Für die Amriswiler Jugendarbeiter ist der Grat zwischen Kumpel und Erzieher schmal

Die Jugendarbeit in Amriswil hat mehr Kapazitäten. Ein Quintett kümmert sich um die Jugendlichen und geht vermehrt raus auf die Strasse.

Manuel Nagel
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Kaya Nas, Olivia Miesch, Raphael Gnägi, Julia Näf und Valentina Sokolaj bilden das aktuelle Team der Amriswiler Jugendarbeit.

Kaya Nas, Olivia Miesch, Raphael Gnägi, Julia Näf und Valentina Sokolaj bilden das aktuelle Team der Amriswiler Jugendarbeit.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)

«Wir haben Bock und Energie, etwas zu reissen», sagt Raphael Gnägi voller Enthusiasmus. Der 31-Jährige leitet die Offene Jugendarbeit in Amriswil seit nunmehr einem Jahr. Gnägi sagt:

«Wir wollen frischen Wind in die Amriswiler Jugendarbeit bringen – und das soll man auch spüren in der Stadt.»

Zu seinem Team gehört seit letztem Herbst auch Valentina Sokolaj als Verantwortliche des Jugendtreffs Yoyo, der zwischen Egelmoosturnhalle und neuem Garderobengebäude liegt. Bereits seit zweieinhalb Jahren ist Olivia Miesch als Brückenbauerin für die Jugendlichen der Stadt tätig. Das Trio teilt 205 Stellenprozente unter sich auf.

Soja, Yoyo und Brückenbauer

Insgesamt sind es drei Bereiche, aus welchen sich die Fachstelle für offene Jugendarbeit Amriswil zusammensetzt:
1.) Sozialraumorientierte Jugendarbeit (Soja)
«Diese findet draussen statt und ist ortsungebunden», erklärt Raphael Gnägi, Leiter der städtischen Jugendarbeit. Gnägi sucht die Jugendlichen dort auf, wo sie sich häufig aufhalten, und sucht den Kontakt mit ihnen.
2.) Jugendtreffpunkt Yoyo
Dieser bietet Jugendlichen ab der Oberstufe bis 18 Jahre einen geschützten Rahmen, um Zeit mit Gleichaltrigen verbringen zu können. Valentina Sokolaj ist verantwortlich für den Jugendtreff.
3.) Jobcoaching Brückenbauer
Ein Angebot von Olivia Miesch. Sie unterstützt Jugendliche beim Finden von Praktika, Lehrstellen und anderen beruflichen Anschlussmöglichkeiten. (man)

Kaya Nas (begrufsbegleitender Praktikant).

Kaya Nas (begrufsbegleitender Praktikant).

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)

Doch nun haben Stadt, Schule und die beiden Kirchgemeinden als Trägerschaft der Jugendarbeit die Kapazitäten leicht erhöht und Mittel für weitere 50 Prozent gesprochen – zusätzlich zum dreiköpfigen Kernteam und zur bereits bestehenden und alle sechs Monate wechselnden Praktikantenstelle. Julia Näf und Kaya Nas heissen die neuen Mitglieder. Während Näf nach einem halben Jahr wieder ins Studium zurückkehrt, bleibt Nas mindestens vier Jahre und absolviert ein praxisbegleitendes Studium als Sozialarbeiter.

Oft geht es um Lärm, Littering und Vandalismus

Auch sein Vorgesetzter Gnägi hat das bereits so gemacht, «und ich finde das eigentlich eine ganz wertvolle Art, so zu studieren», sagt dieser. Es sei ein wenig wie eine Berufslehre: Drei Tage arbeiten, zwei Tage zur Schule gehen. Während Gnägi, Sokolaj und Miesch in ihren spezifischen Ressorts tätig sind, schauen die beiden Neuen in alle drei Bereiche hinein – vor allem jedoch im Jugendtreff Yoyo und in der Soja.

Raphael Gnägi (31) erhält von Kaya Nas (20) und Praktikantin Julia Näf (23) zusätzliche Unterstützung in der aufsuchenden Jugendarbeit.

Raphael Gnägi (31) erhält von Kaya Nas (20) und Praktikantin Julia Näf (23) zusätzliche Unterstützung in der aufsuchenden Jugendarbeit.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)

«Das steht für ‹Sozialraumorientierte Jugendarbeit›», erklärt Gnägi. Gemeint ist damit, das Aufsuchen der Jugendlichen an öffentlichen Orten wie etwa Schulhausplätzen Bahnhof oder Einkaufszentren. War diese «Soja» bislang nur am Freitagabend möglich, so ergibt sich nun durch die Pensenerhöhung die Kapazität, auch am Mittwochnachmittag raus auf die Strasse zu gehen. «Wir erreichen damit eine andere Zielgruppe», sagt Raphael Gnägi. Am Mittwoch seien eher Schüler der Sekundarschule unterwegs, am Freitagabend hingegen Lehrlinge oder auch ältere.

Oftmals gehe es um die Themen Lärm, Littering, und Vandalismus. Deshalb sucht Gnägi auf seinen Rundgängen durch die Stadt auch das Gespräch mit Erwachsenen.

Raphael Gnägi (Leiter der Offenen Jugendarbeit Amriswil).

Raphael Gnägi (Leiter der Offenen Jugendarbeit Amriswil).

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)
«Ich sehe mich als Vermittler, um einen Dialog zwischen der Erwachsenenwelt und den Jugendlichen herstellen zu können.»

So erklärt Gnägi seine Rolle. Und manchmal sei es nur ein Missverständnis, welches sich leicht lösen lasse. Die Amriswiler Jugendarbeiter tauschen sich deshalb auch regelmässig mit der Polizei und der Hundestaffel aus, die ebenfalls in der Stadt patrouillieren.

Stadtrat präsidiert den Verein

Die Fachstelle für offene Jugendarbeit Amriswil ist als Verein organisiert. Die Mitglieder des Vereins sind die Stadt Amriswil, die Volksschulgemeinde Amriswil-Hefenhofen-Sommeri, die Evangelische Kirchgemeinde Amriswil-Sommeri sowie die Katholische Kirchgemeinde Amriswil. Der Verein ist für die strategische Ebene innerhalb des Konzeptes sowie für deren regelmässige Überprüfung und Anpassung zuständig.

Präsident des Vereins ist FDP-Stadtrat Richard Hungerbühler (Ressort Jugend). Für die operative Umsetzung ist das fünfköpfige Team um Raphael Gnägi verantwortlich. Es bestimmt die konkreten Vorgehensweisen und entsprechende Wahl der Methoden zur Umsetzung der Aufträge und Vorgaben. (man)

Sieht Gnägi Jugendliche etwa auf einem Pausenplatz rauchen oder trinken, so spricht er sie an. Auf der einen Seite versucht er, einen Draht zu ihnen zu finden, aber er darf auch nicht moralisierend auftreten. Es sei ein schwieriger Grat zwischen Kumpel und Erzieher, «aber wir sind ausgebildet, diese goldene Mitte zu treffen», sagt Gnägi, verhehlt aber auch nicht, dass man sich dazu ständig hinterfragen müsse, denn «es gibt keine Musterlösung».

Alternativen aufzeigen, damit die Ratschläge nicht verpuffen

Valentina Sokolaj (Leiterin des Jugendtreffs Yoyo).

Valentina Sokolaj (Leiterin des Jugendtreffs Yoyo).

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)

Damit die guten Ratschläge der Jugendarbeiter nicht verpuffen, sei es wichtig, den Jugendlichen auch Alternativen aufzuzeigen. Und eine solche ist das Yoyo, wo die Jungen eben nicht nur herumhängen, sondern unter Aufsicht von Valentina Sokolaj zusammen feiern und spielen, aber auch spannende Projekte umsetzen können. Auch Ausflüge wie etwa in den Trampolinpark nach Winterthur organisieren das Yoyo. Dass während des Lockdowns auch das Yoyo geschlossen blieb, habe viele Jugendliche getroffen. Die Leiterin des Jugendtreffs sagt:

«Ihnen hat die Möglichkeit gefehlt, sich mit Gleichaltrigen in lockerer Atmosphäre zu treffen.»
Olivia Miesch (Verantwortliche für das Jobcoaching Brückenbauer).

Olivia Miesch (Verantwortliche für das Jobcoaching Brückenbauer).

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)

Weniger betroffen von Corona war Olivia Miesch. Die 25-Jährige leitet das Jobcoaching Brückenbauer und hilft Jugendlichen, bei denen es beim Übertritt ins Berufsleben stockt. Dazu ist sie intensiv im Austausch mit der Schule. «Ich erlebe diese Zusammenarbeit als sehr angenehm und wohlwollend», sagt sie. Es gebe regelmässige Austauschrunden mit den Akteuren der von der Schule geschaffenen Bildungslandschaft. In Zukunft möchte Miesch das Networking mit dem Gewerbe noch intensivieren. Doch mit lediglich 20 Stellenprozenten fürs Jobcoaching fehlt ihr dazu die Zeit. Diese investiert Miesch aktuell ganz in die Begleitung der Jugendlichen. Aber vielleicht gibt es ja auch da einmal eine Aufstockung.

www.yoyoamriswil.ch

Olivia Miesch (25) ist verantwortlich fürs Jobcoaching und Valentina Sokolaj (25) leitet den Jugendtreff Yoyo.

Olivia Miesch (25) ist verantwortlich fürs Jobcoaching und Valentina Sokolaj (25) leitet den Jugendtreff Yoyo.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 27. August 2020)