Bezirksgericht Weinfelden: Neulenker rasen mit 239 km/h durch den Mittelthurgau und die Region Wil

Wegen mehreren Fahrten im gemieteten Sportwagen müssen sich zwei junge Schweizer aus der Region Wil vor Gericht verantworten.

Mario Testa
Merken
Drucken
Teilen
Viel zu schnell unterwegs auf Überlandstrassen.

Viel zu schnell unterwegs auf Überlandstrassen.

Fotolia

«Das ist der krasseste Fall von Raserei, den wir je am Bezirksgericht Weinfelden zu beurteilen hatten», sagt der vorsitzende Richter zum Schluss der Hauptverhandlung am Dienstagnachmittag. Vor ihm sitzen zwei 21- und 20-jährige Schweizer aus der Region Wil.

Der ältere Hauptangeklagte hatte sich zu seinem Geburtstag im Frühling 2017 ein Wochenende lang einen Sportwagen mit fast 500 PS gemietet. «Es war schon immer mein Traumauto», sagt er. Mit seinem Kollegen auf dem Beifahrersitz raste er einen Tag lang kreuz und quer durch die Region.

Videos liefern Beweise

Insgesamt sechs Fahrten mit teils massiv überhöhter Geschwindigkeit konnte die Polizei dem jungen, geständigen Fahrer nachweisen. Sein Kollege hatte die Fahrten jeweils gefilmt und im Internet geteilt, so lieferten die beiden gleich selbst die Beweise für ihre Raserfahrten. Vorgängig besichtigten die beiden die Strecken jeweils bei einer Fahrt in der Gegenrichtung.

Die extremste Fahrt machten die beiden gleich zu Beginn am frühen Freitagnachmittag. Über die Kantonsstrasse von Lommis nach Affeltrangen donnerten sie mit 239 km/h, also fast dreimal so schnell wie erlaubt. Es folgten Fahrten mit 197, 187 und 159 km/h ausserorts. Dazu drückte der Fahrer auf der oberen Bahnhofstrasse in Wil den Boliden auf über 100 km/h. Auf die Frage des nebenamtlichen Richters Hermann Grünig sagt der Mann:

«Ich kam aus der Kurve, hatte den zweiten Gang drin und einmal aufs Gas gedrückt. Es ging mir nur um die Beschleunigung, wollte nicht so schnell fahren.»

Doch der Richter hakt nach: «Offenbar hatten Sie Freude am Rasen. Ist diese Lust nun weg?» Der Angeklagte antwortet ausweichend: «Die Gefahr, die man eingeht, ist einfach zu gross. Es ist es nicht wert.»

In diesem Gerichtssaal mussten sich die beiden Angeklagten verantworten.

In diesem Gerichtssaal mussten sich die beiden Angeklagten verantworten.

Mario Testa

Maximalstrafe ohne Gefängnisaufenthalt gefordert

Im abgekürzten Verfahren hatten sich die Verteidiger und die Staatsanwaltschaft Frauenfeld auf eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten bedingt wegen mehrfacher qualifizierter grober Verkehrsregelverletzung geeinigt – bei einer fünfjährigen Probezeit.

«Es war ein Tag in jugendlichem Leichtsinn. Mein Mandant hat sich verleiten lassen.»

Zum Glück habe es keine Unfälle gegeben, sagt der Verteidiger des Hauptangeklagten. «Er hatte keine Ahnung von den physikalischen Gesetzen und den damit verbunden Gefahren», sagt der Verteidiger des Hauptangeklagten. Dieser zeigt sich reuig.

«Ich weiss nicht mehr, was mich da geritten hat. Möchte das Ganze nun aber hinter mir lassen.»

Für den zweiten Angeklagten fordert die Staatsanwaltschaft eine bedingte Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 80 Franken.

Richter weisen Anklageschrift zurück

Das Bezirksgericht ist nicht bereit, die Anklageschrift zum Urteil zu erheben. «Wenn das mit einer bedingten Freiheitsstrafe durchgeht, wird das Strafrecht zur Farce; auch der Rechtsstaat», sagt der Richter. «Sie handelten vorsätzlich und man kann absolut nicht mehr von einer abstrakten Gefährdung sprechen, die war sehr konkret. Das war eine potenziell tödliche Raserei.»

Erschwerend komme hinzu, dass der Hauptangeklagte nur einen Monat vor der Raserfahrt eine Vorstrafe wegen grober Verkehrsverletzung erhalten habe. Der Richter sagt:

«Ihre Einsicht war also gleich Null, nein unter Null»

Das Gericht weist die Anklageschrift einstimmig zurück. Auch weil die Verteidigung eine, vom Gericht vorgeschlagene, teilbedingte Freiheitsstrafe für den Hauptangeklagten nicht akzeptiert. Der Fall muss nun neu aufgerollt werden.