Der Kämpfer wird am Klavier zum Virtuosen: Hermann Hess spielt in Ermatingen

Der Amriswiler Unternehmer und Ex-Nationalrat berichtet im Vinorama aus seinem Leben. Ehe er in die Tasten greift.

Margrith Pfister-Kübler
Drucken
Teilen
Hermann Hess spielt im Gewölbekeller. (Bild: Reto Martin)

Hermann Hess spielt im Gewölbekeller. (Bild: Reto Martin)

Der Publikumsandrang im Haus Phönix des Ermatinger Vinorama Museums am Donnerstagabend lässt um 18 Uhr noch sehr zu wünschen übrig. Kurator Christoph Ullmann und der prominente Abendgast aus Amriswil, Hermann Hess – Unternehmer, Politiker, Pianist – schieben das Klavier in die richtige Position. Eine Causerie am Klavier mit Hermann Hess steht auf dem Programm.

Hess erzählt bevor er spielt

Exotisch wirkt, dass zwei Anfangszeiten publiziert wurden: 18 Uhr und 19 Uhr. Deshalb kommt der Grossteil der Besucher erst kurz vor 19 Uhr. Tragödie oder charmantes Marketing? «Ein Riesenbock», entschuldigt sich Kurator Ullmann. Doch, die zwei Anfangszeiten werden zum glamourösen Gewinn.

18 Uhr: Hess lässt sein Leben als Spross mit drei Schwestern in fünfter Generation einer Amriswiler Bekleidungsindustrie mit bis 700 Mitarbeitern Revue passieren. Er setzt ins richtige Licht: Familiengeschichte, Vater, der sich 1970 das Leben nimmt. Hermann Hess, mit abgeschlossenem Musikstudium, Klavier-Konzertdiplom, übernimmt die Verantwortung, studiert, verbessert das Sortiment und tut kund, wie es trotz Kampf zum Verkauf der Firma, zum Verlust von über 50 Millionen, zum Immobiliengeschäft, zur Politik kam, und versäumt nicht, zu erzählen von Enttäuschungen, von «alle haben alles schon gewusst-Leuten», denn «der spielt ja Klavier», bis zu Zeiten, wo die Deutschen Kreuzlingen als Kunden überschwemmt haben.

«Ich bin ein Kämpfer»

Hermann Hess lässt die Erfolge der neueren Zeit heraufziehen, Hess Investment Group, Gewerbe-Immobilien bis zur Schifffahrt. Seine aktuell lotrechten Erfolge wirken wie Auferstehungsschauplätze.

«Meiner Firma geht es blendend», sagt er mit geschärfter Stimme. Politisch ging es bei ihm von der FDP-Ortspartei bis zum Nationalrat. Hess hat in seinem Spontan-Referat vieles aufgezeigt, über das es sich nachzusinnen lohnt.

Dann kommen um 19 Uhr die Causerie-am-Klavier-Besucher. Wie ein ungeheures Panorama legt Hermann Hess die Zeit von 1750 bis 1820 in den Gewölbekeller. Hess tänzelt, erklärt, wie die Abfolge der höfischen Tänze funktioniert, legt in der Musik von Beethoven, Bach, Mozart bis Haydn Zusammenhänge musikalisch, gesellschaftlich, politisch offen. Tosender Applaus ist der Dank.