Der Ärger des Gemeindepräsidenten: Egnach bangt um seine vielen Weiler

Der Kanton will in Klösterli, Wilen, Holz und andernorts mehr fast 14 Hektaren Bauland auszonen. Der Gemeinderat wehrt sich gegen die Pläne und geht hart ins Gericht mit den Verantwortlichen in Frauenfeld.

Markus Schoch
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Der Egnacher Gemeindepräsident Stephan Tobler im Weiler Olmishausen.

Der Egnacher Gemeindepräsident Stephan Tobler im Weiler Olmishausen.

(Bild: Reto Martin)

Gemeindepräsident Stephan Tobler kann nicht verstehen, warum ihn seine Gesprächspartner in Frauenfeld nicht verstehen wollen. «Die ganze Übung zielt bei uns am eigentlichen Problem vorbei und macht die Sache nur noch schlimmer.»

Der Grund für den Ärger von Tobler: Der Kanton will in Egnach 13,9 Hektaren beziehungsweise fast 43 Prozent der Weilerzone zu Landwirtschaftsland machen. Für die betroffenen Grundeigentümer bedeute das einen enormen Wertverlust ihrer Liegenschaft, sagt Tobler. Die Bodenpreise in den beiden Zonen unterscheiden sich um das Hundertfache. Tobler ist sicher, dass sich nicht alle diese materielle Enteignung gefallen lassen werden.

«Der eine oder andere wird Schadenersatz fordern, und zwar bei der Gemeinde.»
Gemeindepräsident Stephan Tobler.

Gemeindepräsident Stephan Tobler.

(Bild: Mareycke Frehner)

Und das obwohl die Gemeinde nichts falsch gemacht habe. «Alles lief korrekt.» Der Kanton habe den Zonenplan mit den Weilerzonen seinerzeit abgesegnet. Was den Regierungsrat jetzt aber nicht daran hindere, Teile davon als rechtswidrig zu erklären und die Gemeinde faktisch vor vollendete Tatsachen zu stellen, indem er auf dem Verordnungsweg zurückbuchstabieren wolle - vorbei am Grossen Rat, der in dieser Frage nichts zu sagen haben soll.

Der Bundesrat verlangt eine Überprüfung der Weiler

Der Kanton ist in Zugzwang. Bereits 2010 forderte der Bundesrat den Thurgau auf zu prüfen, ob die Weiler und Kleinsiedlungen in der richtigen Zone sind. Seit 2018 können sich die verantwortlichen Stellen in Frauenfeld nicht länger vor der Aufgabe drücken. Die Landesregierung genehmigte den teilrevidierten kantonalen Richtplan nur unter der Bedingung, dass der Thurgau die Pendenz endlich erledigt. Es geht darum, dem Willen der Bevölkerung Rechnung zu tragen, die an der Urne wiederholt unmissverständlich zum Ausdruck gebracht hat, dass die Zersiedelung gestoppt werden muss.

Klösterli ist einer der betroffenen Weiler in Egnach.

Klösterli ist einer der betroffenen Weiler in Egnach.

(Bild: Reto Martin)

Tobler will sich dem weit verbreiteten Anliegen nicht entgegen stellen. Als Mitglied der kantonalen Raumplanungskommission weiss der SVP-Kantonsrat ganz genau, wo vielen der Schuh drückt und was zu tun ist. In Egnach statuiere der Regierungsrat aber am völlig falschen Objekt ein Exempel.

Über die Jahrhunderte gewachsene Struktur

Die 68 Weiler in seiner Gemeinde seien nicht die sichtbaren Auswüchse des aktuellen Baulandhungers, sondern Zeugen einer über die Jahrhunderte gewachsenen Entwicklung. So wie die Streusiedlungen in Innerrhoden, die vor fünf Jahren zur Landschaft des Jahres erklärt worden sind. «Es käme niemand auf die Idee, sie zerstören zu wollen. Bei uns geht es aber genau in diese Richtung».

«Wenn sie uns die Weilerzonen wegnehmen, können wir nichts mehr machen, wie die Erfahrung zeigt».

Scheunen würden zerfallen, wenn keine Landwirte mehr da sind, die sie nutzen. «Selbst eine Sauna in einem separaten Gebäude zu bauen, wird nicht mehr erlaubt sein», sagt Tobler.

Das ausgezonte Bauland wird einfach umverteilt

Tobler lehnt die Pläne des Kantons aber nicht nur deshalb ab, weil Egnach wie keine andere Gemeinde im Thurgau negativ betroffen wäre. Fast noch entscheidender für ihn ist, dass sich die gute Absicht ins Gegenteil verkehrt: Die Zersiedelung wird nicht gebremst, sondern beschleunigt. Denn wenn in den Weilern von Egnach und anderswo im Thurgau Bauland (Weilerzone) verloren geht, eröffnen sich an anderen Orten neue Perspektiven.

Im Weiler Erdhausen soll alles beim Alten bleiben.

Im Weiler Erdhausen soll alles beim Alten bleiben.

(Bild: Reto Martin)

Der Kanton soll gemäss Tobler die ausgezonten Flächen vom Bund zur Umverteilung als Kontingent gutgeschrieben erhalten, und zwar in Form von Wohn-, Misch- und Zentrumszone. Der Egnacher Gemeindepräsident geht davon aus, dass vor allem Städte profitieren werden, indem sie die Möglichkeit erhalten zu wachsen.

Tobler erwartet vom Kanton mehr Mut zum Widerstand

Tobler würde sich wünschen, dass sich der Kanton auch im Interesse der Sache gegen das Diktat des Bundes wehrt, statt den Musterknaben zu spielen und Fehlentwicklungen in Kauf zu nehmen. Aussichtslos wäre es seiner Meinung nach nicht, auf die Hinterbeine zu stehen.

«An anderen Orten ist auch vieles möglich.»

Der Gemeinderat jedenfalls werde nicht einfach tatenlos zusehen, wie Egnach die Flügel gestutzt werden sollen. Und er kann sich gut vorstellen, dass sich zumindest auch Teile der Bevölkerung quer legt, wenn es um die Wurst geht.

Ein einzigartiges Erbe

In Egnach gibt es 68 Weiler – so viele wie in keiner anderen Gemeinde der Schweiz. Die kleinen Dörfer im Dorf sind Teil der Identität. Die besonderen Strukturen zu bewahren, wird nicht einfach sein, sagt Gemeindeammann Stephan Tobler.
Markus Schoch