Der Klimawandel und das Essen: Darüber diskutieren Fachleute am Ostschweizer Food Forum in Weinfelden

Das diesjährige Ostschweizer Food Forum in Weinfelden nimmt den «Megatrend Neo-Ökologie» auf.

Larissa Flammer
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Gerd Ganteför (Uni Konstanz), Simon Vogel (Junge Grüne Thurgau), Otto Wartmann jun. (Holzhof), Moderator Stefan Nägeli, Christian Fichter (Wirtschaftspsychologe) und Markus Hämmerli (Fenaco).

Gerd Ganteför (Uni Konstanz), Simon Vogel (Junge Grüne Thurgau), Otto Wartmann jun. (Holzhof), Moderator Stefan Nägeli, Christian Fichter (Wirtschaftspsychologe) und Markus Hämmerli (Fenaco).

Bild: Donato Caspari
  • Der Klimawandel beeinflusst die (Konsum-)Entscheidungen der Bevölkerung, so die Ausgangslage des Forums.
  • Verschiedene Fachleute diskutieren über den Klimawandel und den Einfluss auf die Ernährung.
  • Es war das 8. Ostschweizer Food Forum.

Beim Corona-Virus stehen die Regierungen hin, verweisen auf die Fakten und sagen: Wir haben ein Problem. «Ich wünschte mir, dass beim Klimawandel im gleichen Mass auf die Fakten der Wissenschafter reagiert wird», sagte Simon Vogel. Der Co-Präsident der Jungen Grünen Thurgau war Gast an einer Podiumsdiskussion am Ostschweizer Food Forum im Weinfelder Rathaus. Das Thema dort: der Megatrend Neo-Ökologie.

Der Klimawandel beeinflusst die (Konsum-)Entscheidungen der Bevölkerung, so die Ausgangslage des Forums. Als positives Beispiel war Otto Wartmann junior vom Thurgauer Landwirtschaftsbetrieb Holzhof Gast am Podium. Auf seinem Hof mit eigener Käserei und Biogasanlage gibt es einen Kreislauf, durch den am Ende 1500 Haushalte mit Storm versorgt werden können.

Gerd Ganteför von der Universität Konstanz betonte, dass wir etwas tun müssen, das eine Vorbildfunktion für arme Länder hat. Diese könnten sich Strom aus Biogas nicht leisten. Ganteför sagte:

«Das ist ein Hobby eines ganz reichen Landes.»

Wichtig sei es, Bildung zu exportieren und das Bevölkerungswachstum zu stabilisieren. Letzteres gelinge nur, wenn sich auch in armen Ländern der Lebensstandard verbessere. Ausserdem ist der Experimentalphysiker überzeugt, dass man eine zweite Erde findet sowie schon in einigen Jahrzehnten kleine Fusionsreaktoren als neue Energiequelle nutzt.

Es sei einfacher, sich dem Klimawandel anzupassen

Der vierte Podiumsgast war Wirtschaftspsychologe Christian Fichter, der die Bevölkerung als denkfaul bezeichnete. Die Menschen würden sich für Nachhaltigkeit und Ökologie einsetzen wollen, es falle ihnen aber sehr schwer. Deshalb brauche es gewisse Regeln, wie den Gurt beim Autofahren. Fichter glaubt nicht daran, dass die Menschheit den Klimawandel noch aufhalten kann.

«Das Problem ist so kompliziert, dass es einfacher ist, uns dann den neuen Rahmenbedingungen anzupassen.»

Zu Jungpolitiker Vogel sagte er: «Sie sollten den Menschen keine Angst machen.» Der soziale Frieden sei wichtiger als das Einhalten der Klimaziele. Vogel hatte betont, dass die Menschheit noch zehn Jahre Zeit habe, um die Erderwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen – so wie es beim Pariser Klimaabkommen vereinbart worden sei.

Greta und der Notstand

Babette Sigg findet Greta Thunberg «grossartig». Die Präsidentin des Schweizerischen Konsumentenforums zählte am Food Forum auf, was die Klimaaktivistin erreicht hat: Der Klimawandel sei weltweit Topthema, junge Menschen würden sich engagieren, die Politik werde wachgerüttelt. «Noch nie wurden so viele Initiativen eingereicht, welche die Ernährung tangieren.» Die Konsumenten teilt Sigg in vier Gruppen ein: Die relativ grosse Gruppe «Geiz ist geil», die möglichst günstig einkaufen wolle. Die Gruppe «unten durch» müsse günstig einkaufen und werde wohl noch wachsen. Ebenfalls wachsen werde die dritte Gruppe «Ethik küsst Ästhetik», die sehr bewusst einkaufe, die Liste mit Inhaltsstoffen studiere und auch unbequeme Kunden sein könnten. Die allergrösste Gruppe sei die «schweigende Masse», die nicht viel über Konsum nachdenke, weil ja alles im Überfluss vorhanden sei. Wenn es um das eigene Portemonnaie gehe, sei ökologischer Konsum schwierig, sagte Sigg: «Ich wünsche mir, dass die Konsumenten sich das Thema zu Herzen nehmen.» Zwang sei nicht gut, gewisse Verordnungen brauche es aber. Preise müssten fair sein – und zwar auch für die Produzenten. Preisschlachten findet Sigg deshalb eine schlechte Sache. Zum Thema Greta äusserte sich auch Uli Burchardt, Oberbürgermeister von Konstanz. Die Stadt hat als erste den Klimanotstand ausgerufen. Die Idee dazu sei von den jungen Klimaaktivisten ausgegangen, die Burchardt zum Gespräch eingeladen hatte. Bei den Lebensmitteln sprach Burchardt das Fleisch an: «Mit den heutigen Preisen ist keine ordentliche Qualität und kein Tierwohl möglich.» Wenn Fleisch doppelt so teuer wäre und die Menschen dafür nur noch halb so viel essen würden, wäre laut Burchardt allen gedient. (lsf)

Der fünfte Gast, Markus Hämmerli von der Fenaco-Genossenschaft (Landi, Volg, Top Shop), zeigte sich zuversichtlich bei der Einhaltung der Klimaziele: «Es braucht Überlegungen ausserhalb der Box.» Die Landwirte müssten offensiv erklären, was sie zum Klimaschutz unternehmen, dann gehe es auch ohne zusätzliche Regulierungen.

Für Psychologe Fichter ist einer der stärksten Anreize für einen ökologischeren Konsum das Verhalten des Umfelds. Die grosse Frage sei, wie man einen Beitrag an den Klimaschutz leisten könne, ohne beim Wohlstand zu krasse Einschränkungen machen zu müssen. Jungpolitiker Vogel sagte gegen Ende des Podiums:

«Jetzt haben wir es fast eine Stunde lang geschafft, nicht darüber zu reden, dass wir weniger tierische Produkte konsumieren sollten.»

Schweizer würden heute ein Mehrfaches der gesundheitlich empfohlenen Menge an Fleisch essen. Weniger wäre auch für das Klima ein Vorteil, so Vogel.