Der einsame Schreiber in der leeren Halle – oder weshalb Volley Amriswil ein ganz besonderer Verein ist

Am Donnerstagabend unterlagen die Oberthurgauer Volleyballer dem italienischen Weltklasseteam in der Champions League Qualifikation. Doch in gewissen Bereichen ist auch Volley Amriswil Weltklasse.

Manuel Nagel
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TZ-Sportredaktor Matthias Hafen schreibt noch an seinem Spielbericht, da ist die Tellenfeldhalle bereits leer geräumt.

TZ-Sportredaktor Matthias Hafen schreibt noch an seinem Spielbericht, da ist die Tellenfeldhalle bereits leer geräumt.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 29. Oktober 2020)

Trentino hat kurzen Prozess gemacht mit Amriswil. Einen Tag, nachdem die Italiener Dynamo Moskau auseinandergenommen haben, siegten die Volleyballer aus dem Südtirol auch mit 3:0 gegen das Heimteam. Doch nicht deswegen war es ein trostloses Bild, das sich am Donnerstagabend in der Tellenfeldhalle bot. Dass die Amriswiler gegen eines der besten Teams weltweit kaum eine Chance haben werden, durfte man so erwarten.

Leider ebenfalls erwarten musste man die neuen Bestimmungen des Bundesrates. Dieser beschloss am Mittwoch, dass vom nächsten Tag an nur noch 50 Zuschauer bei Sportanlässen zugelassen sind. Amriswils Spiel des Jahres fand also genau einen Tag zu spät statt – oder der Bundesrat entschied einen Tag zu früh.

72 Minuten bis zur Niederlage, 51 Minuten bis zur aufgeräumten Halle

So kamen nur 50 Helferinnen und Helfer von Volley Amriswil in den Genuss, den Topspielern von Trentino kurz bei der Arbeit zuzusehen. Um 19 Uhr begann das Spiel, um 20.12 Uhr verwertete der Kubaner Luis Sosa Sierra den Matchball.

Doch danach zeigten die Amriswiler, dass auch sie unheimlich schnell sein können. Bereits um 21.03 Uhr war die Halle leer geräumt. Nur noch der TV-Turm unter der Anzeigetafel und der speziell verlegte Taraflex-Boden waren noch nicht weg. Und auch Matthias Hafen, mein Kollege von der TZ-Sportredaktion, sass noch einsam am Klapptisch und schrieb die letzten Zeilen des Spielberichts in seinen Laptop.

Kurz vor dem Matchball der Italiener. Die Tellenfeldhalle sieht zu diesem Zeitpunkt immer noch aus wie ein kleines Stadion – mit Tribünen auf drei Seiten.

Kurz vor dem Matchball der Italiener. Die Tellenfeldhalle sieht zu diesem Zeitpunkt immer noch aus wie ein kleines Stadion – mit Tribünen auf drei Seiten.

Bild: Manuel Nagel (Amriswil, 29. Oktober 2020)

Nicht nur Matthias Hafen musste an diesem Abend länger arbeiten als die Italiener, bei denen der beste Spieler im Jahr etwa zwei Millionen verdient. Das ist doppelt so viel, wie Volley Amriswil im Jahr für den ganzen Verein – nicht nur für die Profis – zur Verfügung steht. Auch für die Amriswiler Spieler stand nach dem Spiel noch eine Einheit Krafttraining auf dem Programm. Das ganze Team von Trainer Marko Klok packte mit an und verräumte die schweren Tribüneneinheiten – und unterstützte so die vielen Helferinnen und Helfer, die wiederum mit ihrem freiwilligen Einsatz für ihre Mannschaft dieses einmalige Qualifikationsturnier zur Champions League während der letzten drei Tage möglich gemacht hatten.

Dass die italienischen Millionäre die Halle bei ihren Heimspielen ebenfalls aufräumen, kann man sich nur schwer vorstellen. Für die Amriswiler Profis hingegen ist diese kleine Geste der Wertschätzung gegenüber den vielen Helfern selbstverständlich. Man begegnet sich auf Augenhöhe. Auch, aber nicht nur deshalb ist Volley Amriswil ein ganz besonderer Verein.