Interview

Coronakrise: Abenteurer Jörg Heierli aus Schweizersholz war mit dem Velo in Afrika unterwegs – «Ich bekam zum Glück den letzten Flug»

Die Corona-Pandemie hat den Abenteurer gezwungen, seine Afrika-Umrundung auf zwei Rädern abzubrechen. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen und die schwierige Rückreise.

Georg Stelzner
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Wieder zu Hause: Jörg Heierli vor seinem Wohnsitz in Schweizersholz, hinter ihm das noch verpackte Fahrrad.

Wieder zu Hause: Jörg Heierli vor seinem Wohnsitz in Schweizersholz, hinter ihm das noch verpackte Fahrrad.

Bild: PD

Sie haben die Velotour aus nachvollziehbaren Gründen abgebrochen. War dieser Entscheid alternativlos?

Jörg Heierli: Ich wollte eigentlich durch Lesotho fahren, aber genau an dem Abend, bevor ich die Grenze passieren wollte, ging diese wegen Corona zu. Ich versuchte zuerst noch, rundum zu fahren, um möglichst schnell nach Swasiland und Mosambik zu kommen, bevor Südafrika die Grenzen dicht macht.

Wann und wo haben Sie die Entscheidung getroffen, die Fahrt nicht fortzusetzen?

Am Sonntag, 15. März, war ich bereits auf der Höhe von Maseru. Am Abend im Zelt bekam ich dann die Nachricht von der Rede des Präsidenten Südafrikas: Grenzen gehen zu, Schulen werden geschlossen! Das gleiche wie in Europa, nur zwei Wochen verzögert. Am Morgen dann ging es mit dem Taxi direkt nach Johannesburg, der Flug war gebucht. Manche Reisenden dachten noch, sie könnten sich ins nächste Land begeben und dort abwarten.

Was waren die ausschlaggebenden Gründe für die vorzeitige Rückkehr in die Schweiz?

Alles hatte sich Schlag auf Schlag geändert. Mein Visum lief bald aus. Es zu verlängern, wäre sehr schwierig gewesen. Bleiben hätte ich bei vielen Leuten können. Freunde hatte ich genug gefunden. Aber wenn schon in der Schweiz so ein Chaos herrscht, was passiert dann hier, wo man die Leute nicht isolieren kann, wo die Krankenhäuser jetzt schon marode sind und wo man einander schon bei Wahlen die Köpfe einschlägt? Nach Hause war der einzige Ausweg. Ich hatte Glück. Ich bekam den letzten Flug. Personen, die in Afrika festsitzen, müssen sich jetzt gegen Leute wehren, die sie beschuldigen, das Coronavirus gebracht zu haben. Sie bleiben zwischen Grenzen und Flughäfen stecken.

Wie fühlten Sie sich, als klar war, dass Sie die Reise nicht würden fortsetzen können?

Es war, wie wenn man sich mitten in einem Boxkampf befindet und dann der Ringrichter dir plötzlich sagt: «Du hast verloren!» Kein gutes Gefühl.

Können Sie dem Abbruch beziehungsweise dem Unterbruch der Reise auch etwas Positives abgewinnen?

Ich hatte meine Freunde und meine Familie mehr als anderthalb Jahre nicht mehr gesehen. Sie wieder zu sehen, war einfach grossartig. Ausserdem kann ich jetzt vieles aufarbeiten, was ich noch machen wollte.

War es schwierig, einen Rückflug nach Europa zu bekommen?

Ich buchte den ersten Flug, der günstig genug war. Dieser wurde aber gecancelled, so dass ich einen teuren Direktflug mit der Swiss buchen musste. Ich fand sehr schnell einen Gastgeber, wo ich bis zum Abflug bleiben konnte. Die Leute waren relaxt, aber Home Office und Hamsterkäufe hatten bereits begonnen.

Mussten Sie Sachen und das Velo in Afrika zurücklassen?

Übergepäck ist bei der Swiss extrem teuer. Ich musste einige eher unwichtige Dinge wie Küchenutensilien und First-Aid-Kit sowie diverse Ersatzteile zurücklassen, aber das Fahrrad und die Campingausrüstung nahm ich mit.

Wie erlebten Sie die Abreise aus Südafrika und die Ankunft in der Schweiz?

Am Flughafen war der Check-in problemlos. Seltsam war, dass es weder in Johannesburg noch in Zürich irgendwelche Vorkehrungen gegen das Coronavirus gab. Keine zusätzlichen Waschbecken, kein obligatorischer Abstand, keine Tests – nichts.

Wann trafen Sie wieder in Schweizersholz ein?

Ich kam am 20. März, am vergangenen Freitag, zu Hause an.

Eineinhalb Jahre in Afrika sind eine lange Zeit. Was bleibt am meisten im Gedächtnis?

Ich war und bin noch immer überrascht, wie gastfreundlich und herzlich die Leute sind. Ich hatte nie wirklich grosse Probleme, einen Platz zum Schlafen zu finden. Wenn man eingeladen wird und dann schon nach fünf Minuten mit «mein Sohn» angeredet wird, dann ist das ein herrliches Gefühl. Auch der komplette Gegensatz zu unserem westlichen Leben ist enorm. Man betritt in Afrika ein komplett anderes Universum. Um das zu verstehen, braucht es sehr lange.

Welches waren bisher die schönsten Länder?

Meine Favoriten sind Marokko, Gabun und Namibia. Marokko hat eine Riesenkultur, gewaltige Landschaften und gutes Essen. Gabun ist noch sehr unerschlossen, viel Regenwald ist unberührt. Und Namibia ist das härteste Land, wenn es ums Radfahren geht. Dafür kann es mit seinen Landschaften, der Tierwelt und der Kombination mit westlichen Läden, wie zum Beispiel deutschen Bäckereien, diese harten Bedingungen locker ausgleichen.

Welche Länder waren für Sie nicht so toll?

Jedes Land hat Vor- und Nachteile. Die Elfenbeinküste war landschaftlich und kulturell ziemlich langweilig. In Kamerun ist der Alkoholismus ein grosses Problem. Aber trotz allem musste ich auch dort nie um einen sicheren Platz zum Schlafen bangen.

Was fällt das Fazit der ersten Hälfte Ihrer Reise aus?

Im Allgemeinen haben wir in Europa eine völlig verdrehte Sichtweise, wenn es um Afrika geht. Wir glauben, vieles zu wissen, wie es dort ist und warum es die ganzen Probleme gibt. Verglichen mit unserer westlichen Welt ist Afrika fast spiegelverkehrt. Selbst wenn man lange dort war, versteht man als Westler kaum, was wirklich alles los ist. Leider gibt es viele Leute, die nie dort waren, und dann felsenfest davon überzeugt sind, dass der Kontinent so ist, wie sie ihn sich vorstellen. Damit macht man die Guten schlecht und die Schlechten gut. Das ist ein Effekt, der vor allem in den Medien und in den Sozialen Medien erschreckende Ausmasse annehmen kann, wie ich auch aus eigener Erfahrung weiss. Was schliesslich zu sehr vielen weiteren Problemen führt.