweizer Grenze. Sein Ziel ist in Sichtweite. Doch dann hält ihn eine Patrouille vom Zollgrenzschutz an. Ausweiskontrolle.

Seine Papiere sind abgelaufen, in seiner Tasche befinden sich verdächtig anmutende Dinge. Eine Ansichtskarte vom Bürgerbräukeller in München beispielsweise. Zur gleichen Zeit tickt eine Bombe mitten in einer Säule beim Sprechpult in eben jenem Bürgerbräukeller in München, welcher auf der Ansichtskarte von Elser zu sehen ist.

Noch ahnen die Konstanzer Zollschutzbeamten nicht, was für ein dicker Fisch ihnen gerade ins Netz geraten ist. Elser weiss, sein Leben ist vorbei. Noch aber flackert innere Hoffnung, dass nicht nur sein Leben, sondern das des höchsten Mannes Deutschlands ebenfalls bald vorüber sein wird. Denn Johann Georg Elser hatte einen Plan.

Er wollte den Krieg verhindern und arbeitete während eines ganzen Jahres minutiös an einem Attentat auf Adolf Hitler, dem Führer des deutschen Nazi-Reichs. Elsers Plan funktioniert perfekt – eigentlich. Er hat aber einen Haken, den Elser nicht beeinflussen kann – das Wetter. In der Nacht des 8. November liegt in München dicker Nebel über den Dächern der Stadt.

Die Gedenktafel für Johann Georg Elser bei der Schwedenschanze in Konstanz. (Bild: Andrea Stalder)

Die Gedenktafel für Johann Georg Elser bei der Schwedenschanze in Konstanz. (Bild: Andrea Stalder)

Hitler kann deswegen nicht wie geplant mit dem Flugzeug nach Berlin, sondern muss mit einem Sonderzug zurück in die Reichsstadt reisen. Sein Aufenthalt verkürzt sich und so verlässt Hitler und sein Führungsstab rund 13 Minuten vor der Bombenexplosion den Bürgerbräukeller.

Die Bombe explodiert exakt um 21.20 Uhr, tötet acht Personen und verletzt 63, davon 16 schwer. Hitler lebt.

Frühe Abneigung gegen die Nazis

Johann Georg Elser wird 1903 im württembergischen Hermaringen geboren. Mit fünf jüngeren Geschwister wächst er in Königsbronn auf. Früh zeigt er politisches Interesse und tritt Ende der 1920er-Jahre dem Roten Frontkämpferbund bei, einem paramilitärischen Kampfverband.

Ab 1925 lebt und arbeitet der gelernte Schreiner für längere Zeit in Konstanz. Er kennt die Stadt am Seerhein bestens. Als Uhrenmacher verdient er, auch später, sein Geld. 1930 arbeitet er für kurze Zeit in Bottighofen. Elser war früh ein Gegner des Nationalsozialismus. Er verweigert nach 1933 den Hitlergruss.

Nach dem Münchner Abkommen vom 30. September 1938 ist Elser überzeugt, dass Hitler einen Krieg plant. Nur seine Ermordung, denkt Elser, kann den Verlauf der Geschichte stoppen und den Krieg verhindern. So beginnt er, den Anschlag zu planen.

Ein Schreiner und Uhrenmacher

Der Ort ist schnell gefunden. Jedes Jahr trifft sich Adolf Hitler am Abend vor dem 9. November, anlässlich des gescheiterten Putschversuchs von 1923, mit seinen Anhängern im Münchner Bürgerbräukeller. Zunächst aber heuert Elser bei einem Steinbruch an, damit er insgesamt 105 Dynamit Sprengpatronen und 125 Sprengkapseln entwenden kann.

Am 5. August zieht Elser nach München und mietet sich eine Werkstatt. Damit niemandem etwas auffällt, gibt er sich den Nachbarn als Erfinder aus. So kann er ungestört an seiner Zeitbombe tüfteln. Hierbei kommt ihm sein Wissen als Uhrenmacher zugute.

Die Arbeit im Bürgerbräukeller gestaltet sich sehr mühsam. Jeden Abend geht er dort essen, schleicht sich danach in eine Besenkammer, versteckt sich und verharrt mehrere Stunden, bis das Gasthaus geschlossen wird. Erst dann kriecht er aus seinem Versteck und beginnt mit dem Aushöhlen der Säule, welche sich direkt hinter dem Rednerpult befindet.

Aber auch das stellt sich als sehr mühselige Arbeit heraus. Um nicht durch Geräusche auf sich aufmerksam zu machen, muss er seine Arbeit jeweils für zehn Minuten unterbrechen, bis die automatische Toilettenspülung seine Geräusche übertönt.

Den Schutt nimmt er mit und die Bombe tickt

Den Schutt nimmt er mit – in einem Sack, den er in einem Koffer aus dem Wirtshaus trägt und in der Isar entsorgt. Anfang November bringt er seine Zeitbombe mit und montiert sie. In der Nacht vor der geplanten Explosion horcht er an der Säule, ob die Bombe noch tickt.

Der Bürgerbräukeller nach dem Anschlag am 8. November 1939. 63 Menschen wurden verletzt. Hitler entkam dem Attentat. (Bild: Getty)

Der Bürgerbräukeller nach dem Anschlag am 8. November 1939. 63 Menschen wurden verletzt. Hitler entkam dem Attentat. (Bild: Getty)

Am 8. November begibt sich Elser auf die Flucht. Mit dem Dampfschiff erreicht er am Abend Konstanz. Und dort, wenige Meter von der Grenze entfernt, fasst ihn die Patrouille. Als die Konstanzer Zollschutzbeamten von der Explosion in München hören, zählen sie eins und eins zusammen und melden den Vorfall in Berlin.

Elser kommt nach München in die Staatspolizeileitstelle. Er wird zunächst in München, später in Berlin verhört. Unter Folter gesteht er schliesslich seine Täterschaft zum Attentat. Die Protokolle dieser Verhöre sind 1964 zufällig entdeckt worden und sind die ausführlichste Quelle über die Tat von Georg Elser.

Elser wird «Sonderhäftling des Führers»

Die Nationalsozialisten glauben nicht an einen Einzeltäter und versuchen, Hintermänner herauszufinden. Sie trauen einem einfachen Schreiner die Kenntnisse und Fähigkeiten zum Bau der zeitgesteuerten Bombe nicht zu. Doch Elser kann es beweisen, in dem er die Bombe ein zweites Mal nachbaut. Damit ist seine Alleintäterschaft erwiesen.

1941 wird Johann Georg Elser als «Sonderhäftling des Führers» ohne Gerichtsverfahren ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau verlegt. Er sollte nach dem «Endsieg» in einem Schauprozess verurteilt werden. Im April 1945 ordnet Hitler jedoch aufgrund der drohenden Niederlage die Hinrichtung von Georg Elser an.

20 Tage vor der Befreiung Dachaus wird Georg Elser mit einem Genickschuss umgebracht.

Konstanz - die verschonte Stadt

Wie in anderen deutschen Städten machte sich der Nationalsozialismus ab 1933 mit dem Ausschluss der Juden aus dem öffentlichen Leben bemerkbar. 1936 gab es einen ersten Brandanschlag auf die Konstanzer Synagoge. Damals löschte die Feuerwehr den Brand noch. In der Reichspogromnacht 1938 wurde die Feuerwehr an der Brandbekämpfung an der Synagoge gehindert. Eine SS- Einheit sorgte für die Sprengung des Gebäudes. In Konstanz lebten 1933 noch 433 Juden, 1940 waren es nur noch 120. Viele emigrierten ins Ausland, unter anderem auch in die Schweiz.

Doch Flüchtlinge, die über den Saubach die Flucht versuchten und es in den Thurgau schafften, wurden wieder nach Konstanz zurückgebracht. Nach dem Ausbruch des Krieges wurden die Grenzen abgeschottet und mit hohen Grenzzäunen dicht gemacht. Obwohl Konstanz ein wichtiger Industriestandort war, wurde die Stadt von alliierten Bombenangriffen verschont. 1944 hob der Bundesrat das Verdunklungsgebot auf – Konstanz zog mit. So war aus der Luft die Grenze nicht mehr zu erkennen, was Bombenangriffe verhinderte. Am 26. April 1945 wird Konstanz fast kampflos eingenommen. Die Stadt am Bodensee zählte zur französischen Besatzungszone. Am 18. Juli 1978 wurde die letzte französische Einheit aus Konstanz verabschiedet. (sba)

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