«Der Lockdown hat mir aufs Gemüt geschlagen»: Der Bischofszeller Dirigent Stefan Roth über die Coronapandemie

Der 39-jährige Musiker sehnt sich nach der Rückkehr in die Konzertsäle. Die ersten Proben nach Inkrafttreten der Lockerungen hat Stefan Roth inzwischen absolviert.

Georg Stelzner
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Symbolischer Lockdown: Stefan Roth beim geschlossenen Bahnübergang an der Steigstrasse in Bischofszell.

Symbolischer Lockdown: Stefan Roth beim geschlossenen Bahnübergang an der Steigstrasse in Bischofszell.

Bild: Georg Stelzner (9. Juni 2020)

Wir treffen Stefan Roth am Tag danach. 24 Stunden sind vergangen, seit der Musiker erstmals seit Monaten wieder seine Profession auf gewohnte Art und Weise ausüben konnte.

Seit einer letzten Probe vor dem Lockdown – damals mit dem Musikverein Kradolf-Schönenberg – und der ersten Probe nach den Lockerungen – diesmal mit dem Symphonischen Blasorchester Kreuzlingen – ist gut ein Vierteljahr vergangen.

Kontakt mit Musikanten vermisst

«Natürlich war diese Situation auch für mich völlig neu. Es war etwas, womit ich nicht im Entferntesten gerechnet habe», sagt Roth. Die Erleichterung, jetzt wieder einige Schritte in Richtung Normalität machen zu können, steht dem 39-Jährigen ins Gesicht geschrieben.

«Am meisten vermisst habe ich den Kontakt mit den Musikantinnen und Musikanten. Ich freue mich über jede Probe, die jetzt wieder stattfinden kann», gesteht der Dirigent. Unterrichten und Proben via Skype sei kein adäquater Ersatz gewesen, höchstens eine Notlösung.

Mindestabstand ist das Gebot der Stunde

Seit kurzem ist es den Musikvereinen wieder erlaubt, im Korps zu spielen – freilich nur unter der Bedingung, dass die Mindestabstände eingehalten werden: Links und rechts je ein Meter, nach vorne und hinten je zwei Meter. Der eine oder andere Verein müsse sich daher nach einem alternativen, sprich grösseren Probelokal umsehen.

«Die Qualität des Zusammenspiels leidet unter den neuen, ungewohnten Rahmenbedingungen nicht», erklärt Roth. Es gebe insofern sogar einen positiven Effekt, als die neuen Umstände eine Förderung der Hörgewohnheiten zur Folge hätten. «Und auch auf den Dirigenten muss jetzt mehr geachtet werden», ergänzt Roth.

Eigenverantwortung wird wahrgenommen

Obwohl in den vergangenen drei Monaten gezwungenermassen weniger geübt wurde, befürchtet Roth keinen gravierenden Niveauverlust. Die meisten Musizierenden seien motiviert genug und wollten sich ja nicht verschlechtern.

Die diesbezügliche Eigenverantwortung werde grossteils wahrgenommen, stellt Roth erfreut fest. Er ist auch überzeugt, dass man bis Herbst geringe Qualitätseinbussen wettmachen und auf das ursprüngliche Level zurückkehren kann. «Ich hoffe aber, dass jetzt niemand glaubt, es auch mit weniger Aufwand schaffen zu können», warnt Roth.

Viel Zeit für administrative Arbeiten

Stefan Roth hat den Lockdown und die Kurzarbeit genutzt, um administrative Arbeiten zu erledigen. «Diese Zeit, in der ich meinen Beruf nicht ausüben konnte, hat mir aufs Gemüt geschlagen», konstatiert er rückblickend.

Wenn Roths Freude über das Ende dieser bedrückenden Phase mit ihrer Ungewissheit auch gross ist, so gibt es doch einige Wermutstropfen. Und diese lassen sich nicht so leicht verdauen.

Absagen sind schmerzliche Folgen der Pandemie

So kam im Mai der zweitägige Lugano-Aufenthalt mit dem Symphonischen Blasorchester Kreuzlingen nicht zustande, und auch die Reise nach Singapur und Hongkong kann im Juli nicht angetreten werden. Auf dem Programm gestanden wären Konzerte und die Teilnahme an einem Festival.

Zu Hause im Thurgau kann sich Stefan Roth aber wieder mit Konzertauftritten befassen. Die Frage ist, ob diese real oder virtuell stattfinden. Technisch ist ein Livestream keine Hexerei, doch für Musikanten alles andere als eine verlockende Option. «Das Publikum ist sehr wichtig. Sein Applaus ist unser Lohn!», gibt Roth zu bedenken.

Zur Person

Stefan Roth kam am 31. Juli 1980 in Winterthur zur Welt und wuchs in Aadorf auf. Die Idee, Lehrer zu werden, gab er wieder auf und widmete sich der Musik. Roth studierte Blasorchesterdirektion in Maastricht, Bern und Augsburg. Während 14 Jahren war er musikalischer Leiter des MV Kradolf-Schönenberg, mit dem er am Thurgauer Kantonal-Musikfest zweimal in der 2. Stärkeklasse gewann. Derzeit dirigiert er das Symphonische Blasorchester Kreuzlingen, die Jugendmusik Kreuzlingen und die Liberty Brass Band. Seit zehn Jahren wohnt Stefan Roth in Bischofszell. (st)

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