Bonau
Es fehlen die Artisten: Zirkus Stey geht erst im August auf Tournee

Nach zwei verkürzten Saisons wegen der Pandemie startet der Thurgauer Traditionszirkus Stey auch dieses Jahr nicht pünktlich in die neue Saison. Es fehlen die vorwiegend ukrainischen Artisten, Musiker und Mitarbeiter.

Mario Testa
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Pressechef Marco Knittel und Zirkusdirektor Martin Stey arbeiten derzeit im Winterquartier bei der historischen Thurbrücke in Bonau.

Pressechef Marco Knittel und Zirkusdirektor Martin Stey arbeiten derzeit im Winterquartier bei der historischen Thurbrücke in Bonau.

Bild: Mario Testa

Auf der Website des Zirkus Stey begrüsst die Überschrift «Tickets kaufen und Tournee 2022» die Besucher. Nach einem Klick auf diesen Link folgt jedoch gähnende Leere. Der Zirkus macht keinerlei Angaben, wann dann die Tournee starten soll. Ein Besuch im Winterquartier, dem ehemaligen Zollhaus an der historischen Thurbrücke in Bonau, bringt mehr Klarheit.

«Wir planen eine Tournee in diesem Jahr mit Start im August», sagt Zirkusdirektor Martin Stey. Eigentlich habe man auch wie üblich Ende März in die Saison starten wollen, doch das klappe nicht. «Uns fehlen die Artisten, Musiker und Mitarbeiter.» Schon in der Vergangenheit sei ein grosser Teil der Artisten des Zirkus Stey aus der Ukraine gekommen, seit vielen Jahren bereits das ganze sechsköpfige Orchester. Das sei auch dieses Jahr wieder der Plan gewesen – bis der Krieg diesen durchkreuzte.

«Dienstpflichtige Männer dürfen derzeit nicht aus der Ukraine ausreisen. Und selbst wenn sie könnten, sie wollen ihre Familien nicht einfach zurücklassen.»

Man sei nun intensiv auf der Suche nach anderen Artisten, um im August doch noch auf Tournee gehen zu können. Fallen russische und ukrainische Artisten weg, ist der Markt sehr eingeschränkt. «Etwa die Hälfte der Bewerbungen bekommen wir jeweils aus der Ukraine, viele auch aus Russland. Aus diesen zwei Ländern kommen sehr viele der Artisten in Europa», sagt Pressechef Marco Knittel.

Erstmals in der Geschichte des Zirkus Stey werde man aus diesem Grund wohl auch mit Musik ab Band anstelle des Orchesters arbeiten. «Wir wollen unserem bestehenden Orchester keine anderen Leute vor die Nase setzen. Das ist für uns eine Frage der Fairness.»

Mit Tieren in der Manege

Auch im Zirkus Stey gibt es jeweils Tiernummern. «Tiere gehören einfach zum Zirkus», sagt Martin Stey. Sein Zirkus gehe bei den Tiernummern aber immer einen eigenen Weg. «Wir gehen nur mit domestizierten Haustieren auf Tournee, also Kühen, Ponys oder Geissen. Der Effekt ist beim Publikum sehr gross.» Diese Tierarten seien auch von der Haltung her einfacher als beispielsweise Raubtiere oder Dickhäuter.

Büromitarbeiter Thilo Sehling führt die Ponys auf ihre Weide.

Büromitarbeiter Thilo Sehling führt die Ponys auf ihre Weide.

Bild: Mario Testa

Der Blick zurück in die vergangenen zwei Jahre während der Pandemie ist bei Zirkusdirektor Martin Stey durchzogen. «Angesichts der kurzen Zeit, in der wir spielen konnten, ist es gut gelaufen», sagt er. Man habe jeweils erst im August mit der Tournee beginnen können und 2021 sei sie wegen der neuen Einschränkungen im Spätherbst dann auch früher fertig gewesen als geplant. «Wir mussten zum Glück niemanden entlassen, da haut auch die Hilfe vom Staat geholfen, für die wir sehr dankbar sind.»

Richtig gut angekommen sei der erstmalige Versuch mit dem Weihnachtszirkus in Frauenfeld im Dezember. «Der Weihnachtszirkus lief super», sagt Projektleiter Marco Knittel. Momentan sind Knittel und Stey vor allem im Büro viel anzutreffen. «Wir bleiben optimistisch und planen unsere Tournee», sagt Martin Stey. «Auch sonst gibt es immer etwas zu tun, wir sind gut vorbereitet.»

«Zirkus ist eine ewige Baustelle.»

Wenn der Zirkus Stey im August zu seiner Tournée – wahrscheinlich in Diessenhofen – startet, werden zwischen 40 und 50 Mitarbeiter und Artisten im Tross mitreisen. Derzeit sind aber längst nicht so viele bei der Arbeit in Bonau. Und deshalb stehen auch einige der Zimmer frei. Das gibt dem Team die Möglichkeit, Kriegsflüchtlingen zu helfen (siehe Kasten).

Artistin aus der Ukraine

Zurzeit leben auf dem Gelände des Winterquartiers des Zirkus Stey vier Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind. «Wir fühlen mit, haben einen starken Bezug zur Ukraine. Eine Artistin hat Kontakt zu meiner Frau aufgenommen und gefragt, ob sie zu uns kommen kann», sagt Martin Stey. «Sie ist dann mit ihrer Stiefmutter, der Schwester und deren Sohn vor zwei Wochen bei uns angekommen. Die vier leben nun hier bei uns in Sicherheit.»