Bussnang
An der Kirchgemeindeversammlung gibt es viele kritische Fragen und eine emotionale Diskussion zum Geläut der Kirche

Am Donnerstagabend versammelten sich die Stimmberechtigten der Evangelischen Kirchgemeinde Bussnang-Leutmerken. Bei der Rechnung war sich der Souverän noch einig. Bei zwei Anträgen zur Änderung des Glockengeläuts nicht mehr. Kritische Fragen gab es zum Alterszentrum Bussnang und dessen finanzieller Situation.

Sabrina Bächi
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In den 1930er-Jahren wurde der Kirchturm um fünf Meter erhöht, damit man die Glocken besser hören kann. Am Donnerstag entschieden die Kirchbürger, dass der Stundenschlag auch nachts weiterhin zu hören sein soll.

In den 1930er-Jahren wurde der Kirchturm um fünf Meter erhöht, damit man die Glocken besser hören kann. Am Donnerstag entschieden die Kirchbürger, dass der Stundenschlag auch nachts weiterhin zu hören sein soll.

Bild: Donato Caspari

Die Zeichen am Himmel standen auf Sturm am Donnerstagabend. Stürmisch – zuweilen chaotisch – ging es auch an der Versammlung der Evangelischen Kirchgemeinde Bussnang-Leutmerken zu und her. Von christlicher Nächstenliebe war teilweise nicht viel zu spüren. Vielmehr debattierten und diskutierten die 95 Anwesenden teils mit harten Bandagen und emotional.

Denn es ging an diesem Abend nicht nur um ein heikles Thema, sondern, wie sich herausstellte, um zwei. Noch bevor die Stimmenzähler gewählt werden konnten, geht bereits ein Antrag ein. Ein Votant äussert sein Anliegen zu Traktandum sechs «Änderung der Läutordnung» und stellt den Antrag, gar nicht erst über eine Veränderung der Läutordnung abzustimmen.

Rechnung 2020 genehmigt

Was sonst noch lief an der Versammlung

Die 95 anwesenden Stimmberechtigten genehmigten die Rechnung 2020 mit einem Gewinn von knapp 46'000 Franken. Das ist 142'000 Franken besser als budgetiert und resultiert aus höheren Steuereinnahmen. Der Vorschlag wird dem Eigenkapital zugeführt. Zum Bau eines Gemeindehauses gibt Behördenmitglied Dirk Schlatterbeck Auskunft. Pläne werden erst an der nächsten Versammlung vorgestellt, davor soll es eine Informationsveranstaltung geben. Angedacht ist nun auch die Möglichkeit, das Kirchgemeindehaus auf dem Areal Deboni zu bauen. Ab Juli hat die Kirchgemeinde eine neue Jugendarbeiterin, die eine Cevi-Jungschar gründet. Der Startschuss dafür soll am 4. September fallen. (sba) 

Als das Traktandum sechs erreicht wird, diskutieren die Anwesenden darüber, ob man nun die geforderte grundsätzliche Abstimmung zur Läutordnung braucht, wenn doch die Stimmbürger einfach bei beiden Anträgen der Kirchenvorsteherschaft Nein sagen können. Doch der Votant lässt nicht locker und stellt einen zweiten Antrag: Man soll darüber abstimmen, ob die Anwesenden über seinen ersten Antrag abstimmen wollen.

Unübersichtliche Diskussion zur Läutordnung

Pfarrer Jann Flütsch, der als Vertreter der Behörde eigentlich das Anliegen der gut 80 Petitionäre zur Änderung der Läutordnung vorstellen wollte, versucht, den Überblick zu behalten. Er fasst es so zusammen:

Jann Flütsch, Gemeindepfarrer und Stiftungsrat des AZB.

Jann Flütsch, Gemeindepfarrer und Stiftungsrat des AZB.

Bild: Monika Wick
«Wir stimmen also darüber ab, ob wir über die grundsätzliche Frage abstimmen wollen.»

Man wollte – 44 Stimmberechtigte sagten Ja. Nachdem nun der erste Antrag zum Zug hätte kommen sollen, ergreift Pfarrer Jann Flütsch das Wort. «Ich fänd’s schade, wenn wir nicht darüber diskutieren und ich nicht vortragen kann, wie die Anträge der Kirchenvorsteherschaft überhaupt zu Stande gekommen sind.» Er lässt eine Diskussion über die Läutordnung zu.

Im Zuge dessen gibt sich eine Petitionärin zu erkennen und plädiert für die von ihnen geforderte moderate Anpassung des Geläuts. «Ich find’s speziell», äusserte sich ein anderer Votant, «wenn man hier herzieht und weiss, dass es eine Kirche hat und dann über den Lärm reklamiert. Die Kirche steht schon Hunderte von Jahren da. Wem das Geläut nicht passt, dem steht die Welt offen, dorthin zu gehen, wo man sich wohlfühlt.» Das Votum erntet Applaus.

Die Wiese unterhalb des Kirchhügels ist erst seit wenigen Jahren bebaut. Die Anwohner rund um die Kirchen hören das Geläut der beiden Kirchen auch nachts sehr deutlich.

Die Wiese unterhalb des Kirchhügels ist erst seit wenigen Jahren bebaut. Die Anwohner rund um die Kirchen hören das Geläut der beiden Kirchen auch nachts sehr deutlich.

Bild: Mario Testa

Eine Votantin ergänzt später, wenn man nicht schlafen könne, dann habe das wohl andere Gründe als die Glocken. «Die hört man nach kurzer Zeit gar nicht mehr.» Darauf antwortet Flütsch, dass man ja nicht probeschlafen gehe, bevor man ein Haus kauft oder baut.

Die Glocken läuten auch nachts weiter

Nach etlichem Hin und Her liest Flütsch doch noch seine Ausführungen vor. Weil die katholischen Kirchbürger in Bussnang ebenfalls schon über die Läutordnung abstimmten und eine Kürzung des Geläuts am Wochenende ablehnten, geht es nunmehr nur noch darum, ob man die Stundenschläge in der Nacht abstellen wolle, erklärt Flütsch.

Doch da war ja noch der Antrag, über den Grundsatzentscheid abzustimmen, ob man überhaupt auf das von der Kirchenvorsteherschaft vorgeschlagene Traktandum sechs eintreten will. Nur 28 waren dafür, 45 lehnten es ab und somit ist das Traktandum vom Tisch. Die Bussnanger Glocken werden auch inskünftig jede Viertelstunde die Zeit verkünden – auch nachts.

Stiftungsrätin muss einige kritische Fragen beantworten

Anschliessend geht es um Informationen aus dem Alterszentrum Bussnang (AZB). Kirchenpräsidentin Stefanie Stuckert gibt zunächst eine Stellungnahme ab. Sie erklärt den Anwesenden, weshalb man das Darlehen an das AZB von einer halben Million ablehnte. Die liquiden Mittel und die Sicherheit, ob das Alterszentrum eine Stiftung bleibt würden fehlen. Für diesen Entscheid wird die Behörde in der darauffolgenden Diskussion von den Stimmberechtigten nicht einmal kritisiert.

Kritik muss sich hingegen Jolanda Eichenberger anhören. Die Vizepräsidentin des Stiftungsrates muss mehrmals vom Sitzplatz ans Rednerpult, um Fragen zu beantworten. Obwohl der Stiftungsrat, wie Eichenberger sagt, keine Auskunftspflicht gegenüber der Kirchgemeinde hat, nimmt sie Stellung zu den finanziellen Schwierigkeiten.

Sie bestätigt etwa, dass in der Vergangenheit keine Rückstellungen für Bautätigkeiten gemacht wurden. Auf das Warum will sie aber nicht eingehen. «Für mich ist die Vergangenheit nicht wichtig, es geht nicht darum, einen Schuldigen zu suchen, sondern die Probleme anzugehen und die Zukunft zu gestalten», sagt Eichenberger. Mehrfach betont sie:

Jolanda Eichenberger, Vizepräsidentin Stiftungsrat AZB.

Jolanda Eichenberger, Vizepräsidentin Stiftungsrat AZB.

Bild: Andrea Stalder
«Ich verspreche Ihnen, wir stellen das AZB wieder auf sichere Füsse.»

Die Möglichkeiten dazu seien vielfältig. Aber man müsse sorgfältig abwägen. Angesprochen wird ein Verkauf des AZB, die Änderung der Stiftungsurkunde dahingehend, dass die Stiftung auch Gewinn erzielen soll, sowie der Verkauf des Personalhauses.

Einige Aussagen von Stimmberechtigten sprechen das angeblich schlechte Arbeitsklima im AZB an. Von guten Mitarbeitern, die gehen würden, von Gemauschel ist die Rede. Doch da die Aussagen nicht als Fragen formuliert sind, bleiben sie unbeantwortet im Raum stehen.

Nach genau zwei Stunden schliesst Präsidentin Stefanie Stuckert die Versammlung. Der Himmel draussen ist nun dunkel. Die Gespräche und der Austausch unter den Kirchbürgern werden draussen bei leichtem Regen fortgeführt. Der Sturm hat sich noch nicht verzogen.