«Dem Wald geht es nicht so gut, wie manche meinen» - Der Bischofszeller Förster Jürg Steffen sorgt sich um die Eschen und Ulmen

Der Borkenkäfer hat schon bessere Zeiten erlebt. Trotz nasser und kühler Perioden in diesem Jahr ist er aber nach wie vor eine Plage, der nur schwer beizukommen ist.

Georg Stelzner
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Mit einem Schäleisen trennt Revierförster Jürg Steffen die Baumrinde vom Stamm. Hat sich der Borkenkäfer schon hineingebohrt?

Mit einem Schäleisen trennt Revierförster Jürg Steffen die Baumrinde vom Stamm. Hat sich der Borkenkäfer schon hineingebohrt?

Bild: Georg Stelzner (16. Juni 2020)

Ist das Wetter heiss und trocken, fühlt er sich pudelwohl. Dann bohrt er sich genüsslich in den Baumstamm, legt lange Gänge an und vermehrt sich dutzendfach.

Besonders 2018 war das der Fall. Die Population des Borkenkäfers stieg damals aufgrund der lange anhaltenden Trockenperioden sprunghaft an. In Mitleidenschaft gezogen wurden in erster Linie Fichten.

Käfer sind heuer weniger aktiv

Die enorme Zunahme des Käfer­befalls liess sich trotz rechtzei­tiger Räumung des Käferholzes nicht stoppen. Die Verteilung der Käfernester über das ganze Kantonsgebiet erschwerte die Bekämpfung zusätzlich. Heuer muss sich der Borkenkäfer mit Bedingungen abfinden, die ihm weit weniger behagen.

Das wiederum freut Jürg Steffen, den für das Revier Aach-Thur-Sitter verantwortlichen Förster. «Im bisherigen Verlauf des Jahres hatten wir Riesenglück», stellt Steffen unter Hinweis auf die nassen und kühlen Tage in diesem Monat fest. «Die Käfer mögen das nicht; ihre Aktivität lässt spürbar nach. Eine solche Atempause tut dem Wald gut», sagt Steffen.

Kies lässt Wasser schnell versickern

Der Wald am Bischofsberg habe insofern auch einen Standortnachteil, als der Untergrund aus Kies besteht, führt Steffen aus. Dies führe dazu, dass das Wasser schneller versickert und in der Folge den Bäumen fehlt.

Das Walderlebnis steigert seinen Stellenwert wieder Dafür wird der seit drei Jahrzehnten in der Region Bischofszell tätige Revierförster jetzt mit einem neuen Phänomen konfrontiert.

Viele zieht es jetzt in den Wald

Der Wald erlebt im Zuge der Coronapandemie eine noch nie da gewesene Invasion von Menschen, die einen Ausgleich zum Homeoffice und eine Kompensation für untersagte Vereinsaktivitäten suchen. Jürg Steffen spricht von einer «ganz enormen Zunahme».

Ein Problem sei dies vor allem für die Bewirtschaftung des Waldes. Unter den jetzigen Bedingungen müssten beim Holzschlag aus Sicherheitsgründen viel grössere Areale abgesperrt werden.

Wald ist öffentlich zugänglich

Und sonst? Ein Ärgernis seien jene Jogger, Biker, Reiter und Hundebesitzer, die sich so verhielten, als gehöre der Wald ihnen, bedauert Steffen. Vom Mittel der Anzeige macht er trotzdem nur selten Gebrauch.

Dann nämlich, wenn nicht die geringste Einsicht zu erkennen ist. «Ich bin der Meinung, man sollte vernünftig miteinander reden. Das hilft meistens mehr.» Zu gravierenden Zwischenfällen oder schlimmen Verfehlungen sei es aber bis anhin nicht gekommen. «Es gibt gottlob auch positive Beispiele, was das Verhalten im Wald anbelangt.»

Eschen und Ulmen kämpfen ums Überleben

Abgesehen vom momentanen Run auf die Wälder, einer Erscheinung mit voraussichtlichem Ablaufdatum, beschäf­tigen den Revierförster ganz grundsätzliche Fragen.

Steffen ist überzeugt, «dass wir die Lage im Forstrevier Aach-Thur-Sitter im Griff haben und kein Grund zu akuter Sorge besteht». Die Einschätzung, dass es den Wäldern generell schon wieder besser gehe, mag Steffen aber nicht vorbehaltlos teilen.

Er verweist auf den Umstand, dass laufend Baumarten verloren gehen. So verschwinde wegen eines Pilzes etwa die Esche sukzessive, und auch das Ulmen­sterben schreite voran.

Schädlinge werden eingeschleppt

Durch die Globalisierung kommt es laut Steffen auch immer wieder zur Einschleppung von Schädlingen. Hier müsse der Hebel angesetzt werden, fordert der Revierförster. «Zum Beispiel durch strengere Kon­trollen bei Importen.»

Steffen plädiert für eine Artenmischung, durch die auch die Folgen von Stürmen gemindert werden könnten. Sein idealer Wald besteht zu zwei Drittel aus Laub- und zu einem Drittel aus Nadelbäumen.

Im Rahmen einer Verjüngung sollten auf jeden Fall standortgerechte Hölzer zum Zug kommen. Bäume, welche die Trockenheit relativ gut ertragen, seien Eichen, Linden, Föhren und Lärchen.

Das Forstrevier Aach-Thur-Sitter in Zahlen

Mit einer Gesamtfläche von rund 1600 ha gehört das Forstrevier Aach-Thur-Sitter zu den grossen im Thurgau. Es ist 2017 aus dem Zusammenschluss mit dem Forstrevier Zihlschlacht entstanden und erstreckt sich vom Bischofsberg bei Bischofszell in nördlicher Richtung bis Erlen und Amriswil. Am stärksten vertreten ist die Fichte (60 Prozent), es folgen mit grossem Abstand die Tanne und die Buche (je 15 Prozent). Die durchschnittliche Holzernte pro Jahr beträgt 9000 bis 10000 Kubikmeter. Der Bürgergemeinde Bischofszell gehören 320 ha, womit sie im Forstrevier Aach-Thur-Sitter die grösste Waldbesitzerin ist. (st)