Der Bischofszeller Otto Götsch trägt in Norwegen die Schweizer Fahne

Otto Götsch wird am Samstag eine grosse Ehre zuteil. Der 73-jährige Marathonläufer aus der Rosenstadt darf im norwegischen Tromsö als Schweizer Fahnenträger die olympische Flamme ein Stück ihres Weges begleiten.

Christof Lampart
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Otto Götsch präsentiert im Garten seine Meilentafel vom diesjährigen Antarktis-Marathon. (Bild: Christof Lampart)

Otto Götsch präsentiert im Garten seine Meilentafel vom diesjährigen Antarktis-Marathon. (Bild: Christof Lampart)

Am Samstag, 22. Juni, findet in Tromsö zum 30. Mal der «Sunshine Midnight Marathon» statt – der nördlichste Stadtmarathon überhaupt. Extra zum Jubiläumslauf kommt die olympische Flamme nach Tromsö und wird zur Eröffnungsfeier durch die Stadt getragen.

Die Vorfreude ist gross

Aus jedem der 53 Teilnehmerländer darf eine Läuferin oder ein Läufer die entsprechende Nationalflagge tragen. Von den 18 startenden Marathonläuferinnen und -läufern aus der Schweiz wurde Otto Götsch als Flaggenträger ausgewählt.

«Das ist schon ein besonderes Ereignis für mich, auf das ich mich sehr freue», erklärt er in seinem Bischofszeller Heim – und seiner Stimme ist die Vorfreude anzumerken.

Vom Jogger zum Marathonläufer

Die Einladung mag speziell sein, doch ungewöhnlich ist eigentlich so ziemlich alles an der Laufkarriere jenes Mannes, der erst mit Mitte 50 auf Anraten seines Arztes mit dem Joggen anfing.

Seinen ersten Marathon bestritt Götsch im Mai 2005 als 59-Jähriger in Zürich, den 200. dann 14 Jahre später am selben Ort. Legte er die 42,195 Kilometer bei seiner ersten Teilnahme noch in 3 Stunden und 52 Minuten zurück, so sind es mittlerweile 4 Stunden und 13 Minuten, wobei es Götsch nie auf die eigentliche Laufzeit angekommen ist.

Qualifikation für Boston früh schaffen

«Ich laufe, weil ich Spass haben und etwas von den Ländern und den Einwohnern sehen möchte. Ich könnte bei jedem Marathon schneller laufen. Aber was bringt es mir, wenn ich nachher völlig kaputt bin und dann Mühe habe zu regenerieren?»

Einmal jährlich gibt jedoch auch Götsch, der in seinem Berufsleben als Entwicklungshelfer in Kamerun und Sri Lanka tätig war, extra Gas, möchte er doch sicherstellen, dass er die Qualifikationszeit für den Boston-Marathon schon frühzeitig geschafft hat. «Das geht dann schon», schmunzelt er – und es mutet fast wie ein bisschen wie eine kokette Untertreibung an.

Dreimal bei den "Big Six" am Start

Tatsächlich hat der überaus rüstige Senior, der mittlerweile an über 100 Orten in über 50 Ländern (s)einen Marathon lief, schon so manchen Rekord gebrochen. So war er der erste Schweizer, der die sechs grossen Marathons dieser Welt (New York, Chicago, London, Berlin, Tokio und Boston) seit 2014 dreimal komplett absolviert hat.

Im Zeitraum 2016/2017 sogar innerhalb von elf Monaten. Was allein schon deshalb eine besondere Leistung ist, weil zwischen dem New York-Marathon und dem London-Marathon gerade einmal fünf Tage liegen. Doch was für einen Spitzenläufer undenkbar wäre, ist für Otto Götsch dank kluger Trainingsplanung und Laufeinteilung «absolut machbar».

Ehrgeiziges Vorhaben im Jahr 2021

Zu seinem 75. Geburtstag im Jahr 2021 will sich Götsch dann daranmachen, die «Big Six» in einem Kalenderjahr zu absolvieren. «Das wäre dann ein tolles Geburtstagsgeschenk, das ich mir selbst machen könnte. Vorausgesetzt die Gesundheit spielt bis dann mit», sagt er.

Viel wichtiger als Spitzenzeiten – meistens ist er in seiner Kategorie dennoch deutlich der Beste – sind Götsch die Reisen und die Erlebnisse. Im Januar startete er im indischen Chennai, im März in Hongkong und 31 Tage später am Antarctica-Marathon.

Dort war dann die Anreise abenteuerlicher als der Lauf selbst. Mit dem Flieger ging es zuerst nach Feuerland, dann mit einem russischen Forschungsschiff zehn Tage lang Richtung St. Georg-Insel.

Start bei minus 3 Grad

Dort, wo es dank der Anwesenheit einiger grosser Forschungsstationen auch Naturwege gibt, galt es eine Runde à sieben Kilometer sechsmal zu bewältigen. «Der Lauf war unspektakulär, aber mühsam, da es ständig leicht rauf und runter ging. Da kommt man schwer in einen eigenen Laufrhythmus».

Die Temperaturen waren hingegen angenehm. «Wir starteten bei minus 3 Grad. Später waren dann die Temperaturen im Plusbereich.» Was völlig reichte, um nach einer Runde die Trainingsjacke auszuziehen. «Wenn man läuft, kommt man halt schnell ins Schwitzen», stellt Götsch fest.

Eine Meile in der Antarktis gesponsert

Ein besonderes Souvenir hat er sich aus der Antarktis mitgebracht: seine eigene Sponsorentafel. «Als ich hörte, dass man für 200 Dollar eine Meilentafel sponsoren kann, habe ich das gemacht.

Das war dann eine Extramotivation für mich, wenn ich jedes Mal wieder daran vorbeikam», erzählt Götsch, dessen Planungen schon bis ins nächste Jahr hineinreichen. «Im Januar 2020 möchte ich am Mauritius-Marathon starten. Darauf freue ich mich als grosser Naturliebhaber jetzt schon.»