«Dass die Mädchen nicht schwer verletzt wurden oder starben, ist reines Glück»: Bezirksgericht Arbon verurteilt zwei Raser zu 14 Monaten bedingt

Ein Freitag vor sieben Jahren: Zwei Raser brausen mit 130 Kilometern pro Stunde über eine 80er-Strecke. Sie verunfallen – und schlittern beinahe in zwei Teenagerinnen am Strassenrand. Die beiden Angeklagten gehen unterschiedlich mit ihrer Schuld um.

Annina Flaig
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Ein Raser auf einer Überlandstrasse.

Ein Raser auf einer Überlandstrasse.

Bild: Sandra Ardizzone / ZUR

Es geschah an einem Freitag mitten im Feierabendverkehr. Und es war ein Wendepunkt in seinem Leben. Das sagt Arben F.* am Montag kleinlaut vor dem Bezirksgericht Arbon. Wenn er nicht spricht, ist sein Blick meist nach unten gerichtet. Er lese viel und fahre Velo. Das habe er früher nicht gemacht. Früher interessierte er sich vor allem für sein Auto. Es war ein Mercedes Benz E 55 AMG. Das stärkste Modell der E-Klasse, welches er unerlaubterweise getunt, respektive umgebaut hatte.

Aufgewirbelte Steine treffen das Mädchen

An diesem verhängnisvollen Freitag vor sieben Jahren trifft er bei einer Autogarage in Amriswil zufällig auf David K.* und dessen Kumpel. Auch diese sitzen stolz in einem teuren Schlitten, einem Audi Quattro RS6. Ein äusserst leistungsstarkes Modell.

Die jungen Autoliebhaber sind 23 Jahre alt und kennen sich nicht. Anscheinend fahren sie zufälligerweise fast gleichzeitig los. Zuerst David K., dann Arben F. Ausserorts, auf der Hagenwilerstrasse, testen sie aus, was ihre dröhnenden Boliden so hergeben. Sie rasen mit fast 130 Richtung Hagenwil, einer dicht hinter dem anderen. David K. sagt:

«Ich war vorher noch nie mit einem so schnellen Auto gefahren.»

Am Strassenrand stehen zwei Mädchen mit ihren Mofas. Da passiert es: Ein weisser Kombi biegt langsam in die Strasse ein. Die beiden Raser treten auf die Klötze. Arben F. verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er crasht in das rechte Vorderrad des Audis. Beide driften unkontrolliert über 30 Meter vorwärts, geraten von der Fahrbahn ab und schlittern laut Anklageschrift mit einem Abstand von weniger als drei Metern an den beiden Mädchen vorbei. Eines rettet sich in die Wiese. Das Andere erstarrt im Schock wie zur Salzsäule. Es spürt aufgewirbelte Steine und Wiese an seinem Körper.

Staatsanwalt bezeichnet Tat als «skrupellos»

Den Rasern wird unter anderem Gefährdung des Lebens sowie qualifizierte grobe Verkehrsregelverletzung zur Last gelegt. «Dass die Mädchen nicht schwer verletzt wurden oder starben, ist reines Glück», sagt der Staatsanwalt vor Gericht. Er bezeichnet die Tat als «skrupellos». Über die Angeklagten sagt er:

«Sie frönten ihrem Geschwindigkeitsrausch rücksichtslos und hinterliessen einen Unfallplatz der Zerstörung.»

Aufgrund eines Beschwerdeverfahrens wegen Missachtung der Rechte hat es sieben Jahre gedauert, bis die Tat zur Anklage gebracht werden konnte. So zeigt sich vor Gericht nun quasi das Bild zweier gealterter Jungraser. Arben F., unterdessen ein bärtiger Mann und Vater zweier kleiner Kinder, erscheint in Jeans und Pullover zur Verhandlung. Er sitzt reumütig auf seinem Stuhl.

Der andere, David K. ist rasiert. Der unterdessen 30-Jährige trägt ein weisses Hemd und einen Anzug, trinkt viel Wasser und erinnert sich nicht mehr so recht daran, was damals passiert ist. Ihn treffe keine Schuld. Der andere habe ihn abgeschossen. Warum er denn so schnell gefahren sei, will der Richter von ihm wissen. «Das weiss ich nicht mehr», sagt der Beschuldigte. Ob er vielleicht die Geschwindigkeit seines Autos habe austesten wollen, fragt der Richter weiter. «Nein, gar nicht.» Überdies habe er nicht gesehen, dass einer hinter ihm herfahre. Er blicke immer nach vorne, auch jetzt versuche er aus dem, was passiert war, etwas Positives zu ziehen.

Arben F. ist offenbar ein ganz anderer Typ. Was passiert ist, beschäftige ihn seit sieben Jahren sehr. Er sagt:

«Ich habe versucht, mich bei den Mädchen zu entschuldigen.»

Doch der Kontakt habe nicht hergestellt werden können.

Ein gehöriger Denkzettel

Das Gericht berät sich lange. Schliesslich spricht es beide vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens frei, weil sie keinen direkten Vorsatz gefasst hatten. Nichtsdestotrotz kassieren die Männer einen gehörigen Denkzettel. Bei der Urteilsverkündung sagt der Richter zu den Angeklagten:

«Sie versuchen uns hier für blöd zu verkaufen. Doch das funktioniert nicht.»

Ein derartiger Unfall falle nicht vom Himmel. Das Gericht spricht beide der qualifiziert groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig. Bei Arben F. wiegt die Tat schwerer. Er erhält vom Gericht aber einen Bonus für sein reumütiges Verhalten. Bei David K. wird das Verschulden geringer eingestuft. Weil er aber keine Reue zeige und sich selbst stark in den Vordergrund stelle, wird er ebenfalls zu 14 Monaten bedingt vollziehbarer Freiheitsstrafe bei einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt. Beide müssen Verfahrens- und Untersuchungskosten von rund 12'000 Franken berappen.

* Namen der Redaktion bekannt

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