Bischofszells Stadtpräsident nach Massenkündigungen bei Baufirma Marty: «Ich war persönlich am Firmensitz, habe jedoch niemanden angetroffen»

Die zahlreichen Kündigungen in der Baufirma Marty AG kommen für den Stadtrat Bischofszell überraschend.

Georg Stelzner
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Firmensitz der Marty AG an der Industriestrasse in Bischofszell Nord.

Firmensitz der Marty AG an der Industriestrasse in Bischofszell Nord.

Bild: Georg Stelzner

«Damit hat niemand im Stadtrat gerechnet», sagt Stadtpräsident Thomas Weingart zu den Kündigungen in der Baufirma Marty AG. Er habe auch erst aus den Medien davon erfahren. Die Konsternation ist entsprechend gross.

Ausbleibende Aufträge

Die Gewerkschaft Unia spricht von 60 Kündigungen, die Firma selber von 40 bis 50. Gegenüber der «Thurgauer Zeitung» argumentiert Verwaltungsratspräsident Patrick Manser mit der Auftragslage, welche für die Zukunft nicht mehr so gut sei. Es fehlten Folgeaufträge. Nach den Worten Mansers soll das Bauunternehmen jedoch bereits wieder im Begriffe sein, neues Personal zu rekrutieren.

Die Marty AG ist seit dem Jahr 2015 in Bischofszell ansässig, hat in der Rosenstadt laut Weingart aber nur wenige Aktivitäten entwickelt und somit kaum Spuren hinterlassen.

Ihm sei nur gerade ein Baugesuch bekannt, das mit dieser Firma in einem Zusammenhang steht, sagt Weingart. Das Bauunternehmen errichtet in erster Linie Mehrfamilienhäuser und realisiert zudem Überbauungen.

Thomas Weingart, Stadtpräsident von Bischofszell.

Thomas Weingart, Stadtpräsident von Bischofszell.

Bild: Donato Caspari

Stadtpräsident wartet auf Antworten

Der erste Versuch einer Kontaktaufnahme mit Verantwortlichen der Marty AG sei erfolglos verlaufen, führt Weingart aus. «Ich war persönlich am Firmensitz an der Industriestrasse, habe jedoch niemanden angetroffen. Und mein Mail ist ebenfalls noch unbeantwortet.»

Ob auch Einwohner Bischofszells von der drastischen Massnahme betroffen sind, vermochte Weingart am Dienstag noch nicht zu sagen. Sollte dies der Fall sein, werde die Stadt im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Bis jetzt habe sich aber noch niemand im Rathaus gemeldet.

Die Leute, die nun gewissermassen über Nacht ihren Arbeitsplatz verloren haben, täten ihm sehr leid, sagt Weingart. Ärger und Verbitterung auf Seiten der Betroffenen seien verständlich. Der Stadtpräsident kennt keine Arbeitnehmer der Marty AG persönlich und vermutet, dass die meisten ihren Wohnsitz auswärts haben.

Abflachende Hochkonjunktur

Einen vergleichbaren Fall hat es seit Weingarts Amtsantritt im Jahr 2015 in Bischofszell noch nicht gegeben. Die letzten Jahre seien im Zeichen der Hochkonjunktur gestanden, gibt der Stadtpräsident zu bedenken.

Diese beginne nun abzuflachen. Der Zenit sei erreicht respektive überschritten. «So gesehen ist die Begründung für die Kündigungen nachvollziehbar», erklärt Weingart. Die Verantwortlichen hätten es sich wohl auch anders gewünscht, ist er überzeugt.

Anzahl der Baufirmen ist in Bischofszell rückläufig

Ausser der Marty AG, deren Zukunft nach der Kündigung von 60 Mitarbeitern in den Sternen steht, sind in Bischofszell im Moment noch zwei weitere Unternehmen der Baubranche angesiedelt: die im Tief- und Strassenbau tätige Firma «bürgibaut» und die Bruno Jung GmbH, die sich auf Renovationen sowie Neu- und Umbauten spezialisiert hat. In der Rosenstadt hatten in früheren Jahren auch noch andere Bauunternehmen eine Niederlassung, nämlich die Firmen Koch-Heer & Gantenbein, Dörig und Stutz. Die nun in die Schlagzeilen geratene Marty AG ist ein typisches KMU und gehört in Bischofszell zu den mittelgrossen Betrieben. (st)

Eine andere Sache sei das Vorgehen der Firmenleitung. Sollte es tatsächlich zu Rechtswidrigkeiten, wie sie von der Gewerkschaft beklagt werden, gekommen sein, wäre das bedauerlich, ergänzt Weingart.

Bischofszell Ruf leidet nicht

Die Befürchtung, dass die Entwicklung in der Firma Marty negativ auf die Stadt Bischofszell abfärben könnte, hat Weingart nicht. «Das könnte höchstens dann geschehen, wenn es zu einer Häufung solcher Fälle kommt», sagt er.

Der Stadtpräsident hofft, dass die Bauunternehmung Marty wieder Boden unter den Füssen bekommt und ihren Betrieb in Bischofszell aufrechterhalten kann.