Serie

Der Chefarzt bei den Müttern und Babys: Ein Besuch in der Frauenklinik Münsterlingen

Sommerserie Kantonsspital Münsterlingen: Die Visite ist kein alter Zopf, sondern Qualitytime für die Patienten. 

Martina Eggenberger Lenz
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Markus Kuther, der Chefarzt der Münsterlinger Frauenklinik, auf Visite in der Wochenbettabteilung. (Bild: Donato Caspari)

Markus Kuther, der Chefarzt der Münsterlinger Frauenklinik, auf Visite in der Wochenbettabteilung. (Bild: Donato Caspari)

Die Tür zum Patientenzimmer ist noch zu. Der Assistenzarzt informiert seinen Vorgesetzten darüber, was ihn auf der anderen Seite erwartet. Art der Geburt, aktuelle Werte, allfällige Probleme. Markus Kuther hört zu, fragt nach und drückt dann die Klinke. Zielstrebig geht er auf das Bett der Patientin zu, begrüsst die Wöchnerin, erkundigt sich nach ihrem Befinden. «Trinken sie ordentlich viel», rät der Chefarzt der jungen ­Mutter, die noch auf den Milcheinschuss wartet.

«Wie heisst denn der Kleine?»

Er wirft dem winzigen Neugeborenen im Bettchen einen interessierten Blick zu. «Schön. Und kommen sie mal wieder!» Kuther reicht der Patientin zum Abschied die Hand. Zusammen mit ­seinem Team verlässt er den Raum. Zwei, drei Minuten hat die Begegnung gedauert. Im nächsten Zimmer wird ein frisch gebackener Vater explizit für seine Geduld bei der Geburt gelobt. «Hat er etwa schon Erfahrung?», will Kuther mit einem Augenzwinkern in Richtung Mama wissen.

Hier die jungen Eltern, da die Fachleute im weissen Tenue. Die Hierarchie bestimmt deren Reihenfolge. Vorne die Ärzte, hinten die Pflegefachfrauen. Wenn kein Säugling schreit, dann klingelt garantiert irgendwo in einem Kittel ein Telefon.

Die Daten auf dem Papier erhalten ein Gesicht

Ungefähr eine Stunde dauert die Chefarztvisite. In dieser Zeit sehen Markus Kuther und seine Leute etwa 30 Patientinnen. Wobei diese Bezeichnung auf der Wöchnerinnenabteilung irreführend ist. Die Frauen sind in der Regel ja nicht krank. Sie haben nur gerade geboren. Früher habe die Visite die Funktion einer Lehrveranstaltung gehabt, erklärt Kuther. Der Nachwuchs habe so vom erfahrenen Arzt gelernt.

«Natürlich habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, ob es die Chefarztvisite am Wochenbett überhaupt noch braucht. Aber die Patienten schätzen sie eben sehr.»

Für ihn gehe es darum, die Patienten, die er sonst nur vom Papier kenne, zu sehen und zu begreifen. «Meine Fälle bekommen ein Gesicht.» Für die Wöchnerinnen sei die Visite eine Art Qualitytime. Sie sehen die Person, die schlussendlich auf der Station das Sagen hat. «Mir ist wichtig, dass ich auf Augenhöhe mit den Patientinnen kommunizieren kann. Wortwörtlich. Oft setze ich mich aufs Bett oder ich gehe in die Knie», erzählt der Chefarzt.

Besprechung des medizinischen Personals vor dem Betreten des Patientenzimmers. (Bild: Donato Caspari)

Besprechung des medizinischen Personals vor dem Betreten des Patientenzimmers. (Bild: Donato Caspari)

Manchmal müsse er den Frauen auch Dinge sagen, die sie nicht gerne hören. Zum Beispiel, dass sie das Fanta, das auf dem Tisch steht, lieber weglassen sollten. Oder dass die Zigaretten, die sie rauchen, ihrem Baby schaden. «Das ist das Gute an der Schwangerschaft. Sie ist für uns Ärzte wie eine Lupe. Wir sehen dank der standardisierten Anschauung, welche gesundheitlichen Probleme sich bei den Frauen abzeichnen, und können reagieren. Fürs Kind machen die Mütter nämlich einiges.»

In der Vergangenheit sei die Visite viel autoritärer gewesen, erinnert sich Sonja Manhart, Pflegeleiterin. Deswegen empfinde sie immer noch eine gewisse Anspannung, wenn es losgehe. Allerdings sei das Pflegeteam nun viel mehr integriert. «Die Ärzte betrachten uns als gleichwertig. Schliesslich sehen wir das komplexe Ganze. Die Visite ermöglicht uns einen Einblick in die medizinische Sicht.» Und die Patientinnen? «Sie sind uns gegenüber ehrlicher. Vor dem Arzt reissen sich die Frauen mehr zusammen», betont Anja Gölz, die Stationsleiterin.

Das dritte Kind kam per Kaiserschnitt

Schwierige Verläufe von Schwangerschaft und Geburt sind für das Team eine Herausforderung. Aber eine, welche die erfahrenen Spezialisten gerne annehmen. «Ich mag es, wenn es kompliziert wird», sagt Markus Kuther. «Einfach kann ja jeder.» Zackigen Schrittes geht es weiter. Der Ablauf wiederholt sich. Die Frau im nächsten Zimmer ist bereits eine erfahrene Mutter. Sie hat soeben das dritte Kind zur Welt gebracht, allerdings erstmals eines per Kaiserschnitt. «Warum dieses Mal Kaiserschnitt?», fragt der Chefarzt der Frauenklinik. «Wegen einer Steisslage. Und ich musste mir auch nichts mehr beweisen.», sagt die Patientin. Der Arzt führt noch ein kurzes, lockeres Gespräch, Händedruck, weiter geht’s.

Markus Kuther, der Chefarzt der Münsterlinger Frauenklinik, verabschiedet sich von einer Wöchnerin. (Bild: Donato Caspari)

Markus Kuther, der Chefarzt der Münsterlinger Frauenklinik, verabschiedet sich von einer Wöchnerin. (Bild: Donato Caspari)