Der Gotthard steht in Biessenhofen

Der Amriswiler Ernst Schefer stellt Stufenreliefs her. Nun ist sein neustes Projekt fertig: In seinem Atelier entstanden sieben Alpenpässe.

Manuel Nagel
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Im Atelier in Biessenhofen erklärt Ernst Schefer Unternehmer Roland Gutjahr und Michael Kempf vom Naturmuseum Thurgau, wie seine Stufenreliefs entstehen.

Im Atelier in Biessenhofen erklärt Ernst Schefer Unternehmer Roland Gutjahr und Michael Kempf vom Naturmuseum Thurgau, wie seine Stufenreliefs entstehen.

Bild: Manuel Nagel (Biessenhofen, 8. September 2020)

Er hat es schon wieder getan. Und für seinen neusten Streich investierte er mehr als doppelt so viele Arbeitsstunden, wie für sein bisher berühmtestes Werk, den Thurgau. Ernst Schefer ist Reliefbauer aus Leidenschaft und wahrscheinlich der einzige seiner Art in der Schweiz. Wer ihm einmal über die Schulter geschaut hat, wie Hügel und Berge entstehen, der ist fasziniert von der Akribie des 76-Jährigen.

Seinen Heimatkanton hat er in eineinhalb Jahren und über 1800 Stunden gefertigt. Das Naturmuseum in Frauenfeld kaufte ihm das rund 1,5 mal 2,5 Meter grosse Relief ab und stellte es temporär aus. Barbara Richner, stellvertretende Museumsdirektorin und Sammlungskuratorin, sagte:

«Die Leute klebten an Ernst Schefers Relief, und die Ausstellung war sehr gut besucht.»

«Wir stellen nicht nur Blüemli aus», sagte sie anlässlich einer kleinen Vernissage, zu der Schefer letzte Woche geladen hatte.

Statt nach Moskau fuhr er aus Protest nach Athen

Ab 2022 will das Naturmuseum das Relief in einer Dauerausstellung der Öffentlichkeit zugänglich machen. Zuständig dafür wird Michael Kempf sein, früher im Landesmuseum und seit letzter Woche nun im Thurgau tätig.

Wo sein neustes Relief ausgestellt sein wird, weiss Schefer hingegen noch nicht. Es zeigt das Gebiet rund um den Gotthard mit den weiteren Pässen Oberalp, Furka, Grimsel, Susten, Nufenen und Lukmanier. Drei Jahre lang fuhr er beinahe jeden Tag in sein Atelier nach Biessenhofen und arbeitete von frühmorgens bis spätabends daran. Während der Coronazeit noch etwas mehr, weil er auf den obligaten Morgenkaffee in seinem Stammlokal verzichtete. Am Ende notierte Schefer rund 4000 Arbeitsstunden, die er in dieses Projekt gesteckt hatte. Doch es soll noch weitergehen und die Gotthardregion erst der erste von vier Teilen sein.

Diese Ausdauer zeigte Schefer früher auch beim Radfahren, seiner anderen grossen Leidenschaft, durch die er zum Reliefbau gefunden hat. «Alle diese Pässe habe ich schon mehrfach befahren», sagt Schefer. Und nicht nur das. 1980 wollte er mit dem Velo von der Schweiz nach Moskau zu den Olympischen Spielen fahren. Doch die erforderlichen Bewilligungen gab es nicht, sodass Schefer mit seinen Freunden aus Protest halt nach Athen fuhr, dem Ursprung der Olympischen Spiele. 3600 Kilometer in 14 Tagen. Oder er fuhr in Norwegen ein Rennen, innerhalb eines Tages von Trondheim nach Oslo – über 560 Kilometer.

Einst NLA-Fussballer mit einem Angebot des FC Basel

All das lässt nicht wirklich auf einen «fuule Sack» schliessen, wie Uttwils Gemeindepräsident Richard Stäheli an der Vernissage mit einem Augenzwinkern sagte. Ernst Schefers langjähriger Weggefährte erzählte von der gemeinsamen Fussballzeit beim FC Münsterlingen, dass Schefer unheimlich viel Talent hatte und deshalb nicht so hart trainieren musste wie die anderen. Stäheli erwähnte auch, dass Schefer in der NLA beim FC Biel gespielt habe. So gut, dass sogar der FC Basel damals auf ihn aufmerksam geworden sei und ihm einen Vertrag angeboten habe. Doch Schefer lehnte ab. «Es war damals halt eine andere Zeit», sagt Schefer und bereut nichts.

«Vom Spitzensportler zum Spitzenkünstler»

lobte Richard Stäheli das Schaffen seines Freundes «James», wie er ihn nennt.

Nun sucht der Künstler, der sich lieber als Handwerker bezeichnet, einen Käufer. Einen Preis will er jedoch hier nicht nennen. Die Arbeitszeit spreche für sich, findet Schefer. Er sähe es aber gerne, wenn sein Werk zusammen bliebe und letztlich auch die weiteren drei geplanten Teile bei derselben Institution landen würden. Denn mit seinen Reliefs will Ernst Schefer den Betrachtern Freude machen und diese faszinieren – so wie es sein Thurgau im Naturmuseum in Frauenfeld tat und hoffentlich auch noch lange tun wird.

Hinweis
www.reliefbau.ch