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Arbon hat einen neuen Signer:
Ein Balkon, der kippt und kippt

Der Kunstliebhaber Heinz Nyffenegger hat den Appenzeller Künstler Roman Signer mit einer Installation für sein Gebäude in Arbon beauftragt. Das Haus beherbergt eine interessante Kunstsammlung.
Max Eichenberger
Künstler Roman Signer und Kunstliebhaber Eugen Nyffenegger. (Bild: Max Eichenberger)

Künstler Roman Signer und Kunstliebhaber Eugen Nyffenegger.
(Bild: Max Eichenberger)

Bisher wirkte das Haus an der Brühlstrasse in Arbon unscheinbar. Seit Dienstagabend ziert es ein blauer Metallbalkon, der regelmässig nach unten kippt. Geschaffen hat die Installation kein Geringerer als Roman Signer.

Die Liegenschaft gehört dem Arboner Kunstsammler Heinz Nyffenegger. Sie diente früher als Werkgebäude für eine Heizungs- und danach eine metallverarbeitende Firma. Die oberen Stockwerke waren bewohnt. Nyffenegger hat das Gebäude vor zehn Jahren erworben. Ursprünglich wollte er darin Lofts einbauen. Die Baubehörde bemängelte aber die zu hohe Ausnützung. Das Projekt kam nicht zustande. Vielleicht auch gut so.

Denn für die Liegenschaft hat Architekt und Kunstliebhaber Nyffenegger inzwischen einen anderen Verwendungszweck gefunden. Er hat sie mit seiner Kunstsammlung bestückt und diese peu à peu ergänzt: Durch Zukäufe – und indem er vor Ort Künstler Auftragsarbeiten ausführen lässt und beherbergt. Derzeit arbeitet zum Beispiel das Bieler Künstlerpaar M.S. Bastian/Isabelle L. an einem grossflächigen Werk.

Schätze hinter schmuckloser Fassade

Das aussen schmucklose Haus ist darum kein gewöhnliches, wie es den Anschein erweckt: Es birgt in seinen Räumen zahlreiche Kunstschätze: Bilder, Installationen, Skulpturen. Eine Offenbarung für privilegierte Betrachter. An die grosse Glocke hängt sie der passionierte Kunstsammler nicht. Ebenso wenig sucht er selber das Rampenlicht. Die private Kunstsammlung ist nicht öffentlich im Sinne einer Galerie. Dass jederman darin «herumtschalpt», das will Heinz Nyffenegger nicht. Aber Kunstliebhabern und –interessierten macht sie der 69-Jährige gruppenweise zugänglich. So gewährt er im Schnitt wöchentlich eine Führung.

«Die Kunstsammlung soll privates Hobby bleiben», sagt der grossgewachsene Zürcher mit dem grauen Lockenhaar, den es vor vielen Jahren an den Bodensee verschlagen hat. Zum einen wegen des Aufwandes. «Zudem habe ich das Gefühl, dass meine Figur in Arbon nicht eben so wahnsinnig positiv besetzt ist.»

So will Heinz Nyffenegger seine Sammlung, trotz ihres bedeutenden Stellenwertes, im Unscheinbaren hegen und nicht ins grelle Schaufenster stellen. Darum bleibt etwa die Installation von Roman Signer im ehemaligen Waschküchenraum neugierigen Blicken verborgen. Und doch gibt es jetzt eine vorsichtige Öffnung. Vor einem halben Jahr nämlich hat Nyffenegger für seine Sammlung eine Stiftung mit dem Namen «ARtBON» gegründet – ein programmatisches Wortspiel. Daraus erwächst die Verpflichtung, sie massvoll zu öffnen.

Ein öffentliches Zeichen setzt der Sammler jetzt mit einem Auftragsprojekt von Roman Signer – «etwas Schrägem», wie Nyffenegger sagt. Wie es vom bekannten Aktions- und Konzeptkünstler Roman Signer nicht anders erwartet werden darf: ein stählerner blauer Balkon an der Fassade, der sich hydraulisch herunterklappen lässt. In Anlehnung an das bekannte Werk des Künstlers in Appenzell, wo ein Esstisch mit Sitzgarnitur im Fünf-Minuten-Takt durch den Wasserdruck Richtung Sitter kippt – und sich wieder aufrichtet.

Der rote Balkon am Nebenhaus war dem Aktions- und Konzeptkünstler Ideengeber. Signers Balkon, eine 110 mal 150 Zentimeter grosse Stahlkonstruktion, ist funktionell nutzlos. Gleichwohl war eine Bewilligung der Stadt dafür auf baugesetzlicher Grundlage erforderlich. Verschwiegen habe man in der Eingabe, dass es sich um ein Kunstprojekt handelt, schmunzelte Auftraggeber Nyffenegger an der Vernissage am Dienstagabend. Signer habe wohl als «Architekt» die Unterschrift geleistet. «Gemerkt hat das im Stadthaus aber niemand.» Das Projekt hat der Metallplastiker Marc Moser nach Signers Plänen umgesetzt. Paul Zäch war für die Hydraulik zuständig. Mit dem Balkon, der periodisch herunterklappt, spielt Signer mit der Idee latenter Ängste, die manche Menschen auf überhängenden Plattformen verspüren.

Nachtruhe wird nicht gestört

Ob durch Hydraulikpumpe über Hand-, Funksteuerung oder Zufallsgenerator: die Skulptur wird die Nachtruhe der Anwohner nicht stören. «Der Balkon ist nur tagsüber in Betrieb», sagt Nyffenegger. Zeitlich habe es pressiert: Signer will, dass sein jüngstes Werk noch Aufnahme in den vierten Band seines Werkverzeichnisses findet, das im Sommer erscheinen soll.

Säntis-Silhouette
sorgte für Aufsehen

Roman Signer ist am Samstag 80 Jahre alt geworden. An der Vernissage in Arbon präsentierte er sich gut und gerne zehn Jahre jünger. Ob es an den Appenzeller Wurzeln liegt? «Vielleicht auch – aber wohl doch eher an den Genen», meint er selber. Der Balkon ist das zweite Werk Signers in Arbon und wird Teil eines Arboner Skulpturen- und Kunstweges werden. Schon 1975 erregte Signer in Arbon für Aufsehen, als er mit Bernard Tagwerker über dem See monumental mit Ballonen die Säntis-Silhouette nachbildete. «Bis ein Sturm dann die Ballone platzen liess. (me)

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