Das Brot fürs Leben kommt im bunten Sack durchs Fenster

Die Caritas Thurgau und die Katholische Kirche Weinfelden organisieren die Verteilung von Lebensmitteln an Arme. Die Organisation «Tischlein deck dich» kann derzeit nicht wie gewohnt diese Hilfe anbieten.

Sabrina Bächi
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Salome Kern verteilt die Lebensmittel durchs Fenster im katholischen Pfarreizentrum.

Salome Kern verteilt die Lebensmittel durchs Fenster im katholischen Pfarreizentrum.

(Bild: Andrea Stalder)

«Johannes» steht in grossen silbernen Lettern an der orangen Tür. Dahinter verbirgt sich ein kahles Zimmer. Grauer Boden, zwei schwarze Kühlschränke an der einen Wand. Zwei Reihen Tische mit blank geputzten Oberflächen in der Mitte des Raums. In dieser spartanischen Einrichtung stechen die dreissig gelben und vollbepackten Taschen auf den Tischen sofort ins Auge.

Sie sind der Grund, weshalb sich fünf Freiwillige an diesem Dienstagnachmittag im katholischen Pfarreizentrum in Weinfelden eingefunden haben. Denn die Taschen sind bis obenhin voll mit Lebensmitteln – bereit für die Abgabe an von Armut Betroffene.

Auf den Tischen warten die Lebensmittel-Säcke. Sie werden durchs offene Fenster abgegeben.

Auf den Tischen warten die Lebensmittel-Säcke. Sie werden durchs offene Fenster abgegeben.

(Bild: Andrea Stalder)

Die Fenster sind weit geöffnet, jede ankommende Person soll sehen, dass genau hier, am Fenster dieses spartanisch eingerichteten Zimmers, die Lebensmittelabgabe stattfindet.

Zu wenig Platz bei der Caritas

Salome Kern und Janine List von der Caritas Thurgau sind geübt in der Ausgabe von Lebensmitteln. «Zunächst haben wir Lebensmittelgutscheine, danach Lebensmittel aus unseren eigenen Räumlichkeiten der Caritas verteilt», sagt Janine List. Doch die Platzverhältnisse dort seien ungünstig. «Zumal wir seit dieser Woche auch frische Esswaren von der Schweizer Tafel erhalten haben», ergänzt Salome Kern.

«Wir hatten Platznot und haben uns an Armin Ruf von der katholischen Kirche Weinfelden gewandt.»

Die Kirche hilft in der Not Schnell war dann organisiert, dass die Caritas mit Hilfe Freiwilliger von der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) im Pfarreizentrum die Taschen verteilen. «Ich finde es sehr wichtig, dass die Kirche auch die Nächstenhilfe lebt. Es war daher keine Frage, die Caritas zu unterstützen», sagt Armin Ruf, Gemeindeleiter von Katholisch Weinfelden. Walter Knill nickt. Er ist einer der Freiwilligen der KAB. «Für Freiwilligenarbeit finde ich immer Leute», sagt er nicht ohne Stolz.

Eine Anmeldung ist nötig

Der Inhalt einer Lebensmitteltasche.

Der Inhalt einer Lebensmitteltasche.

(Bild: Andrea Stalder)

Dann ist es so weit: «Grüezi, wiä isch ihre Namä?» Freundlich begrüsst Salome Kern die erste Person durch die offenen Fenster und hievt einen schweren Sack aufs Fenstersims. Gewissenhaft streicht sie den Namen durch. «Nächste Woche», informiert sie, «machen wir es noch einmal, sie dürfen sich ab Morgen anmelden.»

Die Dankbarkeit der Menschen ist gross. Das Angebot habe sich umgesprochen, wöchentlich kämen mehr Anmeldungen. Gerechtigkeitssinn nennt Salome Kern den Grund, weshalb sie die Verteilaktion ins Leben gerufen hat. Denn sie weiss:

«Armut ist in der Schweiz ein Tabuthema.»

Gerade in Weinfelden, wo man sich kenne, bedürfe es Mut, an so einen Ort zu kommen und Unterstützung in Anspruch zu nehmen. «Ich selbst würde nicht kommen – nur wenn ich sehr grosse Not hätte», gibt sie ehrlich zu. Dann dreht sie sich erneut dem Fenster zu. Wieder eine Tasche weniger.

Am Ende sollte es für alle reichen. Und sonst «zaubern wir halt noch eine Tasche herbei», sagt List und überblickt das spartanisch eingerichtete Zimmer mit den weissen Tischen. Nur in einer Ecke hat es in einer Kiste noch sorgfältig geordnete Lebensmittel.

Fehlendes Angebot

«Tischlein deck dich» muss pausieren

«Normalerweise können Armutsbetroffene beim ‹Tischlein deck dich› Lebensmittel beziehen. Wegen der aktuellen Situation ist dies nicht möglich», sagt Salome Kern. Die beiden Frauen der Caritas arbeiten mit Armutsbetroffenen in Weinfelden. «Sie kennen uns und fragten, wo sie Essen bekommen, wenn es das ‹Tischlein deck dich› nicht mehr gibt», sagt List.

Hinweis: Anmeldung für die Lebensmittelabgabe unter 076 471 11 81 per SMS oder Telefon

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