Bürglen
Zwei Gutachten – zwei Meinungen: So soll die Piste des MXGP aussehen und sechs weitere Punkte

Die MXGP Suisse AG will in einem Schutzgebiet nationaler Bedeutung ein Motocross-Rennen durchführen. Um die Voraussetzungen für dieses Projekt zu klären, wurden zwei Gutachten erstellt. Sie zeigen, worauf die Veranstalter achten müssten. Eine Auflistung.

Sabrina Bächi
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So sah die Piste beim MXGP in Frauenfeld 2018 aus: Dort wurde diese auf Landwirtschaftsland erstellt.

So sah die Piste beim MXGP in Frauenfeld 2018 aus: Dort wurde diese auf Landwirtschaftsland erstellt.

Bild: Donato Caspari

Das Mowag Testgelände zwischen Weinfelden und Bürglen ist ein Biodiversitätshotspot und deshalb ein Schutzgebiet von nationaler Bedeutung. Doch ob dereinst auch ein Adler dort zu fliegen kommt, steht noch in den Sternen. Adler, oder auf Englisch Eagle, ist der Übernahme des Projektes, welches die MXGP Suisse AG auf dem Testgelände verwirklichen will. Um abzuklären, ob eine Motocross-Rennpiste in einem Naturschutzgebiet überhaupt möglich wäre, haben die MXGP-Veranstalter ein Umweltgutachten in Auftrag gegeben. Auf 25 Seiten erläutert es den Zustand des Schutzgebietes und erklärt, wie und wo die Rennpiste hinkäme. Anschliessend liess Pro Natura ebenfalls ein Gutachten erstellen, welches Bezug nimmt auf das bereits vorhandene Gutachten. Hier eine Auflistung der wichtigsten Punkte.

Die Gutachten:

Die MXGP Suisse AG hat das Bioforum von Bernhard Egli aus Schaffhausen mit dem Gutachten beauftragt. Pro Natura hat das Büro für Ökologie Kaden und Partner AG aus Frauenfeld für das zweite Gutachten beauftragt.

Die Piste:

Für den Verlauf der Piste wurden die wichtigsten Laichgewässer und Tümpel auf dem Testgelände kartiert. Die Pistenführung läuft grösstenteils auf der bereits bestehenden Panzerpiste. Die Gewässer werden mehrheitlich umfahren. Einzig ein Tümpel würde mit einem Eisenträgerrost überdeckt, worauf dann die Skybox mit Startboxen zu stehen kommt. Das zweite Gutachten empfiehlt, die Strecke noch mehr auf den bereits bestehenden Pisten aufzubauen oder auch die angrenzenden Strassen zu nutzen.

Bauarbeiten:

Ab Mitte August würden die Aufbauarbeiten starten. Bis spätestens eine Woche nach dem Anlass Mitte September wäre alles abgebaut. Rund 3000 Kubikmeter Aushubmaterial wird in das Schutzgebiet eingeführt. Gemäss Veranstalter würden die Fahrzeuge für den Auf- und Abbau ausschliesslich auf den Panzer- und Motocross-Pisten fahren. Das Gutachten des Ökologiebüros merkt an, dass diese Bauarbeiten wohl mit schweren Fahrzeugen getätigt werden, wodurch höchst wahrscheinlich Amphibien zerdrückt werden.

Das Mowag Testareal

Permanente Bauten:

Rund drei Sprünge sowie eine Passerelle, die dem Durchgang der Rettungsfahrzeuge dient, werden aufgebaut und dann stehen gelassen. Wie dem Gutachten der Veranstalter zu entnehmen ist, könnten bei diesen permanenten Elementen eine ökologische Aufwertung stattfinden, indem Steinlinsen darin eingepackt werden, die so als wertvolle Winterverstecke für die Amphibien dienen.

Startpiste:

Für die 80 Meter lange Startpiste wird die Magerwiese im Zentrum des Areals mit einem Spezialvlies überdeckt und mit Aushubmaterial aufgeschüttet. Höchstens eine Woche soll dies bestehen bleiben. Sollten erhebliche Schäden an der Wiese entstehen, so müsste sich der Veranstalter um eine ökologisch hochwertige Gestaltung der Fläche kümmern. Das zweite Gutachten kommt jedoch zum Schluss, dass das Abdecken der Magerwiese ein massiver Eingriff sei, der «vermutlich die ganze Fauna in diesem Bereich zerstört, was auch die Nahrungsgrundlage der Amphibien beeinflusst».

Die rosaroten Markierungen zeigen die Pistenanpassungen. Die Kreuze bedeuten eine partielle Anpassung.

Die rosaroten Markierungen zeigen die Pistenanpassungen. Die Kreuze bedeuten eine partielle Anpassung.

Bild: PD

Fauna:

Als stark gefährdete Tierarten gelten der Kammolch, Teichmol, Laubfrosch sowie Gelbbauchunke. Weiter wurden 2021 folgende Tiere im Areal gesichtet: Feldhasen, Zugvögel sowie Vögel aus der Ordnung der Regenpfeiferartigen, sogenannte Limikolen, Dorngrasmücken, Ringelnattern, Eidechsen, Blindschleichen, Libellen und Wildbienen.

Der stark gefährdete Kammmolch kommt im Mowag-Areal vor.

Der stark gefährdete Kammmolch kommt im Mowag-Areal vor.

Bild: iStockphoto

Ein spezielles Augenmerk liegt bei der Mowag-Testgrube aber auf den Amphibien. Dabei zeigt das Gutachten der Umweltverbände auf, dass der Laubfrosch etwa überall im Gebiet vorkommt, während sich die Gelbbauchunken, der Teich- und Kammmolch jedoch meist an gewissen Hotspots aufhalten. Diese Hotspots befinden sich im Gebiet der Motocross-Piste. Wie der Gutachter des Ökologiebüros schreibt, könnten gerade kleinere Populationen wie die des Teichmolchs in gefährlichem Masse beeinträchtigt werden.

Fazit:

Das Gutachten von Bernhard Egli kommt zum Schluss, dass eine Durchführung des MXGP unter gewissen Schutzmassnahmen möglich ist. Rund 17 solcher Massnahmen führt er auf. Auch sechs Fördermassnahmen werden genannt, um das Gebiet ökologisch weiter aufzuwerten. Zu nennen wäre hier etwa das Anbringen von Abbruchkanten für den Nestbau der Wildbienen. Eine detaillierte Baubegleitung sowie die Verpflichtung des Veranstalters zu einem «naturverträglichen Anlass» sind zwingende Voraussetzungen, heisst es dort.

Diese Auflistung zeigt, wo sich die stark gefährdeten Arten grossmehrheitlich aufhalten.

Diese Auflistung zeigt, wo sich die stark gefährdeten Arten grossmehrheitlich aufhalten.

Bild: PD

Das Gesuch von Kaden und Partner AG kommt zum Schluss, dass die Ersteingriffe und das Erstellen der permanenten Bauten über zwei bis drei Jahre gestaffelt erfolgen sollte. Ebenso wäre es wünschenswert, den Anlass nur alle zwei, besser drei Jahre durchzuführen, schreibt der Experte. Die Rennpiste müsste noch mehr auf der befestigten Fahrspur angelegt werden und es benötige eine Kommission aus verschiedenen Vertretern und Experten, die den MXGP aus ökologischer Sicht begleitet. Bemängelt wird, dass Begleiterscheinungen wie etwa Notfallzugänge, Streckenwächter, TV-Kameras oder Beleuchtung im Gutachten nicht erwähnt werden.

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