Bischofszell
Zeitreise ins Mittelalter: Sagenumwobenes aus der Rosenstadt

Die Bischofszeller Nachtwächter führten die Besucher auf ihrem Rundgang am Freitagabend nicht nur durch dunkle Gassen, sondern auch durch einige Rosengärten.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Die Bischofszeller Nachtwächter beim Barocken Rosengarten: Pius Hofstetter, Sepp Rusch, Bernhard Bischof und Kurt Müller.

Die Bischofszeller Nachtwächter beim Barocken Rosengarten: Pius Hofstetter, Sepp Rusch, Bernhard Bischof und Kurt Müller.

Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

Nachtwache kannte keine Ferien: Es war die Aufgabe des Nachtwächters im Mittelalter, nachts durch die Strassen und Gassen der Stadt zu gehen und für Ruhe sowie Ordnung zu sorgen. Die schlafenden Bürger musste er vor Feuersbrünsten, Dieben und Feinden warnen. So wie in früheren Zeiten während der Sommerzeit waren auch am Freitagabend vier Bischofszeller Nachtwächter unterwegs – Zunftmeister Bernhard Bischof, Zunftschreiber Pius Hofsetter, Uhrenwart Sepp Rusch und Fackelwart Kurt Müller.

Zur neunten Stunde ertönte der Wächterruf unter dem Bogenturm: «Hört ihr Leut und lasst euch sagen, die Glock vom Turm hat neun geschlagen, macht es nicht wie jene neun, gegen Gott undankbar sein.» Die Nachtwächter luden auf einen speziellen Rundgang ein – nicht nur durch dunkle Gassen, sondern auch durch einige Rosengärten. Die 45 Besucherinnen und Besucher erfuhren im Laternenschein allerlei Wissenswertes aus alter Zeit – viel Schreckliches und Düsteres, aber auch viel Erheiterndes und Skurriles.

70 Heil- und Nutzkräuter definiert

Der Rundgang führe auch durch einige Rosengärten.

Der Rundgang führe auch durch einige Rosengärten.

Bild: Reto Martin (22. Juni 2019)

Dabei waren nicht nur Geschichten über die Nachtwächterei in Bischofszell, die fürchterlichen Brände und die Pest aus dem Jahr 1611 zu hören. Viel Spannendes gab es unter anderem über Heilpflanzen im mittelalterlichen Klostergarten zu erfahren. In der Zeit von Karl dem Grossen wurde um 812 nach Christus der Anbau von Rosen nicht nur als Gartenblume empfohlen, sondern auch als Heilmittel. Deshalb erhielt sie in der damaligen Zeit den Namen «Rosa gallica» – Apotheker-Rose. Schlecht heilende Wunden wurden mit der Wildrose behandelt. Bereits im Mittelalter wurde zudem die Hagebutte zur Behandlung verschiedener Krankheiten wie Erkältungen, Magen-Darm-Beschwerden und Gicht verwendet.

In der Landgüterverordnung von Karl des Grossen wurden 70 Heil- und Nutzkräuter definiert, die er empfohlen hat anzupflanzen, um einen höheren Gesundheitsgrad bei der Bevölkerung zu erreichen. So wurde die Frauenminze im Mittelalter durch Mönche nach Mitteleuropa gebracht. Hier war sie lange Zeit eine hochgeschätzte Heilpflanze und wurde durch die Verordnung von Karl dem Grossen in allen Klöstern und staatlichen Gärten angebaut. Der Frauenminze wird eine krampflösende Wirkung nachgesagt. Der Rundgang führte auch zur Wildrose «Rosa gallica Tuscany» am Wildrosenhang unterhalb des Känzelis. Sie wurde 1596 gezüchtet, in dem Jahr, als eine Kindsmörderin in Bischofszell den Sühnetod erlitt.

Besucher sind begeistert

Bernhard Bischof hat die Nachtwächter in Bischofszell wieder aufleben lassen.

Bernhard Bischof hat die Nachtwächter in Bischofszell wieder aufleben lassen.

Bild: Reto Martin (24. März 2013)

Bis 1940 standen in Bischofszell die Nachtwächter auf der Lohnliste der Stadt. Im Jahre 2004 wurde die Bischofszeller Nachtwächter- und Türmerzunft durch Bernhard Bischof gegründet. Seither haben die Nacht- und Turmwächter schon mehr als 1200 Rundgänge gemacht. Insgesamt haben bereits über 33‘000 Besucherinnen und Besucher aus nah und fern daran teilgenommen.

Claudia Rusch aus Mettlen erzählte, dass sie schon einige Male an den Rundgängen teilgenommen habe. Ihr Vater Sepp Rusch sei der Uhrenwart bei den Nachtwächtern. «Die Bischofszeller Geschichte interessiert mich sehr, denn ich bin hier aufgewachsen. Jeder Rundgang ist etwas Besonderes – es gibt immer etwas Neues zu erfahren. Im Herzen bin ich halt nach wie vor eine Bischofszellerin», sagte sie. Susanne Weber wohnt seit einem Jahr in der Altstadt von Bischofszell. «Ich finde es toll, dass diese Nachtwächtertradition gepflegt wird. Überhaupt – Bischofszell ist ein wunderschönes, übersichtliches Städtchen. Mir gefällt es ausgezeichnet. Deshalb bin ich hierhin gezogen.»

Nachtwächter-Rundgänge

Nächster Anlass im August

Am Samstag, 7. August, um 21 Uhr findet der nächste öffentliche Rundgang der Bischofszeller Nachtwächter- und Türmerzunft statt. Es ist der Vorabend vor Neumond – am Tag vor dem Heiligen Dominikus.

Im Jahre 2016 war das Jubiläum «800 Jahre Dominikanerorden». Anlässlich des Festgottesdienstes der Bischofszeller Rosen- und Kulturwoche 2017 wurde eine Rosen-Neuzüchtung auf den Namen «Dominikus» getauft. Dies auf Privatinitiative von Dominik Lauchenauer, Präsident der Schweizerischen Bruder Klaus Gesellschaft. Eine «Dominikus»-Rose (Blüte helles Sonnengelb) steht seither im Barocken Rosengarten in Bischofszell. Weitere Informationen unter: www.nachtwaechter.ch. (yal)

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